Filmfestspiele in Venedig Auf die Spitze getrieben
Rupert Koppold, 02.09.2010 09:40 Uhr
Zum Auftakt der Filmfestspiele wird Darren Aronofskys Film „The Black Swan" mit 
Natalie Portman und Vincent Cassel gezeigt. Foto: dpa
Zum Auftakt der Filmfestspiele wird Darren Aronofskys Film „The Black Swan" mit Natalie Portman und Vincent Cassel gezeigt. Foto: dpa
Venedig - Das Freilichtmuseum Venedig hat sich bis vor kurzem als Gesamtensemble verstanden. Wenn Glockentürme oder Palazzi restauriert wurden, hing vor den Gerüsten ein fotorealistischer Fassadenvorhang. Jetzt ist eine Stirnseite des Markusplatzes von einer Champagnerreklame okkupiert, John Travolta schaut für eine Uhrenfirma auf die Piazzetta runter und Coca Cola hat die Mauern des Dogenpalasts und die komplette Seufzerbrücke in eine brachial bunte Werbeumgebung versenkt. Es kommt aber noch schlimmer: Das Hotel des Bains auf dem Lido, in das "Der Tod in Venedig" eingeschrieben und eingefilmt wurde, verwandelt sich gerade in eine exklusive Appartementanlage. Vom "Todeskuss" fürs des Bains schreibt die Filmzeitschrift "Variety", die am Dienstagabend trotzdem einen schönen Ort für einen "Kill Spritz"-Empfang gefunden hatte, nämlich die Dachterrasse des Hotels Danieli in Venedig. Da konnte man mit - na, sagen wir lieber: neben - dem Jurychef Quentin Tarantino oder dem Festivalleiter Marco Müller Cocktails trinken. Gestern aber waren die beiden Herren dann bei der Arbeit und haben gleich neben der wegen eines Asbestfunds vorläufig stillgelegten Baustelle des neuen Festivalpalastes die 67. Filmfestspiele von Venedig eröffnet.

Am Rande der Selbstparodie


In Darren Aronofskys Ballett-Thriller "The Black Swan", dem Eröffnungsfilm, rupft der schwarze Zauberer gleich den weißen Schwan. Ja, man sieht auf der Bühne tatsächlich ein paar Federn fliegen, und Tschaikowskis Musik kam einem auch noch nie so dunkel und gewalttätig vor. Da schreckt Nina (Natalie Portman) auf, es war "nur" ein Traum, aber der fasst zusammen und nimmt vorweg, was noch alles passieren wird. Sie will diesen Part und hat gleichzeitig Angst, weil sie ja auch noch den schwarzen Schwan tanzen müsste, ihren bösen Zwilling. Um auch diese andere Seite zeigen zu können, sagt der Impresario (Vincent Cassel), sei sie zu gehemmt. "Geh heim und berühre Dich!", gibt er ihr als Hausaufgabe auf.

Von diesem fordernd-strengen Impresario über die schreckliche Mutter (Barbara Hershey) bis zur jungen und intriganten Konkurrentin (Mikla Kunis) hat Aronofsky alle Ingredienzien des Tanzfilms versammelt, um sie, nun ja, auf die Spitze zu treiben. Wenn Nina sich endlich emanzipieren will, steckt sie eine ganze Plüschtiermenagerie in den überforderten Müllschlucker! Aber der Regisseur begnügt sich nicht damit, diese enge, kleine Welt nur mit Psychologie anzugehen, er greift auch - die "Roten Schuhe" lassen grüßen - auf die schwarze Romantik zurück, schildert ein Spiegelkabinett, in dem es vor Doppelgängern nur so wimmelt. Am Ende des "Schwarzen Schwans", der oft über den Rand der Selbstparodie hinaustanzt, riesiger Applaus. Aber den spendet das "Schwanensee"Publikum im Film, den spendiert sich Aronofsky sozusagen selbst.

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