Fernsehturm Stuttgart Gerangel um den zulässigen Fluchtweg

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OB Fritz Kuhn hat nochmals betont, dass er keine andere Wahl gehabt habe als den Fernsehturm zu schließen. Doch das bisherige Evakuierungskonzept war mit Stadt und Feuerwehr abgesprochen gewesen. Warum gilt es nun nicht mehr?

Der Stuttgarter Fernsehturm ist geschlossen worden. Foto: dpa 26 Bilder
Der Stuttgarter Fernsehturm ist geschlossen worden.Foto: dpa

Stuttgart - Noch immer rätseln viele Stuttgarter, weshalb OB Fritz Kuhn (Grüne) den Fernsehturm vergangene Woche so überstürzt geschlossen hat. Er selbst verweist jetzt erneut auf die jüngste Risikoeinschätzung des Baurechtsamtes: Die Treppe im Turmschaft sei zu eng und gelte nicht als Fluchtweg; und beim Aufzug sei nicht gewährleistet, dass er im Gefahrenfall funktioniere. „Damit finde ich die Situation vor, dass es gar keinen Fluchtweg gibt“, sagte Kuhn der StZ: „In einem solchen Fall habe ich keinerlei Ermessensspielraum. Ich muss den Turm schließen.“

Tatsächlich aber war der Aufzug jahrzehntelang als Rettungsweg anerkannt oder zumindest geduldet worden. Der Lift ist so konzipiert, dass die Kabine nicht brennen kann, und ein Notaggregat versorgt ihn auch dann mit Strom, wenn alle Leitungen ausfallen. Schon im Juli 1968, als es in der Küche in der Kanzel einen Brand gab, hatte OB Arnulf Klett den Fernsehturm deshalb als sicher deklariert, „weil von den Korbgeschossen ein Fluchtweg über eine Treppe zur Aussichtsplattform führt, von der aus die Besucher über die Aufzüge auch während eines Brandes nach unten befördert werden können.“ So heißt es im Amtsblatt 1968. Niemand hat diesen Rettungsplan in Frage gestellt.

Ausnahmen werden in besonderen Gebäuden häufig gemacht

Seit 1984 schreibt die Landesbauordnung vor, dass es in Hochhäusern zwei getrennte Fluchtwege geben muss. Ausnahmen seien aber möglich, wenn ein Fluchtweg vorhanden ist, in den kein Rauch und kein Feuer eindringen könne, so Branddirektor Frank Knödler. Gerade in denkmalgeschützten Gebäuden wie dem Fernsehturm sind solche Ausnahmen häufig. In den Rettungsplänen der Feuerwehr hatte der Aufzug sogar eine zentrale Rolle gespielt.

Der SWR ging gestern noch einen Schritt weiter: In dem mit Baurechtsamt und Branddirektion abgestimmten Evakuierungskonzept habe man die Fluchtwege gerade wegen deren Problematik gar nicht berücksichtigt. Der Plan sehe vor, so ein Mitarbeiter des SWR-Gebäudemanagements, dass Besucher bei Feuer nach außen auf die Plattform geführt werden, wo nichts brennen könne und warme Kleidung deponiert sei. Erst wenn der Brand gelöscht sei, fahren die Personen per Aufzug nach unten: „Wir sind davon ausgegangen, dass das Konzept gilt. Es muss diesen Ermessensspielraum geben, sonst kann man Gebäude der 1950er Jahre nicht betreiben.“

Jahrzehntelang hat niemand das Konzept hinterfragt

Das Gesetz und die bauliche Situation haben sich jedenfalls seit Jahrzehnten nicht mehr verändert. Es sei deshalb die neue Bewertung des Risikos, die zu der Schließung des Turmes geführt habe, sagt Knödler. Er verweist auf den Heslacher Tunnel, bei dem die Branddirektion jahrelang vergebens auf bessere Fluchtwege gedrungen habe: „Erst nach den Brandkatastrophen im Montblanc-Tunnel 1999 und im Gotthard-Tunnel 2001 hat der Gemeinderat sofort das Geld bewilligt.“

Dennoch: Warum hat dann der Brand auf dem Moskauer Fernsehturm Ostankino, bei dem 2001 durch den Absturz eines Aufzuges vier Menschen starben, in Stuttgart niemanden zum Nachdenken gebracht? Auch die schon 1998 öffentlich geäußerte Kritik am Brandschutz im Fernsehturm hatte keine Folgen. Fritz Kuhn hat deshalb durchaus Fragen, warum das Baurechtsamt jahrelang die Situation anders bewertet hat und warum die Branddirektion das Konzept mitgetragen hat. Auch gestern saßen alle Beteiligten zusammen, um sich über die Akten zu beugen.

Städtische Ämter äußern sich zum Fernsehturm nicht mehr

Von einem Brandsachverständigen erhält die Stadt übrigens Rückendeckung. Technische Schutzmaßnahmen könnten fehlende Fluchtwege niemals komplett ersetzen, sagt der Experte; das wäre ein „sehr innovatives Konzept“, meint er ironisch.

Welche politische Brisanz das Thema hat, zeigt sich daran, dass Kuhn die Kommunikation ganz an sich gezogen hat. Alle Ämter verweisen Anfragen zu früheren Einschätzungen an den Pressesprecher des OB Andreas Scharf – oder rufen erst gar nicht zurück. Scharf weist vor allem Spekulationen zurück, dass Kuhn die Schließung im Alleingang beschlossen habe. An den Krisensitzungen, die sich der Neubewertung des Baurechtsamtes angeschlossen haben, hätten alle verantwortlichen Ämter und Bürgermeister teilgenommen. Der Beschluss sei einstimmig gefallen.

Die Ingenieurkammer Baden-Württemberg hat gestern mitgeteilt, dass sie den Fernsehturm nach einer ersten Einschätzung für nachrüstbar hält. Die SPD-Gemeinderatsfraktion hat in einem Antrag gefordert, den Fernsehturm für die Öffentlichkeit zu erhalten.

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49 KommentareKommentar schreiben

Verwaltungshandeln: Der Oberbürgermeister muss die Beschlüsse des Baurechtsamts (Vorlage der Brandschutzdirektion) vollziehen. Das Baurechtsamt hatte die Leiche bereits zu Schusters Zeiten im Keller, aber jetzt passte es halt besser... Klar doch, Baurechtsamt und Brandschutzdirektion erregen sich schon mal über einen brennbaren Vorleger im Hausflur eines Hochhauses. Auch über 50x70 cm Fluchtdurchlässe zum Treppenhaus. Vermutlich hat ein beleibter Dreisterne-Hauptbrandmeister getestet, dass er da, aufrecht durchmarschierend gehend, steckenbleibt. Tipp an Fluglinien: Lasst die Brandmeister nicht in die Flieger. Diese haben zwar Fluchttüren, aber keine Lösung für den Notfallausstieg. Ran an den Speck, liebes Baurechtsamt, auch beim geplanten S21-Filderbahnhof.

Wahrscheinlichkeit: @ Jögern von Pauli, 09:27 Uhr '...Ach, und übrigens: Da Sie meinen, was 60 Jahre gut ging, geht auch weiterihn gut - dem ist nicht so. Mit zunehmender Dauer erhöht sich nämlich das Risiko und die Wahrscheinlichkeit, daß Ereignisse eintreten, nicht umgekehrt.' Das ist so nicht ganz richtig. Die Wahrscheinlichkeit, dass heute dort etwas passiert, ist genau die selbe wie die Wahrscheinlichkeit dafür am ersten Öffnungstag vor langer Zeit. Vorausgesetzt, Bausubstanz oder Einbauten haben sich bis heute nicht stetig verschlechtert - wovon ich im Ergebnis nach den regelmässigen und erst kürzlich wieder erfolgten Renovierungen ausgehe. Die Wahrscheinlichkeit, dass ich heute im Lotto gewinne, erhöht sich auch nicht dadurch, dass ich 50 Jahre wöchentlich Lotto spiele. Mathematisch nachvollziehbar, auch wenn man es intuitiv auf den ersten Blick vielleicht anders empfindet.

Ungerechtfertigte Schließung ist gefährlich für die Feuerwehr: Endlich hat mal ein Grüner was entschieden - ohne Dialog, Gehörtwerden und Augenhöhe - schon läuft's schief! Und die Beschäftigten erfahren die Fehlentscheidung aus der Presse. Welch ein Hohn! Leider, aber durchaus mit Verständnis, kommt man zum Urteil: '57 Jahre war der Fernsehturm sicher, bis das Rundfunkfritzle Angst kriegt hat'. Dieser Kniefall Kuhns vor einer Minderheit war fehl am Platz. Der Brandschutz ist überhöht und wurde teils vorgeschoben. Unsere Feuerwehr tut sich keinen Gefallen damit, wenn in der Bevölkerung auch nur der leiseste Eindruck entstehen könnte, sie würde für politische Zwecke instrumentalisiert. So manche Linksgrüne in unserer Gesellschaft haben sich früher über Aufgabe und 'Corps-Geist' bei den Feuerwehren lustig gemacht. Erst als man sah, wie trefflich mit dem Thema Brandschutz unliebsame Sachen zu verhindern sind, wurde Funktion und Wirken der Feuerwehr(leute) schlagartig interessant für diese politische Gruppe.

Maulkorb ist Mitarbeiterschutz: Natürlich sollten sich Mitarbeiter der Ämter nicht mehr in der Presse äußern - über die würde man hier nämlich genauso herfallen, wie über den OB. So können sie jetzt an den OB verweisen. Ich hätte nie damit gerechnet, dass es von dem Turm keine Fluchttreppe gibt. Und dass der Aufzug keinen Schacht hat, habe ich beim Einsteigen auch nie gesehen. Bei jedem Haus würde man eingreifen, das muss bei einem Wahrzeichen auch gelten, wenn sich hunderte Leute dort aufhalten können.

Überstürzte Schließung!!: KUHN kann beteuern nund schwätzen was er will. Es bleiben wachsweiche Begründungen für die vollkommen überstürzte und UNNÖTIGE Schließung des Turms. KUHN hat erbärmlich versagt auf mehren Ebenen!! Nicht nur ein Kommunikationschaos, eine völlig unnötige und überstürzte Schließung des Turms bleibt es, so oder so..!

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