Familiendrama in Unterensingen „Drohungen sind ernst zu nehmen“

Von Liviana Jansen 

Laut der Stuttgarter Jugendamtsleiterin Susanne Heynen kündigt sich die Hälfte aller Familientragödien vorher an. Die promovierte Psychologin hat in ihrer Forschungsarbeit mit Erwachsenen gesprochen, die als Kinder Familiendramen überlebt haben.

Susanne Heynen ist seit vergangenem Jahr die Leiterin des Stuttgarter Jugendamtes. Foto: Lichtgut/Leif Piechowski
Susanne Heynen ist seit vergangenem Jahr die Leiterin des Stuttgarter Jugendamtes. Foto: Lichtgut/Leif Piechowski

Stuttgart - Die promovierte Psychologin Susanne Heynen leitet seit 2016 das Stuttgarter Jugendamt. Für ein Forschungsprojekt hat sie mit Erwachsenen gesprochen, die als Kinder Familiendramen überlebt haben.

Frau Heynen, geschehen Gewaltaten vor allem­ in Familien, die nach außen vorbildlich wirken? Betrachtet man die Fälle in jüngster Zeit, könnte sich einem zumindest der Eindruck aufdrängen. Und ist es deshalb für das Umfeld besonders schwierig, die drohende Gefahr zu erkennen?
Ein Teil der Familien wirkt tatsächlich wie aus dem Bilderbuch, bei einem anderen Teil wissen zumindest die Beratungsstellen und das soziale Umfeld über Probleme im Zusammenleben Bescheid. Aus meiner Forschung weiß ich, dass etwa 50 Prozent solcher Taten in irgendeiner Form angekündigt werden. Da gab es bereits vorher Gewalt oder existenzielle Drohungen in der Familie. Häufig ist es aber so, dass diese Familien trotzdem sehr unauffällig scheinen, bis sich in einer schwierigen Phase alles zuspitzt. Probleme und Krisen werden ungern nach außen getragen. Gerade Kindern ist oft daran gelegen, ihre Familien als normal darzustellen. Sie sind sehr loyal ihren Eltern gegenüber und wollen sie schützen.
Ist Prävention dann überhaupt möglich?
Ja. Aber es ist sehr wichtig, Fälle von Gewalt in der Familie, sei es zwischen Partnern oder den Kindern gegenüber, ernst zu nehmen. Menschen, die in Krisen geraten, müssen Unterstützung bekommen und dürfen nicht alleine gelassen werden. Man muss das aber sehr sensibel behandeln, denn manchmal wird der Elternteil, der später tötet, als vorher eher ausgleichender Part geschildert. Jegliche Form der Drohung muss sehr ernst genommen werden. Wenn jemand sagt „Ich bringe mich um, wenn du dich trennst“, dann muss man reagieren­ und es melden.
Inwiefern arbeiten Polizei und Jugendamt bei dem Thema zusammen?
In Stuttgart gibt es beispielsweise das Projekt Stop. Wird der Polizei häusliche Gewalt gemeldet, informiert sie die zuständigen Beratungsstellen und das Jugendamt. Diese nehmen dann Kontakt zu den Betroffenen auf und suchen das Gespräch.
Der mutmaßliche Täter im aktuellen Fall soll sich vor seinem Suizid in den sozialen Medien zur Tat geäußert haben. Wie handelt man in solch einer Situation richtig?
Wenn man das mitbekommt, sollte man auf jeden Fall die Polizei verständigen. Hier gilt, lieber einmal zu viel als zu wenig. Die Beamten sind da sensibilisiert und können mit speziellen Strategien den potenziellen Gefährder ansprechen. Manchmal kann eine Gewalttat so abgewendet werden.
Die Fragen stellte Liviana Jansen.