Filder-Serie „Mein 2015“ Ein Albtraum ist vorüber

Von Fatma Tetik 

Hamud Al Olaiwi ist vor dem Krieg in Syrien geflüchtet. In Musberg hat er eine neue Heimat gefunden. Jetzt arbeitet er tageweise in einem Seniorenheim.

Hamud Al Olaiwi sucht seine Familie, und er möchte den Deutschen für deren Hilfsbereitschaft etwas zurückgeben. Deshalb arbeitet er in einem Seniorenheim. Foto: Fatma Tetik
Hamud Al Olaiwi sucht seine Familie, und er möchte den Deutschen für deren Hilfsbereitschaft etwas zurückgeben. Deshalb arbeitet er in einem Seniorenheim.Foto: Fatma Tetik

Leinfelden-Echterdingen - An die Bomben und Explosionen hatte sich Hamud Al Olaiwi eigentlich fast schon gewöhnt. Seit Jahren tobt in der Heimat des Syrers ein erbarmungsloser Krieg. Doch in jener Nacht im November 2014 reißt eine Bombe den jungen Mann aus dem Schlaf, das Haus wird erschüttert. In dieser Nacht schlägt eine Fassbombe in direkter Nachbarschaft des Syrers ein. Auch er wird verletzt. Eisensplitter und Nägel zerschmettern seinen Ellenbogen; er blutet stark. Das Nachbarhaus ist weggebombt, es gibt mehrere Tote. Weinende Kinder, schreiende Frauen, verwundete Männer auf den Straßen.

Für Hamud Al Olaiwi steht in dieser Nacht fest: „Ich muss hier weg; ich verlasse meine Heimat!“ Trotz der blutenden Wunde am Arm packt Hamud Al Olaiwi noch am selben Abend eine kleine Tasche. Viel Zeit bleibt nicht, die syrischen Kampfjets werfen weiter Bomben auf die Bevölkerung ab. Al Olaiwi ist verheiratet; erst vor wenigen Monaten ist er zum ersten Mal Vater geworden. Gemeinsam tritt die kleine Familie am selben Abend eine kräftezehrende Flucht ins Ungewisse an.

Familie wird auseinandergerissen

Ortswechsel: Musberg, im Dezember 2015. Knapp ein Jahr, nachdem sich der studierte Politik- und Medienwissenschaftler Al Olaiwi mit seiner Familie auf den Weg in ein neues Leben gemacht hat, sitzt er nun alleine in einer kleinen Wohnung in Musberg und wischt sich immer wieder die Tränen von den Augen. „Ich weiß nicht, wo meine Frau und mein Kind sind; ich weiß noch nicht einmal, ob sie noch leben“, stammelt er in gutem Deutsch.

Die Familie wurde auf der Flucht auseinandergerissen. Die verzweifelte Suche des jungen Mannes blieb erfolglos. Einige Monate harrte er in einem Flüchtlingscamp in der Türkei aus, in der Hoffnung, seine Familie dort wiederzufinden. In der Türkei wird auch erstmals sein Arm operiert. Die Metallgeschosse bekommt er als Andenken in einer Plastiktüte mit auf den Weg.

Flucht über die Balkanroute

Schweren Herzens zieht er alleine weiter. Für rund 4000 Euro erkauft Hamud Al Olaiwi sich einen Platz in einem viel zu kleinen Schlauchboot. Über die lebensgefährliche Überfahrt nach Griechenland möchte er nicht reden. Er sei nur überglücklich gewesen, endlich im sicheren Europa zu sein, sagt er. Doch der Albtraum geht auch auf europäischem Boden weiter. Auf der Balkanroute schlägt sich Hamud Al Olaiwi weiter durch. In freundliche Gesichter blickt er selten. Stattdessen zückt die ungarische Polizei Schlagstöcke und setzt Elektroschocker gegen einige Männer ein. „Wenn das Europa ist, gehe ich wieder zurück“, habe er sich gedacht. Deutschland sei gar nicht bewusst ausgewählt worden, erklärt er. „Aber keiner wollte uns in seinem Land behalten“, sagt der Flüchtling. Also geht es weiter, bis er drei Monate nach Verlassen seiner Heimat in Deutschland ankommt. „Die Deutschen sind anders; sie sind freundlich und behandeln uns wie Menschen“, sagt Al Olaiwi.

Von der Landeserstaufnahmeeinrichtung in Karlsruhe kommt er nach Meßstetten und von dort nach Oberaichen. Bis Juli 2015 teilt er sich dort ein kleines Zimmer mit zwei weiteren Flüchtlingen. Im April 2015 erhält er seinen positiven Asylbescheid. Im August kann er die Unterkunft in Oberaichen verlassen. Er hat Glück und findet mithilfe von Ehrenamtlichen eine private kleine Wohnung in Musberg. Im Hintergrund der Mietwohnung hört man fröhliches Kindergeschrei. „Es ist schön, das Kinderlachen zu hören“, sagt Hamud Al Olaiwi und stockt.

Ein Menschenleben ist in Syrien nichts wert

In seinen Google-Übersetzer auf dem Smartphone spricht er ein arabisches Wort. „Terrorismus“, spuckt das Gerät auf Deutsch aus. „Terrorismus hat in meiner Heimat den Kindern das Lachen genommen“, sagt er und blickt von seinem Fenster aus auf die Wiesen. „Es gibt nur noch Tod in Syrien, ein Menschenleben ist dort nichts wert“, sagt er. „Die Menschen in Syrien fliehen vor Assad, nicht vor dem IS“, fügt er hinzu. Dass Amerika, Russland und auch Europa nun ausgerechnet dem Mann die Hand reichen, der für die Morde in Syrien verantwortlich ist, erfüllt ihn mit Wut und Schmerz. Schnell entschuldigt er sich für seine Emotionen.

Überhaupt fällt das Wort „Entschuldigung“ fast in jedem seiner Sätze. „Ich will nicht nur Danke sagen, dass Deutschland mich so freundlich aufgenommen hat, ich will auch etwas dafür tun, ich will etwas zurückgeben.“ Jeder der Geflüchteten könne und müsse sich in Deutschland einbringen. Bei ihm ist es eine Aushilfstätigkeit in einem Seniorenheim. Zwei Mal in der Woche hilft Al Olaiwi, der in seiner Heimat als Journalist für einen örtlichen Sender gearbeitet hat, bei der Essensausgabe, spielt mit den Senioren Brettspiele, unterhält sich mit ihnen über Kunst, Kultur und Krieg.

Verletzter Arm muss erneut operiert werden

Die meisten der Heimbewohner kennen ihn noch, den Krieg in ihrer deutschen Heimat und spenden ihm, dem Geflüchteten dann auch Trost. Der junge Mann fühlt sich wohl bei der Arbeit. „Ich lerne sehr viel von den Senioren.“ Die Verletzung an seinem Arm hindert ihn jedoch daran, noch mehr zu arbeiten. Aktuell muss er schmerzbedingt pausieren. Der bereits zweimal operierte Arm muss erneut chirurgisch behandelt werden. „Es tut mir sehr leid, dass ich die Menschen jetzt nicht mehr so oft sehen kann“, sagt er. „Sie haben sich immer sehr auf mich gefreut und wir haben viel gelacht. So wie mit meinen Eltern, bevor der Krieg alles zerstört hat“, erklärt er und blickt auf Fotos in seinem Smartphone. „Wenn der Krieg eines Tages in Syrien endet, gehe ich zurück“, sagt er entschlossen. „Es ist meine Heimat.“

Serie
Alle Jahre wieder stellt die Redaktion der Filder-Zeitung in dieser Serie ganz unterschiedliche Menschen vor, die in den zurückliegenden zwölf Monaten etwas Besonderes – sei es in positivem oder negativem Sinn – erlebt haben.