Film über Fußballpionier Konrad Koch Als der Kapitän noch Kaiser hieß
Benjamin Schieler, 13.02.2011 14:55 Uhr
Daniel Brühl verkörpert in "Der ganz große Traum den Visionär Konrad Koch. Foto: dpa
Daniel Brühl verkörpert in "Der ganz große Traum den Visionär Konrad Koch. Foto: dpa
Stuttgart - Zwischendurch wähnt sich der fußballaffine Cineast oder der filmbegeisterte Fußballer ein klein wenig wie in einer sportiven deutschen Version des "Clubs der toten Dichter". Die Handlung: motivierter neuer Lehrer will bockigen Heranwachsenden etwas beibringen, dringt nicht zu ihnen durch und greift zum Missfallen seiner konservativen Kollegen zu fortschrittlichen Lehrmethoden. Im Kinofilm "Der ganz große Traum" führt der frisch aus England zurückgekehrte Pädagoge Konrad Koch seine lustlose Schülerbande in die Geheimnisse eines ihnen bis dato gänzlich unbekannten Spiels ein: dem Fußball. Und das hat gewisse Folgen.

Der echte Konrad Koch, der am Sonntag vor 165 Jahren in Braunschweig geboren wurde und 1911 ebenda starb, ist im Gegensatz zu seinem von Daniel Brühl dargestellten Filmpendant nie über einen längeren Zeitraum hinweg im Mutterland des Fußballs gewesen. Auch sonst ist einiges aufgepeppt und zurechtgestutzt worden, um dem Film Würze zu geben. Im Ansatz aber erzählt "Der ganz große Traum" die wahre Geschichte von den Anfängen einer Faszination - und den Schwierigkeiten, die der Fußball im Deutschen Kaiserreich hatte.

Einer der prominentesten Fehdeführer gegen den neuen jugendlichen Wahn und ein Bewahrer geschätzter und bewährter Traditionen war Ende des 19. Jahrhunderts der Stuttgarter Lehrer Karl Planck. Dessen Polemik "Fusslümmelei. Über Stauchballspiel und englische Krankheit" spiegelte die Haltung der Konservativen gegenüber der neuen Sportart wider. Planck warnte vor der Verrohung der Sitten sowie der Gefahr für Schienbeine. Kritiker wie er plädierten mit Nachdruck dafür, sich auf Grundtugenden wie Zucht, Ordnung und Disziplin zu besinnen. Fußball war in ihren Augen ein anarchistisches Spiel. Erziehung durch Sport - das ginge nur mit Übungen des seligen Turnvaters Jahn.

Der Braunschweiger Lehrer war ein waschechter Visionär


Auch Konrad Koch sowie sein Freund und Kollege August Hermann sind ursprünglich Turner gewesen. Im "Fußball mit Anfassen", der zunächst dominierenden rugbyähnlichen Frühform des Sports, sah er aber durchaus erzieherisches Potenzial. Vor allem glaubte Koch, trinkfreudige Stubenhocker-Studenten damit zu mehr Bewegung animieren zu können. Am Braunschweiger Martino-Katharineum, an dem er Deutsch und Alte Sprachen lehrte, gründete Koch 1875 für seine Schützlinge den ersten deutschen Fußballverein und legte ein Regelbuch vor, das unmissverständlich klarmachte: Man hatte es mit einem Sport für echte Kerle zu tun. Schwächliche und kränkliche Kinder wurden nur mit ausdrücklicher ärztlicher Erlaubnis zugelassen, müßiges Herumstehen auf dem Platz war untersagt, die Kleidung war kurz zu halten. Einziger Trost: "Es wird bei der Errichtung des Spielplatzes dafür Sorge getragen, dass kein Spieler gegen den Ostwind anzulaufen hat."

Bis zur Gründung des Deutschen Fußball-Bunds im Jahr 1900 und der Emanzipation vom Rugby einerseits und vehementen konservativen Störfeuern andererseits war es da noch ein weiter Weg zum großen Durchbruch. Doch in Fachkreisen wird Konrad Koch heute als einer der bedeutendsten deutschen Fußballpioniere gefeiert - gerade auch aufgrund seiner publizistischen Tätigkeiten. Da im Zeitalter des Imperialismus' jede Assoziation zum verachteten Großbritannien zu vermeiden war, übersetzte Koch vorsichtshalber Originalbegriffe ins Unverfängliche.

"O Captain! My Captain" - Filmfreunde werden sich an die Szene im unvergleichlichen "Club der toten Dichter" erinnern - war auf deutschen Fußballplätzen also keine legitime Anrede für den Spielführer. Stattdessen, so hat es Konrad Koch wahrhaft festgelegt, sollte man "Fußballkaiser" sagen, Jahrzehnte bevor in München ein gewisser Franz Anton Beckenbauer das Licht der Welt erblickte. Der Braunschweiger Lehrer war ein waschechter Visionär.

"Der ganz große Traum" läuft ab 24. Februar.
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