Feinstaub in Ludwigsburg Posse um Mooswände in Fernsehgröße

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Der Kampf gegen Feinstaub beginnt in Ludwigsburg – erstmal aber nur mit Mooswänden in der Größe von Flachbildschirmen. Ob damit wirklich nachhaltig Erfolg erzielt werden kann?

Großer Medienaufmarsch für eine kleine Mosswand in Eglosheim. Foto: factum/Weise
Großer Medienaufmarsch für eine kleine Mosswand in Eglosheim. Foto: factum/Weise

Ludwigsburg - Moose zählen zu den ältesten lebenden Pflanzen auf der Erde. Es gibt sogar eine Wissenschaft, die Bryologie, die sich ausschließlich dem spannenden Feld der Moose widmet. Als Meilenstein der Bryologie gilt das 1717 veröffentlichte Werk „Fortpflanzung der Farrenkräuter und Moose“ des Botanikers Johann Jacob Dillen. 16 000 verschiedene Moos-Arten sind bekannt, es gibt Hornmoose, Laubmoose, Lebermoose und Moos-Unterarten wie Klaffmoose und Torfmoose. In Stuttgart hat es das Zackenmützenmoos, Racomitrium lanuginosum, zu einiger Berühmtheit gebracht. In der Landeshauptstadt steht seit März eine 100 Meter lange und drei Meter hohe Wand mit Zackenmützenmoos, das besonders gut geeignet sein soll, Schadstoffe aufzunehmen und abzubauen. Moos soll der Stadt beim Kampf gegen Feinstaub helfen.

Zwei Mooswände gegen Fahrverbote?

Auch Ludwigsburg kämpft neuerdings gegen Feinstaub, auch dort werden die Grenzwerte überschritten, es drohen Fahrverbote. Und seit Freitag verfügt die Barockstadt ebenfalls über eine Mooswand, genauer: sogar zwei Mooswände, schon bald sollen es vier sein. Der Feinstaub kann einpacken. Freie Fahrt für freie Diesel? Endlich wieder ohne schlechtes Gewissen aufs Gas? Dem Moos sei Dank.

Nun ja, auf 100 Meter kommen die Wände in Ludwigsburg nicht, sie sind exakt einen Meter lang und rund zweieinhalb hoch. Es gibt Fernseher in ähnlicher Größe, und Spötter mögen anmerken: mit ähnlicher Wirkung gegen Feinstaub. Allerdings würde die Stadt das Aufstellen von Flachbildschirmen nie mit einer Pressekonferenz verknüpfen, so aber gruppierten sich am Freitag Zeitungs-, Radio- und Fernsehjournalisten, Fotografen und Kameraleute an der Frankfurter Straße in Eglosheim und bestaunten die hübsche Mooswand.

Wenn da nur die Skeptiker nicht wären. „So richtig groß ist die ja nicht“, murmelte jemand, dabei kommt es auf die Größe gar nicht an. Sondern auf das Moos. Es handle sich zwar um eine kleine Wand, sagte auch der Ludwigsburger Baubürgermeister Michael Ilk. „Aber ich erhoffe mir einen großen Erkenntnisgewinn.“

Niemand erwartet, dass wegen der Miniwände die Luft in Eglosheim auch nur ein Mü besser wird. Das Moos ist Teil eines Forschungsprojekts, an dem neben der Stadt mehrere Unternehmen beteiligt sind. Nach drei Jahren kommen die Mooswände ins Labor um zu untersuchen, wie viel Feinstaub sie geschluckt haben. „Außerdem wird ihre Wirksamkeit gegen Lärm getestet“, heißt es in einer Pressemitteilung.

Hörtest zeigt: Lärm bleibt gleich

Nach einem ersten ganz unwissenschaftlichen Hörtest gelangt der Autor dieses Texts zu der Überzeugung, dass die Wirksamkeit gegen Lärm eher gering ist. Um nicht zu sagen: gegen Null tendiert. Da hätte man man auch direkt Flachbildschirme an der Straße aufstellen können. Dann könnten die Eglosheimer wenigstens Fernsehen gucken und sich davon ablenken, dass sie seit Jahren hingehalten werden.

Zehntausende Autos donnern täglich über die Frankfurter Straße, seit Ewigkeiten fordern die Anwohner, dass die Stadt endlich ordentlich Moos in die Hand nimmt und eine Lärmschutzwand baut. Stattdessen nimmt die Stadt jetzt eine Wand in die Hand und baut darauf Moos an. Er wisse, dass die Eglosheimer sich mehr gewünscht hätten, sagte Ilk am Freitag. Aber eine große Lärmschutzwand bedürfe einer intensiven Planung, und man müsse dabei einen Schritt nach dem anderen gehen.

Auch Hitzefrei für das Moos?

Das Forschungsprojekt wirft noch eine andere Frage auf. In Stuttgart fiel die Mooswand vor allem dadurch auf, dass sie im Sommer in eine Trockenstarre fiel, weswegen sie einen Sonnenschutz bekam und bewässert werden musste. Viel Aufwand. Auch viel Nutzen? Erste Ergebnisse sollen demnächst veröffentlicht werden. Zumindest merkwürdig mutet an, dass in Ludwigsburg nun ein Test startet, ohne dass man das Resultat in Stuttgart abwartet. Denn hier wie da wird das gleiche Moos benutzt: das gute alte Zackenmützenmoos. Aber auch darauf haben die Experten eine Antwort. Mittelfristig werde man in Eglosheim auch andere Moose testen. Außerdem soll die Wand schon bald mit einer Bewässerungsanlage ausgerüstet werden.