Filmkritik „La grande Bellezza“ Das süße, eitle, hohle Leben

Von Rupert Koppold 

Die feine römische Gesellschaft feiert unablässig. Immer dabei ist der Schriftsteller Jeb, ein spöttischer Chronist der edlen Leere. So schön hat schon lange kein Film mehr Fellini gehuldigt.

Der Literat Jep Gambardella (Toni Servillo) ist bei jeder Party der feinen römischen Gesellschaft dabei. Foto: Verleih
Der Literat Jep Gambardella (Toni Servillo) ist bei jeder Party der feinen römischen Gesellschaft dabei.Foto: Verleih

Stuttgart - Wie die Kamera elegant über prächtige Plätze gleitet, wie das goldene Licht sich auf das Pflaster ergießt, wie weiße Marmorbüsten glänzen und in runden Brunnen grünes Wasser glitzert: so viel Schönheit ist kaum auszuhalten, und tatsächlich streicht sich jetzt, nach einem Blick auf die Hügel der Stadt, ein japanischer Tourist über die Stirn und sackt zusammen. Rom sehen und sterben. So hat der Regisseur Paolo Sorrentino in seinem morbiden Meisterwerk „La grande Bellezza“ gleich zu Beginn ein Thema gesetzt, das sich nun in Variationen durch den ganzen Film ziehen wird.

Aber noch pulsiert das Leben bei einer Party, die der Kulturjournalist Jep Gambardella (exzellent: Toni Servillo) zu seinem 65. Geburtstag veranstaltet. Über den Dächern der Stadt, unter einer riesigen „Martini“-Reklame und zu wummernden Dancefloor-Klängen feiert sich hier die Society selbst, stürzt sich hinein ins rauschhafte Leben, führt teure Kleider, Schmuck und Bronzehaut vor – und wirft mit Banalitäten um sich.

Ein spöttischer Chronist

Auch der Gastgeber amüsiert sich, aber vielleicht noch mehr über dieses tolle Treiben denn als Teil desselben. Das ist sein Fest, ja, aber selbst wenn er im Mittelpunkt steht, wirkt er so, als betrachte er das alles von außen, als gehöre er nicht wirklich zu dieser Gesellschaft, sondern sei nur deren spöttischer Beobachter und Chronist.

Dieser Jep Gambardella ist ein Nachfahre jenes von Marcello Mastroianni gespielten Journalisten, der sich vor mehr als fünfzig Jahren in „La dolce vita“ von den Reichen, Mächtigen und Schönen einlullen ließ, sich nachts auf der Via Veneto herumtrieb, Anita Ekberg in den Fontana di Trevi nachstieg, bei Partys dabei war, aus denen Orgien wurden, und am Ende sehnsüchtig über einen Graben hinweg auf ein Mädchen schaute, das für ihn das reine und gute Leben verkörperte.

Fellini und ein neuer Ton

„La grande Bellezza“ bekennt sich offen zur Fellini-Hommage, die sich auch noch auf „Roma“ und „Achteinhalb“ bezieht, bringt gleichzeitig aber noch einen neuen Ton rein. Auch hier taucht, so als fordere es zum anderen Leben auf, ein Mädchengesicht auf, aber schon zu Beginn, und es verschwindet auch gleich wieder. Später rennt ein anderes Mädchen, von den Eltern für eine Kunstperformance missbraucht, voller Wut gegen eine Leinwand.

Für Utopien ist es jetzt auch zu spät. Bei Mastroianni war damals die existenzielle Verzweiflung eines Mannes in mittleren Jahren zu spüren, für den Einsicht und Umkehr noch denkbar schienen. Toni Servillo als Jep dagegen zelebriert die Melancholie eines saturierten Herrn, der vor vierzig Jahren einen Roman geschrieben und danach sein Talent zum Schlummern gelegt hat. Auf seiner Terrasse versammelt er nun die in die Jahre gekommene Kulturschickeria, lächelt fein oder beleidigt eine Frau, die mal eine Geschichte der KP geschrieben hat und sich auch jetzt noch ein Anliegen attestiert.

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