Fifa-Präsident Infantino „Ich bin der neue Leader“

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Nach seiner Wahl zum Fifa-Präsidenten in Zürich untermauert Gianni Infantino den Anspruch auf Führung. Eine Analyse von StZ-Sportredakteur Tobias Schall.

Smart, eloquent, charmant: mit Gianni Infantino soll ein neuer Geist bei der Fifa einziehen. Foto: Getty
Smart, eloquent, charmant: mit Gianni Infantino soll ein neuer Geist bei der Fifa einziehen.Foto: Getty

Zürich - Die Wahl ist schon einige Zeit vorbei, als im Innenraum des Zürcher Hallenstadions die Aufräumarbeiten beginnen. Die Fifa hat wie so oft Dreck zurückgelassen, in dem Fall aber zur Abwechslung mal keinen justiziablen. Diese Hinterlassenschaften der Funktionäre sind vergleichsweise leicht zu entsorgen. Plastikflaschen zum Beispiel, und anderer Müll, der sich im Laufe eines langen Tages auf einem Kongress eben so ansammelt. Das Reinigungskommando ist gerade unterwegs, als vorne der neue angebliche Saubermann der Stunde seine erste Pressekonferenz gibt: Gianni Infantino, 45.

Am Freitagabend war das, der smarte Mann mit Glatze war sichtlich gerührt und wirkte so, als könnte er seinen Sieg nicht fassen. Er, dessen öffentlichkeitswirksamsten Auftritte bisher allein bei Auslosungen der Uefa waren, hatte selbst das große Los gezogen. Mit Infantino, das ist die Hoffnung, möge ein neuer Geist bei der Fifa einziehen. Für diesen Montag hat er am Sitz des Fußball-Weltverbandes in Zürich zu einem Freundschaftsspiel von Mitgliedern der Fifa, ausgewählten Gästen und Journalisten geladen.

Ein Mann aus dem alten System

Seinen Machtanspruch hat er aber gleich untermauert: Die Reformen mögen die Macht des Präsidenten beschneiden, aber als Botschafter sieht er sich nicht: „Ich bin vom Kongress gewählt worden, um ein Leader zu sein, um der neue Leader der Fifa zu sein.“ Und dem Schweizer Boulevardblatt „Blick“, Vorgänger Joseph Blatter treu ergeben und nun Infantinos erster medialer Ansprechpartner am Tag nach der Wahl, sagte er: „Sepp Blatter hat eine Ära in der Fifa geprägt. Ich hoffe, dass ich eine andere Ära in der Fifa prägen werde.“ Der „Blick“ titelte dazu: „FIFAntino! Diese Wahl ist gut für den Fußball und gut für die Schweiz.“

Infantino, ein Mann aus dem alten System, ist zumindest die bessere Wahl. Aus Sicht der Fifa, die unter einem schlecht beleumundeten Präsidenten wie Scheich Salman ihren Selbstzerstörungsprozess konsequent fortgesetzt hätte. Und aus Sicht der Justiz, die in dem Rechtsanwalt Infantino fraglos einen besseren Ansprechpartner haben wird als in einem Autokraten wie Scheich Salman. „Er hat’s einfach drauf“, sagt etwa der zurückgetretene DFB-Präsident Wolfgang Niersbach.

Die PR-Maschinerie lief auf Hochtouren

Was aber ist passiert in Zürich? Das fragen sich noch immer viele nach dem überraschenden Votum. Salman hat, glauben viele, zu wenig getan. Er hatte Infantinos Versprechen von mehr Geld und einer Aufstockung der WM nichts entgegenzusetzen. Vielleicht setzte sich auch beim einen oder anderen Delegierten die Erkenntnis durch, dass Salman die Krise verschärfen würde. Nach der knappen Führung nach Durchgang eins wechselte jedenfalls das Momentum zu Infantino; angeblich haben vor allem die USA in der Pause kräftig für ihn getrommelt und die Stimmen des dritten Kandidaten Prinz Ali eingesammelt.

Es zahlte sich dabei auch das Heer an PR-Agenten aus, das im Vorfeld für Infantino warb, vor allem „Vero Communication“. Die Agentur hat schon erfolgreich für Katars WM-Pläne 2022 und die Olympia-Bewerbungen von Rio (2016) und Pyeongchang (2018) gearbeitet sowie auch die siegreichen Präsidentschaftskampagnen der Briten Brian Cookson (UCI/Radsport) und Sebastian Coe (IAAF/Leichtathletik) begleitet. Nun also die von Infantino.

In Europa hinterlässt Infantino ein Machtvakuum

Sportpolitisch ist das für den Kontinentalverband Uefa eine gute Nachricht, weil es den Einfluss Europas in der Fifa stärkt. Unter Blatter war das Verhältnis von Teilen der Uefa zur Fifa miserabel, Blatter hatte seine Macht vor allem auf den kleinen Verbänden begründet und Politik gegen den Willen der großen Europäer gemacht.

Allerdings hinterlässt Infantino ein Machtvakuum (dazu sind, das nur nebenbei, Europas Topligen sauer über seine Pläne einer WM mit 40 Teams). Generalsekretär weg. Präsident weg. Michel Platini ist ja bekanntlich gesperrt. Auch wenn er dagegen ankämpft, wird er wohl nicht in sein Amt zurückkehren. Sobald dies Fakt ist, könnte die Stunde des Niederländers Michael van Praag schlagen. Der Präsident des KNVB hat Infantino bei der Wahl der Fifa unterstützt, ist hoch respektiert und gilt als (was Seltenheitswert hat) integre Person.

Und was ist mit der Rolle der Deutschen? Der DFB als größter Fußballverband der Welt ist inmitten der Sommermärchen-Affäre viel zu sehr mit sich beschäftigt, um auf internationaler Bühne eine große Rolle zu spielen. Am Freitag wird dabei der vom DFB in Auftrag gegebene Untersuchungsbericht vorgestellt. Der DFB muss erst in Frankfurt aufräumen.