Feridun Zaimoglu im Interview „Ich bin geschult an Volkes hartem Maul“

Von Thomas Morawitzky 

Der türkischstämmige und in Norddeutschland lebende Autor Feridun Zaimoglu (51) wurde mit dem Roman „Kanak Sprak“ berühmt wurde. Er schreibt jetzt auch fürs Theaterhaus Stuttgart einen Text. Ein Gespräch über die Tücken des Internets, die Kraft der deutschen Sprache und Martin Luther.

Gern gesehener Gast in Stuttgart: Feridun Zaimoglu (2. v. re.) bei einer politischen Diskussion im Schauspielhaus Stuttgart Foto: Lichtgut/Julian Rettig
Gern gesehener Gast in Stuttgart: Feridun Zaimoglu (2. v. re.) bei einer politischen Diskussion im Schauspielhaus StuttgartFoto: Lichtgut/Julian Rettig
Stuttgart – - Herr Zaimoglu, Sie sagen, Sie verweigern sich dem Internet. Seit wann?
Das war immer schon so. Ich habe nie geglaubt, ich könnte mir dort einen großen Freundeskreis erschließen. Das ist keine Verweigerungshaltung ,sondern nur vernünftig. Ich bin Schriftsteller, ich bin Geschichtenerzähler. Das interaktive Netz ist für mich zu vermeiden. Weil es Sprachverhunzung zur Folge hat.
Sie sind nicht im Internet. Aber Sie schreiben einen Blog. Ist das nicht ein Widerspruch?
Aus Block, wie Notizblock, wird Blog. Ich schreibe meinen Text auf einer elektrischen Schreibmaschine, reiße das Blatt aus der Walze, faxe es an das Theaterhaus und das Theaterhaus setzt es auf die Internetseite. Ich bin dabei nur der Urheber des Textes. Für mich ist das fast eine alchemistische Verwandlung. (lacht)
Viele Schriftsteller verwenden das Internet immerhin zu Recherchezwecken.
Ich bin ein altmodischer Schriftsteller. Ich gehe an die Schauplätze, und ich lese Bücher, Sachbücher. Ich google nicht. Nun habe ich einen Roman über Martin Luther geschrieben. Da waren die Schauplätze nicht eben in der Mongolei, aber ich nehme schon auch weite Reisen auf mich. Ich muss eine Ortsbegehung vornehmen. Ich muss es mir verbieten, nach Informationen zu fischen. Eine Geschichte ist eine Geschichte. Schreiben soll ja auch nicht Spaß machen. Ich schreibe nicht, um mich selbst zu verwirklichen.
Was interessiert Sie an Martin Luther?
Natürlich die Sprache. Für mich ist die deutsche Sprache kein Mittel zum Zweck. Sie ist eine Seelensprache. Ich mag die Bibelübersetzung Luthers sehr. Ich habe sie, ohne Übertreibung, sicher zwanzig Mal gelesen. Mir gefällt dieses kräftige, gute Deutsch, auch das von Grimmelshausen. Man kann sich über Luthers Textexegese streiten, über seine Theologie. Aber es bleibt die Sprache, sein Bezug auf Volkes Gesänge, Gerüchte und Worte, die bei ihm nicht, wie heute, sinnentleert wird. Er gefällt mir auch, weil er ein Mann war, der die Theologie zum Teufel gejagt hat. Natürlich nur, um sich dann seine eigene, abenteuerliche Theologie zu erlesen.
Das heißt, Sie schreiben nun einen historischen Roman?
Genau. Ich kann auch den Titel schon verraten, Evangelio. Der Ich-Erzähler ist, um es mit den Begriffen von damals zu sagen, ein Mann des alten Brauchs. Ein Kriegsknecht, der abbestellt wurde, Martin Luther auf der Wartburg zu bewachen und ihn zu schützen. Über den Streit der beiden bemühe ich mich, die Figur Martin Luther zu erschließen. Ich versuche eine Nachdichtung, in einem völlig anderen Deutsch als dem, das heute gesprochen wird.
Blogs sind deutlich kürzer ein Roman über Luther. Wie geht dieses Schreiben vor sich? Wenn man Ihre Texte im Blog liest, wirken sie zugleich spontan aber auch ausgefeilt, sehr stark rhythmisiert.
Das Thema Heimat war ja gestellt. Meine Texte verstehe ich als herbe Grüße von der Peripherie. Ich setzte mich hin und schreibe sie herunter. Ohne eine Pause. Ich feile nicht. Ich habe mir ein Zeitlimit gesetzt: Es darf nicht länger als eine halbe Stunde dauern. Aber es gibt natürlich, wie bei meinen Romanen, eine Anlaufzeit. Also: ich sitze da, wie erstarrt, auf dem Sofa, schaue Löcher in die Luft und schreibe dann ein paar Worte auf ein Blatt und erstelle mir damit gewissermaßen einen Fahrplan. Und dann schreibe ich den Text. Der Rhythmus ist entweder da oder nicht.
Gibt es einen bestimmten Ton, den Sie in diesen Texten anstreben?
Im Deutschen geht alles, auch das Verglühen in Worten. Der Rhythmus, von dem Sie sprechen, rührt daher, dass ich in den deutschen Worten, den nicht akademisch verkleideten, näher dran bin an meiner Geschichte. Man muss die alten Märchen lesen, um zu erfahren, dass die Seelenhaftigkeit der deutschen Worte der Rhythmus ist. Ich kann nichts dafür, wenn heute in Deutschland nur harmloses Akademikerdeutsch geschrieben wird. Ich bin geschult an Volkes hartem Maul. Ich erfahre in einem deutschen Wirtshaus viel mehr Erheiterung, viel mehr Geschichten als im Internet. Dort gibt es ja nur bescheuertes Gestammel, mit Verlaub. Das ist keine Sprache. Dieses Narkosedeutsch findet man leider auch im Literatursektor.
Die Literatur im Netz, das Sie meiden, versteht sich mitunter aber auch als Alternative zum etablierten Literaturbetrieb. Das sehen Sie offenbar nicht so, oder?
Selbstverständlich ist alles erlaubt, was das Krustige und Korrupte im Literaturbetrieb aufbrechen könnte. Das bedeutet aber nicht, dass bei Slam Poetry, Rap oder was auch immer, alleine schon wegen des Anspruches gute Texte entstehen.
Sie schreiben: „Was findet man im Netz? Das debile Moment der Selbstverortung.“ Das Thema der Blogbühne in diesem Jahr ist Heimat. Ist das Internet für viele Menschen zu einer Ersatzheimat geworden?
Das könnte man natürlich meinen. Aber ich würde das nicht verstehen. Heimat ist für mich Norddeutschland. Heimat hat etwas mit Luft zu tun, hat etwas mit Menschen zu tun, die ich sehe. Ich möchte kein Bildschirmlecker sein. Ich möchte rausgehen. Wer glaubt, Heimat sei eine eingeschlossene Welt, dem wird irgendwann der scharfe Geruch der Darmwinde in dieser Welt in die Nase steigen. Ich habe keinen abstrakten, sondern einen ganz konkreten Heimatbegriff. Woran ich Heimat erkenne? Daran, dass ich sie vermisse, wenn ich nicht dort bin. Heimat ist für mich das Wasser, das Meer, der Himmel, die Menschen.
Sie setzen sich in Ihren Texten für die Blogbühne mit dem Alltag in Deutschland auseinander und mit den Konflikten, von denen dieser Alltag bestimmt wird. Wie erleben Sie die aktuelle gesellschaftliche Situation?
Meine Eltern leben in der Türkei ja auch in einer Art deutscher Parallelgesellschaft, sie sehen sehr viel deutsches Fernsehen. Wenn sie anrufen und sagen: Du bist unser deutsches Kind, erklär’ uns mal, wie sich das in Deutschland verhält mit den Flüchtlingen, und ob Frau Merkel die richtige Entscheidung getroffen hat - dann kann ich schon etwas erzählen. Aber ich liebe das Allgemeine nicht wirklich. Ich liebe die Detailansichten, die viel mehr aussagen als irgendwelche Bekenntnisse. Wir leben in einer spannenden Zeit. Es gibt nicht die gesellschaftliche Situation. Es gibt auch viele Abgewandte. Menschen, die nicht erfasst werden, weil sie sich der Medialisierung entziehen, weil sie das nicht mögen.
Für Slavoj Zizek stellt der Begriff der Heimat eine Ausflucht der Politik dar, die sich der Verantwortung für Flüchtlinge und ethnische Minderheiten entziehen möchte. Muss man heute zum Nomaden werden?
Ich gehöre nicht zu denen, die Zizek überschätzt haben. Heimat gehört zu den Menschen. Zur Heimat finden sie auch ohne eine Obrigkeit. Dass die aus ihr eine klebrige Idee macht, ist etwas anderes. Aber weshalb sollte man Leute als Spießer bezeichnen, nur weil sie mit Heimat noch etwas anfangen können? Ich glaube nicht, dass der traditionelle Heimatbegriff ausgedient hat. Die meisten Menschen in Deutschland würden, jenseits aller Bewertungen, schon sagen, dass sie Heimat besetzen können, als einen Ort, als Menschen, einen Landstrich. Heimat hat mit Kindheitserinnerungen zu tun. Mit guten Gefühlen, Verwurzelung. Was soll daran falsch sein? Das hindert die Menschen nicht daran, zu reisen, offen zu sein. Ich glaube, dass es gut ist, eine Heimat zu haben und seine Heimat auch zu lieben.
Heute gibt es aber viele Menschen, die diese Wurzel nicht mehr haben, denen sie genommen wurde. Das löst Verunsicherung aus.
Die Flüchtlinge haben gesehen, wie gastfreundlich man in diesem Lande ist. Nun ist es an ihnen, sich hier ein Leben aufzubauen und sich die Spielregeln anzueignen. Wir leben in einem demokratischen Staat, einem freien Staat. Ich grenze mich ab von konservativen Politikern, die Zeichen setzen und Forderungen stellen. Menschen stoßen auf Menschen. Es gibt Konflikte und Kollisionen. Aber dieses Land heißt Deutschland. Es gibt hier Regeln, an die man sich hält. Man muss sich dabei nicht von sich selbst entfernen und denken, man sei völlig verkehrt. Aber verkehrt ist es, wenn man glaubt, dass man arabische Bräuche hier durchsetzen kann. Das verträgt sich nicht mit dem deutschen Weg.
INFO ZUM BLOGBÜHNEN-PROJEKT:

Mit Heimat kennt sich jeder aus. Auf die eine Weise, auf die andere. Im Theaterhaus Stuttgart findet bereits zum zweiten die Blogbühne statt. Thema: „Heimatkunde für alle“.

Auf der Internetseite blogbuehne.de haben Profis und Amateure darüber geschrieben, was Heimat für sie sein kann. Feridun Zaimoglu ist unter den sechs Profis, er war schon bei der ersten Auflage des Projektes vor zwei Jahren mit dabei. Auch dabei: Anis Hamdoun. Er stammt aus Syrien, war während des arabischen Frühlings politisch aktiv und musste seine Heimat 2012 verlassen. Er lebt seit 2013 in Deutschland und inszenierte sein viel beachtetes Stück „The Trip“ 2015 am Theater Osnabrück. Auch Suleman Taufiq wurde in Syrien geboren, lebt aber seit seiner Jugend in Deutschland, hat Gedichte und Romane verfasst und Klassiker der arabischen Literatur ins Deutsche übersetzt. Ildikó von Kürthy kommt aus Aachen, arbeitete als Journalistin, schrieb Romane und Theaterstücke. „Mondscheintarif“ gehörte seit 2011 zum Repertoire des Stuttgarter Theaterhauses. Tina Müller stammt aus der Schweiz; ihre Theaterstücke wurden mehrfach ausgezeichnet. Felix Huby schließlich ist ein Baden-Württemberger. Er hat unzählige Kriminalromane geschrieben, erfand den Stuttgarter Tatort-Kommissar Bienzle und veröffentlichte 2014 seinen Roman „Heimatjahre.“ Diese sechs Autoren nähern sich dem Thema „Heimat“ von unterschiedlichen Seiten. Anders als vor zwei Jahren möchte das Theaterhaus die gesammelten Texte seines Blogs in diesem Jahr nicht auf der Bühne inszenieren. „Die Zuschauer hatten 2014 eher Lust an den literarischen Texten und erwarteten weniger das klassische Theaterstück“, sagt Thomas Richhardt, Dramaturg am Theaterhaus. Deshalb werden die gesammelten Texte des Blogs nun zu einer Installation, einer Lesung verarbeitet: „Theater am Tisch“. Sie wird am 16. und 17. September, jeweils um 19.30 Uhr, im Theaterhaus präsentiert.

www.blogbuehne.de; www.feridun-zaimoglu.com

Karten: 0711/40 20 7 20, tickets@theaterhaus.com, www.theaterhaus.com