Film „Killing them softly“ Blutige Schadenskontrolle

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Brad Pitt spielt im herausragenden Krimi „Killing them softly“ einen Killer, der sich in einer schmuddeligen Unterwelt bewegt. Diese spiegelt finster die Finanzwelt.

Brad Pitt brilliert in „Killing them softly“ als Killer. Foto: dapd/The Weinstein Company
Brad Pitt brilliert in „Killing them softly“ als Killer.Foto: dapd/The Weinstein Company

Stuttgart - Berufsverbrecher mögen nichts so wenig wie Verbrechen. Jedenfalls solche, die sich gegen ihre eigenen Interessen richten. Weil sie wissen, wie leicht man zum Opfer werden kann, achten sie rigoroser als die Gemeinschaft, gegen die sie ihre Raubzüge verüben, auf Abschreckung, auf Sanktionen, auf klare Signale – dass keiner, der bei ihnen Beute machen könnte, viel Zeit und Muße haben wird, sie zu genießen.

Andrew Dominiks Krimi „Killing them softly“ erzählt von einer Störung der Geschäftsgänge in der Unterwelt. Da sind zwei wenig kompetente Randfiguren der kriminellen Szene, Typen am unteren Ende der Nahrungskette, die eine regelmäßige Zockerrunde hartgesottener Vollkrimineller ausrauben. Da sind die etablierten Klötze des Mord-, Sex-, Raub- und Drogengewerbes, die höchst irritiert sind, dass eine Spielrunde unterm Schutz der Mafia mit roher Gewalt gesprengt werden kann. Da sind die längst als Geschäftsmänner auftretenden Manager des organisierten Verbrechens, die nun die Schadenskontrolle in die Wege leiten. Und da ist Brad Pitt als Killer, an den dieser Auftrag, wie man auch in diesem Milieu nun sagen könnte, outgesourct wird.

Im Film besteht die Unordnung des Wilden Westens fort

Der 1967 in Neuseeland geborene Dominik hat die Filmwelt im Jahr 2000 mit „Chopper“ auf sich aufmerksam gemacht, einem Spielfilm, der auf der Autobiografie eines Schwerverbrechers basierte. In Hollywood konnte Dominik dann „Die Ermordung des Jesse James durch den Feigling Robert Ford“ realisieren, eine kluge und spannende Auseinandersetzung mit Westernmythen und historischer Wirklichkeit.

Auch „Killing them softly“ kann man als Western sehen. Diese Filmgattung erzählt von einem Amerika, das sich als Zivilgesellschaft noch nicht ganz gefunden hat, in dem das Recht jeden Tag mit der Waffe in der Hand erfochten werden muss. So betrachtet, würde dieser Krimi ein Land zeigen, in dem die Unordnung des Wilden Westens fortdauert.

Im Hintergrund der Bilder aber sehen wir Wahlspots auf Fernsehschirmen und Wahlplakate. „Killing them softly“ spielt im Jahr 2008. Barack Obama kämpft noch um den Einzug ins Weiße Haus, das Land wird durchgerüttelt von der Implosion der Hochfinanz­zockereien. So gesehen, spiegelt das kriminelle Geschehen nicht den Westen von einst, sondern die Welt der Börsen, Banken und Privatspekulanten.

Immer Richtung Eskalation

Die trostlosen Stadtansichten, die von der Kamera immer wieder gezeigt werden, die unsanierten Viertel, die maroden Ecken, die urbanen Brachen, sie sind kein Überbleibsel eines alten Jeder-für-sich-Amerika, in dem der Staat noch nicht koordinierte. Sie sind erste Kostproben, wie ein völlig kollabiertes Amerika einmal aussehen könnte, in dem nur noch die Interessen der Starken und Gierigen gelten. In diesem Film ist die Szenerie mindestens so wichtig wie die Hauptdarsteller.

Noch etwas anderes aber hebt Dominiks Werk aus der Menge auch der guten Krimis heraus. „Killing them softly“ basiert auf dem 1974 erschienenen Roman „Cogan’s Trade“ des Autors George V. Higgins (1939-1999). Higgins war der originellste Stylist des amerikanischen Kriminalromans nach Raymond Chandler. Er hatte zunächst als Staatsanwalt gearbeitet und baute seine Romane fast ausschließlich aus Dialogen auf. Die lesen sich, als lege uns einer die Mitschriften der Lauschangriffe des FBI auf die Gangsterwelt vor.

Higgins brillierte mit dieser Methode, weil er ein Ohr für Soziolekte hatte, für Straßensprache, aber auch für das Fachchinesisch aller möglichen Gewerke. Seine Krimis schildern überzeugend die Verflechtung von Kriminalität und normaler Gesellschaft. Dominiks Verfilmung wahrt dieses Konstruktionsprinzip. Hier wird viel geredet und räsoniert, allerdings so, wie heißes Fett in einer Pfanne spritzt. Das sind keine mehr oder weniger lustigen Geräusche, das bewegt sich stets auf die Eskalation zu.

Brad Pitt als der Killer Cogan und Richard Jenkins als sein Auftraggeber vertreten unterschiedliche Geschäftsmodelle, ihr Verständnis ihres Gewerbes unterscheidet sich sehr. Sie sprechen wie ein Abteilungsleiter und ein Außendienstler. Aber es geht um Leben oder Tod, unter anderem um das Leben eines von Ray Liotta gespielten Gangsters. Der ist ein naheliegender Verdächtiger für den Überfall. Die entscheidenden Leute allerdings glauben gar nicht, dass er dafür verantwortlich ist. Sie erwägen nur, ihn umbringen zu lassen, weil das ein erwünschtes Signal senden würde. In „Killing them softly“ geht es also auch um Symbolpolitik, um das Auseinanderklaffen von Lageanalyse und Handlungstheatralik.

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