Festival Eclat in Stuttgart Rettung naht im Kleinen

Von Markus Dippold, Werner Müller-Grimmel und  

Das Eclat-Wochenende bietet verkorkstes Musiktheater – und manchmal schlicht gute Musik: Während das Stück „Minotaurus“ im Stuttgarter Theaterhaus enttäuscht, überzeugen die Neuen Vokalsolisten.

Was Nicola Gründel   in „Minotaurus“ leistet,  ist phänomenal. Foto: Sigmund
Was Nicola Gründel in „Minotaurus“ leistet, ist phänomenal.Foto: Sigmund

Festivals wie Eclat haben eine hohe Bedeutung, weil sie eine Leistungsschau der zeitgenössischen Musik sind und das Gegenwärtige zur Diskussion stellen. Vorausgesetzt, das Gezeigte ist diskussionswürdig. Davon war das Hauptwerk am Freitagabend, „Minotaurus“ von Markus Hechtle, im voll besetzten Stuttgarter Theaterhaus weit entfernt. Den Mythos vom im Labyrinth eingesperrten Monster hat Hechtle auf der Textgrundlage von Friedrich Dürrenmatt als – nun ja – Musiktheater konzipiert. Doch schon diese Ballade verweigert sich der theatralischen Form. Hechtle verschärft dieses Problem, indem er den Text immer wieder in einzelne Sätze oder Wörter zerlegt, diese wiederholt und steigert. Dazu passte (unfreiwillig) auch das dürre Arrangement: Christiane Dressler stellt eine in nüchternem Grau gehaltene Schuhkarton-Bühne hin, das war es. Effekte werden einzig über die Beleuchtung erzielt (Hubert Schwaiger), die zwischen ekstatischem Rot und kühlem Blau vieles anzubieten hat.

Das Gegenteil dazu war in der Musik zu finden. An Einfallslosigkeit und Belanglosigkeit war Hechtles Komposition kaum zu überbieten. Seine Grundidee ist, die Stimme der schauspielenden Sprecherin mit dem Klavier zu verknüpfen, um so die Gefangenschaft und das Mischwesen des Minotaurus hörbar zu machen. Also setzen Sprecherin und Pianist parallel zueinander ein, agieren zweistimmig als ein Wesen. Was Nicola Gründel hier leistet, ist schlichtweg phänomenal. Die gewaltige Textmasse beherrscht sie perfekt, formt und gestaltet sie, gewinnt ihr eine Fülle an Ausdrucksnuancen ab. Dagegen kommt Hechtle in seiner Musik über simple, grundsätzlich einstimmige Phrasen in mittlerer bis tiefer Klavierlage nicht hinaus. Nach ein paar Minuten hat er sein Pulver verschossen, und der Abend im Theaterhaus zieht sich fast anderthalb Stunden in quälende Länge.

Knarzen, Quietschen, Krächzen

Gelegentliche Farbwechsel steuern nur die Instrumentalisten vom Ensemble Modern bei. Mal dürfen die Blechbläser unheilvoll dräuen, mal die hohen Streicher elegisch singen. Das alles ist so plakativ, redundant und harmlos, dass sich der seltsamste Bühnengag des Abends fast schon wie ein ironisch-passender Kommentar dazu ausnimmt: am Ende uriniert ein Junge von oben auf die Bühne herab.

Auch das erste Konzert mit drei Uraufführungen bediente nur teilweise Innovationsansprüche. Alberto Hortigüela spielt in „Cross-reading“ mit dem sattsam bekannten Gegensatz von Klangflächen und punktuellen Ereignissen, während Carola Bauckholts „Stroh“ die Verfärbungen der menschlichen Stimme auslotet: Knarzen, Quietschen, Krächzen und multiphonales Schnarren sind ihr Handwerkszeug, das sie über Gebühr ausreizt. Einzig Hans Zenders „Ein Wandersmann . . . zornig . . .“ zeigte sich da auf der Höhe der Zeit. Knappe Motive, aggressive Ausbrüche und dichte, hermetische Klänge fordert er dem Akkordeon ab und Teodoro Anzellotti zelebriert das mit größtmöglicher Spannung. Manchmal reichen fünfzehn Minuten, um einen Abend zu retten.

Rhythmisches Klopfen in der Pause

Bei Konzerten mit ganz unterschiedlich besetzten Werken können Umbaupausen nerven, sind aber unvermeidlich. Für das erste Samstagsprogramm hat Hans-Peter Jahn deshalb eine Art Intermezzo von Thomas Witzmann eingefügt, das die Umbaumaßnahmen zwischen einem Chorstück und einem Streichquartett mit live-elektronischem Equipment unterhaltsam gestalten sollte. Witzmanns „Stühle Rücken“ für vier Akteure spielt mit Geräuschen, die beim Schieben oder Umstellen von Stühlen und Notenständern entstehen. Knarzende oder metallische Töne, rhythmisches Klopfen, aber auch stumme Effekte oder Bewegungen im Raum pendeln zwischen Klangstück, Musiktheater und Ballett.

Begonnen hatte das Konzert mit einem Schrei, ausgestoßen von dem Countertenor Daniel Gloger, der singend von links hinten am Publikum vorbei auf die Bühne zusteuerte und dort zu Stefan Schneider (Klarinetten), Jean-Guihen Queyras (Violoncello) und Teodoro Anzellotti (Akkordeon) stieß. Jörg Widmanns „Skorpion“ (Text: Peter Sloterdijk), das die vier Musiker brillant aus der Taufe hoben, spinnt kammermusikalisch üppig einen Aspekt der Oper „Babylon“ weiter, die im vergangenen Herbst in München uraufgeführt wurde.

Mit Fingerspitzengefühl

Im Vergleich dazu wirkte Hanspeter Kyburz’ „Tropus“ für Violoncello sehr intim, fast zerbrechlich. Queyras spielte das extrem schwierige, zwischen verhaltenen Klängen und quirliger Beweglichkeit wechselnde Stück technisch virtuos und mit Fingerspitzengefühl für poetische Qualitäten. Melodisch flüssig und textverständlich sang das von Florian Helgath dirigierte SWR-Vokalensemble Stuttgart Thomas Larchers kompakte, teils tonal unterfütterte Chormusik „Das Spiel ist aus“ nach einem Gedicht von Ingeborg Bachmann.

Acht kleine Lautsprecherboxen, vier Laptops neben den Notenpulten, Effektpedale und jede Menge Kabel brauchte das Arditti Quartet für die Uraufführung einer halbstündigen Komposition von Thomas Kessler. Wie aus einem Radio mit schlechtem Empfang wehten kaum erkennbare Fetzen „klassischer“ Sinfonik von fern herbei. Abebbende Echorhythmen oder bienenschwarmartig an- und abschwellende Motiven tönten teils reizvoll, auf Dauer aber ermüdend.

Das Ensemble Ascolta überzeugt

Mathias Spahlingers „entfernte ergänzung“ erwies sich als recht asketische Übung für das Aleph-Gitarrenquartett. Zögerlich plätscherten zirpende oder sanft tröpfelnde Klänge im Langstrecken-Mezzopiano vor sich hin. Noch karger wirkte Matthias Pintschers unergiebige „Study IV for Traetise von the Veil“ (2009) für das Arditti Quartet. Brillant gelang Bernhard Langs „Hermetica V“ - „Fremde Sprache“ für Bassklarinette (Gareth Davis) und sieben Stimmen (Neue Vocalsolisten), eine vitale, klangbewusste Komposition.

Langs Arbeit fand eine Art Echo im anschließenden multimedialen Klangtheater „Inszenierte Nacht“ des Dänen Simon Steen-Andersen, einer originellen vierteiligen Übermalung: vier Werke von Bach bis Ravel werden einer klanglichen Desintegration ausgesetzt, launig, pathetisch, schrill und virtuos. Vielleicht hören sich Mozarts Rache der Königin der Nacht oder Ravels „Gaspard“ so an, wenn man gekokst hat. Überragend das Stuttgarter Ensemble Ascolta, vorneweg der flinkhändig wieselnde Pianist Florian Hoelscher. Jubel.

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