Feinstaubalarm in Stuttgart Appell an die Bürger bleibt ungehört

Von Jürgen Löhle 

Der erste Feinstaub-Alarm in der Landeshauptstadt verhallte am Montag ohne große Reaktion. Die Straßen waren gewohnt voll, die eigens eingesetzte Sonderlinie U 11 so gut wie leer. OB Kuhn hofft setzt aber weiter auf Freiwilligkeit.

Volle Straßen trotz Alarm: Seit dem vergangenen Wochenende waren die Autofahrer zum Umsteigen aufgefordert – bisher ohne Erfolg. Foto: Fotos:
dpa, Lg/Zweygarth, Lg/Kovalenko (5) 6 Bilder
Volle Straßen trotz Alarm: Seit dem vergangenen Wochenende waren die Autofahrer zum Umsteigen aufgefordert – bisher ohne Erfolg.Foto: Fotos: dpa, Lg/Zweygarth, Lg/Kovalenko (5)

Stuttgart - Der erste Feinstaubalarm in der Landeshauptstadt verhallte am Montag nahezu ohne jede Reaktion. Der Berufsverkehr durch die Stadt rollte von sieben Uhr an jedenfalls gewohnt zäh. Am Neckartor, einem der Hotspots in Sachen Feinstaub, schoben sich gegen 7.30 Uhr rund 70 Fahrzeuge pro Minute unter den Warnschildern hindurch Richtung Innenstadt. Auch der Verkehrsfunk im Radio meldete das für einen Montag übliche Gedränge. Und auch am frühen Abend liefen die Straßen wieder wie üblich zu.

Auf den großen Zufahrtsrouten wie zum Beispiel der B 27 von Tübingen oder die B 14/B 29 von Backnang beziehungsweise Schorndorf lief es am Morgen zäh bis gar nicht – wie fast immer außerhalb der Ferienzeit. Ein durchaus möglicher Grund für den gewohnten Verkehr könnte sein, dass viele von dem Alarm schlicht nichts mit­bekommen haben. Wer am Wochenende nicht im Netz geklickt, Radio gehört oder am Wochenende Zeitung gelesen hatte, fuhr ungewarnt Richtung Stadt. An den großen Einfallstraßen gab es zwar optische Hinweise auf Signaltafeln, auf anderen Routen wie zum Beispiel von Fellbach Richtung Bad Cannstatt oder von Leinfelden-Echterdingen über Rohr Richtung Kaltental waren die ersten Hinweisschilder aber erst zu sehen, nachdem man bereits viele Kilometer in der Umweltzone hinter sich hatte. Also auch bei gutem Willen zu spät.

Berufsverkehr zäh wie immer

Der geringe Anteil an Umsteigern von Auto auf Nahverkehr fiel auch Ralf Thomas auf. Der Leiter der Integrierten Verkehrsleitzentrale der Landeshauptstadt (IVLZ) hatte jedenfalls keine Platzprobleme. „Am Montagmorgen gegen sechs Uhr war meine S-Bahn nicht voll“, berichtete er. Ob der Alarm den Autoverkehr reduziert hat, konnte Thomas nicht entscheiden. „Seriös kann heute niemand sagen, ob nach der Auslösung des Feinstaubalarms am Montag nun mehr oder weniger Autos auf Stuttgarts Straßen unterwegs waren. Wir beobachten das Verkehrsaufkommen, aber es gibt keine punktgenauen Verkehrszählungen“, erklärte er. Eine sinnvolle Auswertung sei jedenfalls erst nach mehreren Alarmen möglich.

Gefühlt waren die Straßen jedenfalls voll wie immer. Gähnende Leere herrschte dagegen am frühen Morgen auf dem Wasen, wo die Sonderlinie U 11 Menschen, die auf ihr Auto verzichten wollen, in die Stadt bringen sollten. Mitten im morgendlichen Berufsverkehr war auf dem Wasen aber lediglich zu erfahren, dass die erste Bahn um 8.30 Uhr starten werde. Am Nachmittag ließ dann die Stadt verlauten, dass die U 11 nur „außerhalb der Hauptverkehrszeiten“ angeboten werde. Für den Berufsverkehr also keine Alternative.

OB Kuhn hofft weiter auf Einsicht

Die erste Bahn fuhr dann auch, bis auf den Fahrer, leer los. Auch nach zwei Stunden das gleiche Bild. Insgesamt berichteten die Stuttgarter Straßenbahnen (SSB) von keinen erhöhten Fahrgastzahlen am Montag. Vor dem Bahnsteig übten derweil auf dem leeren Wasen Fahrschulen, gegen später auch mit großen Lastkraftwagen – auch das ein durchaus gängiges Szenario, das der Feinstaubalarm nicht stören konnte.

Oberbürgermeister Fritz Kuhn setzt trotzdem weiter auf die Freiwilligkeit. Man müsse den Leuten auch ein wenig Zeit geben zu reagieren, dass dies nicht gleich am ersten Tag funktioniere, sei verständlich, sagte er am Morgen. Allerdings zeigte der OB auch schon mal die Folterwerkzeuge. Kuhn wörtlich: „Wenn die Freiwilligkeit nicht zur nachhaltigen Reduzierung der Schadstoffwerte führt, dann wird es ordnungspolitische Maßnahmen wie zum Beispiel Fahrverbote geben müssen.“

Zumindest ein Interesse am Thema ist aber erkennbar. Die Informationsseite der Stadt wurde seit Samstag 15 500-mal aufgerufen. Ob der erste Tag trotz der geringen Resonanz auf der Straße positive Effekte gehabt hat, war am Montag nicht abzusehen. Ulrich Reuter, Stadtklimatologe am Amt für Umweltschutz betonte, dass bei der momentanen Wetterlage die Schadstoffwerte sogar bei weniger Verkehr erhöht sein können. Wie groß der Effekt sein kann, könne letztlich nur eine „längerfristige Beobachtung“ klären. Der aktuelle Feinstaubalarm wird noch bis mindestens Donnerstagabend aufrechterhalten.

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36 KommentareKommentar schreiben

"Wer am Wochenende nicht im Netz geklickt, Radio gehört oder am Wochenende Zeitung gelesen hatte, fuhr ungewarnt Richtung Stadt.": Wer hört denn nicht spätestens morgens vor dem Losfahren Radio, oder schaut im Internet nach dem Verkehr? Und schaut oder liest kein einziges Mal aktuelle Nachrichten? Die Leute, die jeden Tag die Staustrecken fahren, habe sich wohl schon daran gewöhnt und resigniert? Für die ist es wohl normal, im Stau zu stehen.

die U 11 nur „außerhalb der Hauptverkehrszeiten“ angeboten werde: Das ist doch ein Witz, oder? Die U11 braucht man doch - falls das P+R Angebot auf dem Wasen irgendwann angenommen wird - insbesondere zur Hauptverkehrszeit, da sind die meisten unterwegs, da würde es sich am meisten lohnen.

Aktionismus-Appel bleibt ungehört: ...Von den mir zur Verfügung stehenden Fahrzeugen entscheide ich mich bei 9 Grad Minus für den großen Spritfresser, denn der hat eine Standheizung, Allradantrieb und genügend Gewicht, um bei den heutigen winterlichen Straßenverhältnissen sicher durchzukommen, und weil ich diesen schon längere Zeit nicht mehr bewegt habe, lasse ich ihn erst mal ein paar Minuten warmlaufen, bis die beschlagenen Scheiben frei sind, der Motor rund läuft und genügend Luftdruck da ist, um die Feststellbremse zu lösen, derweil der gute alte Diesel munter vor sich hin qualmt und rußt. Jetzt geht es los, schließlich bin ich kein Verwaltungsbeamter – auf mich warten Menschen, denen ich helfen soll. Dank des Aufrufs unseres Oberbürgermeisters sind die Straßen ungewöhnlich leer, sodass es zügiger voran geht, als befürchtet. Heute abend springt die Standheizung 30 Minuten vor Feierabend an und für morgen früh habe ich sie auch schon programmiert. Lieber Herr Kuhn, machen Sie doch Ihre Hausaufgaben und sorgen Sie für einen funktionierenden ÖPNV (dazu gehören auch Anzeigetafeln und Rolltreppen und Informationen in Form von Störungsmeldungen und Durchsagen) und für einen reibungslosen Verkehrsfluss. Grüne Welle und auf den Hauptstraßen eine Geschwindigkeit, die nicht im dritten, sondern im fünften Gang gefahren werden kann, würden sicher mehr zur Schadstoffreduzierung beitragen, als z. B. Tempo 40 die Weinsteige hoch, wo das Automatikgetriebe nur zeitweilig den dritten Gang nimmt und ansonsten in der zweiten Fahrstufe werkelt. Diesen grünen Aktionismus halte ich jedenfalls verkehrs-, abgas- und feinstaubtechnisch für kontraproduktiven, hirnlosen Schwachsinn.

Lieber Herr Kuhn, machen Sie doch Ihre Hausaufgaben und sorgen Sie für einen funktionierenden ÖPNV : Das wird er aber nicht tun. Er wird auch die nächste Preiserhöhung wieder einfach durchwinken. Mehr nicht !

Aktionismus-Appell bleibt ungehört?: Die Bürger werden via Rundfunk dazu aufgerufen, freiwillig ihr Auto stehen zu lassen und den ÖPNV zu nutzen, weil die Feinstaubkonzentration in der Landeshauptstadt zu hoch ist. Gleichzeitig verkündet der OB die Drohung, falls das auf freiwilliger Basis nicht gelänge, erwäge man, Fahrverbote auszusprechen. Ich wohne nur drei Gehminuten vom S-Bahnsteig „Universität“ entfernt und mein Arbeitsplatz ist nicht mehr als fünf Minuten von einer U-Bahn-Haltestelle, weshalb ich ein VVS-Jahresabo besitze und mich deshalb normalerweise um derlei Aufrufe wenig kümmern muss. Heute morgen komme ich zu S-Bahn und erfahre dort, dass der Zug ausfällt. Als moderner Mensch nutze ich sofort die VVS-App, um mich über Störungsmeldungen und Alternativen zu informieren. Ich erfahre zweierlei: 1.es werden keine Störungen gemeldet, und 2.es fährt ein Bus in 4 Minuten; also Treppen hoch zur Bushaltestelle. Es sind über 100 Stufen und die Rolltreppen funktionieren wieder einmal nicht. Ich habe schon gesagt, wenn es einmal der Fall sein sollte, dass alle drei Rolltreppen gleichzeitig eine ganze Woche lang ununterbrochen laufen, stelle ich einen Kasten Bier hin. Als sparsamer Schwabe kann ich dieses Versprechen leicht geben, denn ich bin mir sicher, dass ich es in meinem Leben wohl niemals einlösen werden muss und falls doch, so werde ich es gerne tun. Normalerweise kommt der 82er-Bus eher eine halbe Minute zu früh, aber heute lässt er auf sich warten. In Ermangelung einer oberirdischen Anzeigetafel gehe ich nach fünf Minuten also wieder die über einhundert Stufen hinunter, um dort festzustellen, dass der als Nächstes angekündigte Zug nicht jetzt, sondern erst in (vielleicht) 8 Minuten kommen wird. Also wieder die Stufen hoch; an der Bushaltestelle stehen immer noch die selben Leute. Für heute habe ich also meinen Frühsport bereits hinter mir und dankbar dafür, dass sich der VVS so rührend um meine Figur kümmert, gehe ich zurück nach hause und öffne die Garage. Von den mir zur Verfügung stehenden Fahrzeugen entscheide ich mich bei 9 Grad Minus für den großen Spritfresser, denn der hat eine Standheizung, Allradantrieb und genügend...

Kooperationsprogramm: Herr Eckers das ist das Kooperationsprogramm der Krankenkassen mit dem VVS. Noch nie davon gehört?

Ein Phantast der glaubte es würde anders: aber diese Phantasterei ist die Grundausstattung derjenigen welche sich äußerst bequem in politischen Führungspositionen eingenistet haben. Nur keine Auseinandersetzung mit der Autolobby, mit Daimler und Porsche usw. - und den autofreundlichen Medien! Denn diese stehen hinter den maximal zaghaften Versuchen die Körperverletzung durch Autoabgase einzudämmen. Hat man bei HartzIVV gefragt ob es den Betroffenen behagt? - Da wird, augenwischend, nach Flechten gesucht die Feinstaub aufessen usw. Das alles ist nur noch lächerlich - ein Staat der sich an die Lobbys verramscht hat!

Hartz IV: Herr Frank denken Sie doch in einer ruhigen Minute mal nach, wo die Steuergelder für die Hartz IVler herkommen.

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