Feinstaub in Stuttgart und der Welt London ringt um Luft

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Die Luftverschmutzung, vor allem durch Dieselmotoren, wird zu einem immer grösseren Problem in der Briten-Metropole. Jetzt wollen die Verkehrsplaner und der Bürgermeister der grössten Stadt Westeuropas radikale Massnahmen ergreifen.

Die meisten Taxis in London fahren mit Dieselmotoren. Die Stadtregierung will ältere Dieselmodelle wegen der Schadstoffbelastung aus der Metropole fern halten. Foto: dpa
Die meisten Taxis in London fahren mit Dieselmotoren. Die Stadtregierung will ältere Dieselmodelle wegen der Schadstoffbelastung aus der Metropole fern halten.Foto: dpa

London. - Neuerdings kommt es immer öfter vor, dass die Londoner um Luft ringen müssen. In der Stadt an der Themse, klagt Bürgermeister Sadiq Khan, sei die Luftverschmutzung an manchen Tagen schlimmer als in Peking. An einem Tag im Januar wurden im Mittel 197 Mikrogramm Feinstaub pro Kubikmeter Luft gemessen, der Jahresmittelwert liegt bei 26 Mikrogramm.

Elektronische Anzeigetafeln, etwa an Bushaltestellen und in U-Bahn-Stationen, finden sich plötzlich umfunktioniert zu kommunalen Warnleuchten. Schulen, Kliniken und Altersheime werden zu besonderer Vorsicht aufgefordert. Rotgepunktetes Kartenmaterial zeigt an, wo es am schlimmsten ist.

An die 40 000 vorzeitige Tote im Jahr werden in Großbritannien auf zunehmende Luftverschmutzung zurückgeführt. In London ist das Problem besonders akut. Als Stadt mit 8,6 Millionen Einwohnern, in der sich rund um die Uhr immer mehr motorisierter Verkehr drängt, leidet die Metropole mehr als andere Kommunen. Zwei von drei Londonern gaben bei einer Befragung jüngst an, sie würden wegen der miserablen Luft am liebsten aufs Land ziehen. Nur tut das natürlich kaum jemand.

Erst kam der Smog aus der Kohleverbrennung

In der Nachkriegszeit, als in der „Erbsensuppe“ des berüchtigten Londoner Nebels die Briten reihenweise aus den Schuhen kippten, erklärte sich jener Smog noch aus der Kohleverbrennung. Das Gesetz zur Reinhaltung der Luft von 1956 machte damit Schluss. Inzwischen suchen die Stadtoberen verzweifelt nach einer Handhabe gegen Stickstoffdioxid, das zum neuen urbanen Übel geworden ist.

Denn noch immer stecken in den meisten Bussen, Taxis und Lieferwagen in London Dieselmotoren. „Und es ist schockierend“, meint Bürgermeister Khan, „dass noch immer fast die Hälfte aller Neuwagen im Vereinigten Königreich Dieselfahrzeuge sind.“ Das Jahresmittel für Stickstoffdioxid – der Schadstoff kommt hauptsächlich vom Diesel – lag im Jahr 2014 in der Oxford Street bei 134 Mikrogramm pro Kubikmeter Luft. Zulässig sind 40 Mikrogramm.

Keine andere Wahl lasse ihm die Luftverpestung jetzt mehr, sagt Khan, als gegen die schlimmsten Verschmutzer hart vorzugehen. Vom Herbst an belegt der Mayor ältere Dieselmodelle, die in die Londoner Innenstadt fahren, mit einer Extra-Tagesgebühr von zehn Pfund (11,60 Euro).

Alte Diesel werden teuer

Betroffen sind in der Hauptsache Wagen, die vor mehr als zwölf Jahren gebaut wurden. Es soll sich um etwa 10 000 Fahrzeuge handeln. Wer mit einem solchen Diesel in die City-Mautzone rollt, muss künftig kräftig zahlen. Denn das Befahren der Zone zwischen 7 Uhr und 18 Uhr kostet generell schon 11,50 Pfund am Tag. Das aufgestockte „D“-Tagesticket kommt also auf satte 21,50 Pfund (25 Euro).

Auch andere kommunale Maßnahmen werden erwogen – wie die Ausdehnung der Mautzone, niedrigere Parkgebühren für Elektrowagen und schnellere Umstellung der städtischen Busse auf Elektrobetrieb. Die Gemeinde Westminster verlangt zur Zeit Dieselfahrern an Teststellen 50 Prozent mehr fürs Parken ab. Außerdem sollen mehr Fahrradwege angelegt werden. Aber das ist schon lange geplant. Und beim Radeln auf den Londoner Hauptstraßen setzt man auch bei günstigen Windverhältnissen sein Leben aufs Spiel.

Weitere Maßnahmen, meint Sadiq Khan, seien dringend erforderlich, „liegen aber nicht in meinem Ermessen.“ Zum Beispiel hat der Labour-Bürgermeister vorgeschlagen, dass die Regierung Besitzern von Altwagen mit Dieselmotoren eine Abwrackprämie von 3500 Pfund (4060 Euro) zahlt. Mit einem solchen Projekt, meint Khan, würde man auf faire Weise etwas für bessere Luftqualität tun, bevor Dieselautos in ein paar Jahren für ihre Eigner ganz wertlos würden. Eine halbe Milliarde Pfund müsse man bereitstellen für eine solche Aktion.

Kinder besonders gefährdet

Mit Geldstrafen belegen würden Londoner Verkehrspolitiker gern auch Autofahrer, die in der Nähe von Schulen halten und den Motor laufen lassen. Kleinkinder und Schulkinder, erklärt Peter Steer, der Chef der Kinderklinik Great Ormond Street, seien schließlich am stärksten gefährdet durch Luftverschmutzung. „Bei Kindern, die in hochverschmutzten Gegenden leben, besteht ein viermal höheres Risiko, dass sie als Erwachsene eine reduzierte Lungenfunktion haben“, sagt er.