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Fernsehprogramm an Weihnachten Kind müsste man wieder sein

Tilmann Gangloff, vom 22.12.2010 20:51 Uhr
König (Michael Gwisdek, l.), Prinz (Robert Gwisdek) und Prinzessin (Rike Kloster) sind glücklich, denn einer Krönung steht nun nichts mehr im Wege. Foto: rbb
König (Michael Gwisdek, l.), Prinz (Robert Gwisdek) und Prinzessin (Rike Kloster) sind glücklich, denn einer Krönung steht nun nichts mehr im Wege. Foto: rbb
Stuttgart - Erst waren es sechs Märchen "auf einen Streich", dann gar acht. In diesem Jahr sind es angeblich wieder sechs, aber das ist ein bisschen gemogelt: Nur vier der Filme, welche die ARD an den beiden Weihnachtstagen zeigt, sind neu. Mit dem aktuellen Sparzwang habe das aber nichts zu tun, versichert ein Sprecher, die beiden anderen Filme seien schlicht nicht rechtzeitig fertig geworden.

Und noch etwas ist anders: schöpften die Macher bisher ausschließlich aus dem Fundus der Brüder Grimm, so bediente man sich für die neuen Märchen erstmals auch bei Hans Christian Andersen. Unverändert sind jedoch die liebevolle, auch ironisch gebrochene Erzählweise, die opulente Ausstattung, die farbenfrohe Bildgestaltung und die verschwenderische Besetzung.

Selbst für kleine Sprechrollen waren sich prominente Schauspieler nicht zu schade. So spielt Christoph Bach im Auftaktfilm "Das blaue Licht" einen schnöseligen Prinzen. Und Veronica Ferres hat sichtlich Vergnügen an ihrer Doppelrolle als hässliche Hexe, die bei Bedarf als schöne Frau unbescholtenen Zeitgenossen den Kopf verdreht. Allein die Verwandlung ihres Gesichts in eine Fratze muss Stunden gedauert haben. Den Kindern aber wird sich vermutlich unvergesslich die Szene einprägen, in der die Hexe genussvoll eine Schnecke samt Haus vertilgt.

Die Filme würden auch im Abendprogramm ihr Publikum finden


Fielen die beiden ersten Staffeln noch recht heterogen aus, weil sich die Produktionen mal stärker an Kinder, mal mehr an die ganze Familie richteten, so sind die diesjährigen Weihnachtsmärchen im Ersten großartiges Familienfernsehen. Die Filme würden problemlos auch im Abendprogramm ihr Publikum finden, zumal es in jeder Geschichte einen ausgeprägten Beziehungsstrang gibt. Auch die Qualität ist deutlich homogener. Es würde schwerfallen, eine der Verfilmungen herauszuheben: Alle vier zeichnen sich durch souveräne Inszenierungen und beschwingte darstellerische Leistungen aus, so dass es eher eine Frage des Geschmacks ist, ob man die mit sympathischer Süffisanz erzählte Geschichte vom Meisterdieb (mit Max von Thun in der Titelrolle) vorzieht oder ob man sich daran erfreut, den Kaiser in Unterhosen zu sehen (mit einem großartigen Matthias Brandt als Staatsoberhaupt). Andersens Märchen von der "Prinzessin auf der Erbse" schließlich ist eine muntere romantische Komödie.

Konkurrenz für "Sechs auf einen Streich" gibt es nun ausgerechnet aus dem eigenen Haus, allerdings fürs Ohr: Schon an Heiligabend beginnt SWR 2 mit der Ausstrahlung des dreiteiligen Hörspiels "Bartimäus - Das Amulett von Samarkand". Die Bearbeitung von Renate Greinacher hält sich eng an die Bestseller-Vorlage von Jonathan Stroud. In der Fantasygeschichte soll der Dämon Bartimäus einem Zauberlehrling helfen, sich an einem mächtigen Zauberer zu rächen. Im Anschluss an Teil eins liest Eva Mattes das Märchen "Prinzessin Graues Mäuschen". Auch wenn die Lesung immer wieder durch klassische Musik unterbrochen wird, so richtet sie sich hörbar an kleinere Kinder.

Ebenfalls an Heiligabend, allerdings am Vormittag, zeigt das ZDF die vielleicht schönsten dreißig Fernsehminuten des Jahres: "Der Grüffelo" ist eine wundervolle Adaption des Kinderbuchklassikers, die Animation erfolgte im Ludwigsburger Studio Soi. Buch und Film erzählen die Geschichte einer tollkühnen Maus (mit der Stimme von Christian Ulmen), die sich dem Verzehr durch verschiedene Waldtiere entzieht, indem sie kurzerhand den Grüffelo erfindet, ein Monster, mit dem sie angeblich verabredet ist - und plötzlich steht das Ungetüm vor ihr. Die weiteren Stimmen stammen von Heike Makatsch, Otto Sander und Edgar Selge. Am Nachmittag verkürzt das ZDF das Warten aufs Christkind mit einer Grimm-Verfilmung: "Aschenputtel" ist eine werktreue Adaption, der allerdings der spielerische Übermut der ARD-Produktionen fehlt - und wohl auch ein vergleichbares Budget.
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Kommentare (1)
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DEZ
22
23:11 Uhr, geschrieben von K. Neumann
Vom Beziehungsstrang in dem Sinne wie von der StZ kolportiert kann keine Rede sein. Zitat StZ
"Die Filme würden problemlos auch im Abendprogramm ihr Publikum finden, zumal es in jeder Geschichte einen ausgeprägten Beziehungsstrang gibt." Der Beziehungsstrang, den die Märchen meinen, ist wohl am besten mit dem Begriff Archetypus umschrieben, den C.G. Jung geprägt hat ( schönes Buch dazu Man and his Symbols, ich kenne leider nur die engl. Fassung und weiss noch nicht einmal, ob es das Buch auch in Deutsch gibt) und der in allen Kulturen gleicher massen zu finden ist. Der Grund, warum der Handlungsstrang "nicht tot zu kriegender Märchen" auch Erwachsene immer wieder fasziniert, sprechen sie doch das Innerste im Menschen an, das ihn immer ruft und dem er nie zu folgen imstande ist. Das Weihnachtsfest wäre auch ein solches Märchen, nur unter dem "Gaben"tisch erdrückt wie die anderen auch. Wen die Aufschlüsselung der Bildsprache und "Beziehungsstränge" in den Märchen interessiert, der kann einmal in dem ausgezeichneten und einfach zu verstehenden Buch von Friedel Lenz "Bildsprache der Märchen" auf Entdeckungsreise gehen. Vielleicht noch ein Weihnachtsgeschenk, sofern noch verlegt?
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