FC Bayern Was wird aus dem Übervater?

Von Maik Rosner 

Borussia Dortmund empfängt heute zum Bundesligahit den FC Bayern München. Bei dem ist Uli Hoeneß wieder ein freier Mann. Es heißt, er wolle bei wieder der Chef des Clubs werden. Das wünscht sich nicht jeder in der Führungsetage.

Nach seiner Haftentlassung trete Uli Hoeneß schon wieder so bestimmt und selbstgewiss auf wie eh und je, sagen Beobachter in München. Foto: dpa
Nach seiner Haftentlassung trete Uli Hoeneß schon wieder so bestimmt und selbstgewiss auf wie eh und je, sagen Beobachter in München.Foto: dpa

München - Uli Hoeneß war nun wieder ganz in seinem Element. Endlich konnte er wieder dort sitzen, auf der Ehrentribüne in der Münchner Arena, wo er fast zwei Jahre lang nicht sein durfte. Am vergangenen Mittwochabend im Heimspiel des FC Bayern gegen Mainz war das, zwei Tage nach seiner Entlassung aus der 21-monatigen Haft, die er wegen seiner Steuerhinterziehung in Höhe von 28,5 Millionen Euro verbüßt hatte. Und erstmals seit jenem 10. Mai 2014, als der FC Bayern 1:0 gegen den VfB Stuttgart gewonnen hatte. Bald darauf, am 2. Juni 2014, hatte Hoeneß seine Haft im Gefängnis antreten müssen. Eingeschlossen hinter der Tür einer nüchternen Zelle, ehe er im Januar 2015 Freigänger wurde und unter der Woche tagsüber in der Nachwuchsabteilung seines Vereins arbeitete, um abends zur Übernachtung wieder ins Freigängerhaus im Landkreis Starnberg zu fahren.

Nun, bei der überraschenden 1:2-Heimniederlage gegen Mainz und drei Tage vor dem Topspiel an diesem Samstag bei Borussia Dortmund, saß seine Ehefrau Susanne links neben ihm und steckte ihm zwischendurch liebevoll ein Bonbon in den Mund. Zu seiner Rechten nahm Herbert Hainer Platz, nachdem er Hoeneß innig in den Arm geschlossen hatte. Mit dem im Sommer scheidenden Adidas-Chef unterhielt sich Hoeneß angeregt. Es war ein Bild wie aus alten Zeiten, als Hoeneß in seiner wetterfesten Jacke des Vereinsausrüsters energisch gestikulierte.

Die alten Freunde sitzen wieder um ihn herum

Hainers Unternehmen ist wie der Autohersteller Audi und der Versicherungskonzern Allianz mit 8,33 Prozent Anteilseigner der FC Bayern AG. Hainer bekleidet zudem das Amt des stellvertretenden Aufsichtsratsvorsitzenden des Münchner Fußballkonzerns. Nun lauschte er meistens. Hoeneß war bis zu seinem Rücktritt am 2. Mai 2014 Präsident und Aufsichtsratschef, die unangefochtene Nummer eins beim Rekordmeister. Und jetzt war er mit seinem rot-weißen FC-Bayern-Wollschal wieder der dominante Redner in diesem Gespräch, so wirkte es jedenfalls aus der Ferne.

Neben Hainer saß Dieter Hoeneß, der Bruder des langjährigen Bayern-Machers. Schräg vor Hoeneß befand sich Helmut Markwort, ehemaliger Chefredakteur und heute Mitherausgeber des Focus sowie ehemaliges Mitglied im Aufsichtsrat des Vereins. Schräg hinter Hoeneß schaute Franck Ribérys Frau Wahiba zu. Viele weitere Bekannte hatte Hoeneß wieder um sich. Bei Arjen Robbens Tor zum Ausgleich sprang er von seinem Sitz auf, seine Fäuste schnellten in die Höhe, er strahlte.

Hoeneß als freier, glücklicher Mann im Kreise seiner Vereins- und tatsächlichen Familie, das waren die Bilder, die transportiert wurden. Die Pointe, dass die Münchner bei Hoeneß’ erstem Arenabesuch seit fast zwei Jahren nach 17 Heimsiegen in Folge verloren, nutzte die „Bild“, um zwei Zeilen zu dichten, die ebenso viel Wohlwollen zum Ausdruck brachten wie viele weitere Berichte. „Hoeneß da! Bundesliga wieder spannend“, stand in der Zeitung.

Rummenigge geht etwas auf Distanz

Nach dem Spiel gab es aber auch Szenen und Eindrücke, die von weniger Wärme erzählten als die Arenabilder. „Wie haben Sie Uli Hoeneß erlebt während der 90 Minuten?“, wurde Karl-Heinz Rummenigge später in den Katakomben gefragt. Die Antwort des Vorstandsvorsitzenden des FC Bayern, derzeit die Nummer eins des Vereins, fiel nicht zum ersten Mal zurückhaltend aus, wenn er sich über seinen langjährigen Weggefährten äußerte. „Ich habe mich mehr auf das Spiel konzentriert“, sagte Rummenigge zunächst, ehe er ein paar freundliche Worte zu Hoeneß fand. Und doch war dabei eine gewisse Distanz zu vernehmen, wie sie auch zuvor auf der Ehrentribüne zu erkennen gewesen war. Dort hatten Rummenigge und Karl Hopfner, Hoeneß’ Nachfolger als Präsident und Aufsichtsratsvorsitzender, aus ihrer erhöhten Position beobachtet, wie Hoeneß etwas weiter unten Autogramme schrieb. Beide trugen dunkle Mäntel und graue Schals.

Der mit Fanschal bekleidete Hoeneß stand früher als Patriarch immer für das Image der selbst ernannten Bayern-Familie, Rummenigge und Hopfner kommen eher als nüchterne Konzernchefs daher. Sie stehen damit auch für einen Wandel bei den Bayern, weg vom Familienclub hin zu einer global orientierten Fußball-AG. Diese floriert auch nach dem Rücktritt von Hoeneß. Inzwischen steht der FC Bayern wirtschaftlich so gut da wie nie zuvor in seiner Geschichte. Deutschlands Branchenführer zählt neben Real Madrid und dem FC Barcelona zu den feinsten Adressen im internationalen Fußball. Hoeneß hat diese Entwicklung angeschoben und sein Lebenswerk so gut aufgestellt, dass nicht einmal die milliardenschwere Premier League an diesem Status rütteln kann. Bisher jedenfalls – und wohl auch mittelfristig nicht.

Im Club müssen sie nun die Frage beantworten, ob sie wieder in die alten Muster zurückkehren wollen, mit Hoeneß an der Spitze. Im Herbst, voraussichtlich im November, stehen Präsidentschaftswahlen an. Hopfner hat bereits klargestellt, dass er nicht gegen Hoeneß antreten werde, sofern sich dieser zur Wahl stellen sollte. Weil er weiß, dass die meisten Mitglieder an der Basis dem Übervater des Clubs längst verziehen haben und sich den emotionalen Macher zurückwünschen. Der sachliche Hopfner hätte vermutlich nicht den Hauch einer Chance. Begeistert allerdings, auch das ist überliefert, wäre er nicht, seinen Platz räumen zu müssen. Auch dann nicht, wenn es zu der möglichen Lösung kommen sollte, ihm den Posten des Aufsichtsratschef zu lassen.

Am 1. Juli will Hoeneß eine Entscheidung treffen

Als wahrscheinlich gilt, dass es so kommen wird, wenngleich Hoeneß sich öffentlich bedeckt hält und sagt, seine jüngere Vergangenheit sei „nicht leicht zu verarbeiten“. Angeblich wird er seine Entscheidung am 1. Juli, offizieller Stichtag der neuen Saison, bekanntgeben, ob er in eine führende Rolle zurückkehren will. Eingebunden in wichtige Entscheidungen ist er längst wieder. Er sei voller Tatendrang und wolle wieder zurück an die Macht, ist schon seit Längerem zu hören. Für einige Weggefährten steht dieser Entschluss sogar bereits fest.

Aus dem Verein sind aber auch Vorbehalte zu vernehmen. Hoeneß trete wieder wie vor seiner Haft auf, so selbstgewiss und bestimmt, zuweilen auch einschüchternd wie einst, heißt es. Ein gewisses Unbehagen formulieren diese Stimmen. Ein Unbehagen, das in Teilen der Bevölkerung besonders ausgeprägt ist, weil diese Menschen nicht vergessen haben, wie Hoeneß vor Bekanntwerden seiner Steuerhinterziehung gegen Verfehlungen anderer immer wieder gepoltert und sich als soziales Gewissen der Nation präsentiert hatte. Kritiker machen ihm auch zum Vorwurf, bevorzugt behandelt worden zu sein mit der seltenen Halbierung seiner ursprünglich veranschlagten 42 Monate Haft.

Über die Vorbehalte im Verein wird sich Hoeneß Gedanken machen müssen. Ob er sie ernst nimmt? Oder doch lieber jenen alten Weggefährten aus Sport, Wirtschaft und Medien zuhört, die seine Rückkehr unterstützen? In seinen zweiten Frühling könnten sich noch Herbstgefühle mischen.

  Artikel teilen
0 Kommentare Kommentar schreiben
Artikel kommentieren

Melden Sie sich jetzt an!
Um Artikel kommentieren zu können, ist eine Registrierung erforderlich. Sie müssen dabei Ihren Namen sowie eine gültige E-Mail-Adresse (wird nicht veröffentlicht) angeben. Bei Abgabe Ihrer Kommentare wird Ihr Name angezeigt.