Fantastikfestival in Stuttgart Was bei den Dragon Days wirklich zählt

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Es gibt mittlerweile jede Menge Fantastikfestivals, bei denen nur der Umsatz pro Star, Sternchen und Besucher zählt. Stuttgarts Festival Dragon Days tickt da ganz anders.

Der Zeichenmeister Alan Lee in der Liederhalle, immer bescheiden und nahe an den Fans. Foto: Schönebaum
Der Zeichenmeister Alan Lee in der Liederhalle, immer bescheiden und nahe an den Fans. Foto: Schönebaum

Stuttgart - Früher glaubten die Leute ja, einen erfolgreichen Menschen erkenne man schon an seiner standesgemäßen Kleidung. Je weiter oben in der Hierarchie jemand stand, desto teurer mussten seine Hemden, Hosen und Schuhe sein. Christian Zilliken ist, während er beim Fantastikfestival Dragon Days im Museum am Löwentor von seiner Arbeit erzählt, gekleidet wie der Student in der S-Bahn oder der Leergutwegräumer im nächsten Getränkemarkt. Einen Pfandbon sollte man von ihm trotzdem nicht verlangen: Christian Zilliken ist CG Supervisor bei der in Stuttgart ansässigen, mittlerweile mit vielen Filialen rund um den Globus vertretenen Firma Mackevision.

Er hat an digitalen Kinofilm- und Fernsehserienbildern mitgearbeitet, die Emmys und Oscars gewonnen haben, etwa an Martin Scorseses „Hugo Cabret“, und sich seit längerem mit Illusionen für den Serienhit „Game of Thrones“ beschäftigt. Zilliken gehört zu jenen Spezialisten, die aus der Region Stuttgart-Ludwigsburg ein Kompetenzzentrum der globalen Medienindustrie machen.

Die Nähe von Fans und Machern

In der Branche der digitalen Bild­erzeuger kleiden sich eben auch die Cracks leger, könnte man nun sagen, und hätte nicht ganz unrecht damit. Aber Zillikens Alltagsstil passt auch gut zur Fantastik: In diesem speziellen Bereich des großen Fiktionsjahrmarkts herrschen flache Hierarchien. Stärker als in anderen Bereichen begreifen sich die Fans als Macher, die Macher als Fans. Wenn der Festivalchef Tobias Wengert jährlich Cosplayer aller Art zu den Dragon Days einlädt, tut er das natürlich, um aufsehenerregende Lebenddekoration fürs Lindenmuseum, das Museum am Löwentor, die Liederhalle und die sonstigen Veranstaltungsorte zu bekommen. Aber so rückt er auch den Egalitätscharakter der Fantastik in den Blick: Ob unter ausgetüftelten Kostümen, seien es „Star Wars“-Rü­stungen oder Manga-Outfits, nun Halb­höhen- oder Hochhauskinder stecken, der Gabelstaplerfahrer oder die Existenzgründerin, lässt sich nicht ausmachen.

Christian Zilliken erzählt vom heiße­sten Franchise des Boommarktes der Qualitätsserien. Er besitzt jede Menge Insiderwissen, er baut die Bilder zusammen, die andere anstaunen. Trotzdem spricht er von seiner Begeisterung für die Charaktere und die Spannungsbögen der Geschichten, positioniert sich ohne falschen Zungenschlag als Fan.

Freundlichkeit muss keine Ausnahme sein

Dass Zilliken mit dieser Haltung kein Ausnahmefall ist, hat eindrucksvoll die Verleihung des Festivalpreises „Schwäbischer Lindwurm“ an den britischen Zeichner Alan Lee am Samstagabend in der Liederhalle gezeigt. Lee hat insgesamt zwölf Jahre lang mit dem Regisseur Peter Jackson an dessen beiden Trilogien „Der Herr der Ringe“ und „Der Hobbit“ gearbeitet. In 4000 teils sehr detailliert ausgeführten Bildern hat Lee die Romanwelt seines Landsmanns J.R.R. Tolkien so visualisiert, dass die Kulissen-, Kostüm- und Digitalbildabteilungen wussten, was gebraucht wurde.

Dafür hat der schon zuvor als Illustrator von Tolkiens Büchern geschätzte Lee einen Oscar bekommen. Aber auf der Bühne des Mozartsaals und auch nach der Verleihungsfeier, beim Signieren und Zeichnen im Foyer, ist er freundlich, bescheiden, selbstironisch und zu geduldigen Erklärungen seines Schaffens bereit, ein Fan unter Fans, ein Träumer unter Träumern.

Begegnungen im alten Stil

Doch auch wenn die Augenhöhe von Fans und Machern die Fantastik seit langem charakterisiert, selbstverständlich ist sie nicht mehr. Die Conventions in Amerika, einst Dynamos dieses Gleichheitsdenkens, haben sich längst in hochkommerzielle Verwertungsmaschinen der Fan­zuneigung zum Fantastischen entwickelt. Auch in Deutschland nimmt eine Con-Kultur Fahrt auf, bei der jede Begegnung zwischen Fans und Machern über den Eintritt zur Veranstaltung hinaus kostenpflichtig wird. Für alles, für Autogramme, für Selfies mit den Stars, für andere Andenken gibt es steile Tarife.

Stuttgarts Dragon Days funktionieren da ganz anders, sie ermöglichen Begegnungen im alten Stil, bei denen nicht jede Geste Warencharakter bekommt und nicht jede Macher-Fan-Kommunikation vom Ticken des Taxameters begleitet wird. Charlie Adlard etwa, der Zeichner der Comicreihe „The Walking Dead“, die dem TV-Erfolg zugrunde liegt, ist normalerweise begehrter Gast großer Bezahl-Events. Aber er hat dieses Jahr die Angebote aller deutschen Cons ausgeschlagen und ist fast programmatisch nur zu den Dragon Days gekommen. Während Fantastik quer durch die Medien an ökonomischer Bedeutung stetig zunimmt, arbeiten die Dragon Days am Erhalt der Barrierefreiheit zwischen Konsumenten, Kreativen und Managern.

Mit anderen Worten, dieses Kulturfestival, pflegt auch eine Kultur des Umgangs in einer Zeit, in der Fantasien schnell zu geschützten Millionenwerten von Konzernen werden. Bei konsequentem Ausbau hätte die Region hier etwas, womit sich Profil bilden und Position beziehen ließe.