Filmkritik „Monsieur Claude und seine Töchter“ Großer Gott, erbarme dich!

Von Ina Hochreuther 

In Frankreich ist die Komödie „Monsieur Claude und seine Töchter“ bereits ein Kinohit: vier Schwiegersöhne brechen mit anderen kulturellen Wurzeln in eine konservative katholische Familie ein. Jetzt läuft der Multikultifilm auch in Deutschland an.

Das Entsetzen ist groß:  Laure (Elodie Fontan) stellt ihren Verlobten Charles (Noom Diawara) den    Eltern vor (Christian Clavier, Chantal Lauby). Einen   jüdischen, einen arabischen und einen chinesischen Schwiegersohn haben sie bereits . . . Foto: Verleih
Das Entsetzen ist groß: Laure (Elodie Fontan) stellt ihren Verlobten Charles (Noom Diawara) den Eltern vor (Christian Clavier, Chantal Lauby). Einen jüdischen, einen arabischen und einen chinesischen Schwiegersohn haben sie bereits . . . Foto: Verleih

Stuttgart - Wir Europäer, besonders wir Deutsche, halten uns für aufgeklärt und tolerant. Rassismus gibt es angeblich nur in den weniger gebildeten Schichten. Lieber verbiegen wir die Sprache, als uns politisch unkorrekt auszudrücken. Und jetzt kommt aus Frankreich eine Komödie, die genau auf diesen Wunsch nach Untadeligkeit zielt: Hey, erklärt sie, wenn wir unsere unbewussten Vorurteile allem Fremden gegenüber an die Oberfläche sprudeln lassen und gemeinsam darüber lachen, dann ist schon viel gewonnen.

„Was haben wir nur dem lieben Gott getan?“, seufzt da ein konservatives Ehepaar in der Provinz. „Qu’est-ce qu’on a fait au bon dieu“, so lautet auch der Originaltitel von „Monsieur Claude und seine Töchter“. In rascher Folge sehen wir zu Beginn, wie drei der vier jungen Frauen heiraten und damit Claude Verneuil (Christian Clavier) und seiner Gattin Marie (Chantal Lauby) statt katholischem Familienzuwachs einen arabischen, einen jüdischen und einen chinesischen Schwiegersohn bescheren. Die Familientreffen geraten von da an zu explosiven Begegnungen. Nicht nur, dass Verneuil selbst, mal leidenschaftlich gaullistisch, mal fein ironisch, keine Gelegenheit zum Provozieren auslässt. Auch die drei Neulinge leben ihre Vorurteile den jeweils anderen gegenüber hingebungsvoll aus.

Lustvoll-boshafte Dialoge

Der Regisseur und Koautor Philippe de Chauveron sorgt für Tempo und lustvoll-boshafte Dialoge. Er geht bewundernswert unverkrampft mit wechselseitiger Voreingenommenheit um und bewahrt doch allen Kulturkreisen gegenüber gleichermaßen Respekt, auch wenn jeder sein Fett abkriegt. Das geht vom missglückten jüdisch-rituellen Begraben der Vorhaut des ersten Enkels im Garten der großelterlichen Villa bis hin zum entnervt auf dem Tablet surfenden katholischen Pfarrer im Beichtstuhl, bei dem die gläubige Gattin Marie wiederholt Rat sucht.

Schließlich sind es ja die klugen Frauen der Familie, die nach Toleranz streben. So ermahnen Mutter wie Töchter ihre Männer, beim Weihnachtsfest gelassen zu bleiben. Und siehe da, es klappt! In einer beeindruckenden Szene, als Verneuil stichelt, seine Schwiegersöhne könnten ja nicht einmal die Nationalhymne singen, steht Rachid (Medi Sadoun) auf und stimmt inbrünstig die Marseillaise an, gefolgt von den anderen beiden Burschen. Ganz nebenbei flicht der Film ein Plädoyer fürs Geburtsortsprinzip ein, das in Frankreich neben dem Abstammungsprinzip gilt und Menschen ausländischer Herkunft die Staatsbürgerschaft gewährt, wenn sie im Land zur Welt gekommen sind. Und gerade an der Figur des arabischstämmigen Rachid wird das selbstverständliche Verwurzeltsein in diesem Land deutlich. So sehen wir, wie er sich als Anwalt von seinen jugendlichen, scheinbar perspektivlosen Mandanten abgestoßen fühlt, weil sie nur Drogen im Kopf haben, anstatt die Chancen zu nutzen, die Frankreich bietet.

Neue migrantische Mittelschicht

Die neue Harmonie in der Familie hält allerdings nur so lange an, bis die vierte Tochter Laure (Elodie Fontan) ihren künftigen Mann Charles (Noom Diawara) vorstellt: katholisch ist er, immerhin, doch senegalesischer Herkunft. Jetzt also auch noch ein Schwarzer, das ist zu viel für die Eltern und führt zum oben genannten Ausbruch. Und clever inszeniert ist, dass sogar die Schwestern und Schwager das Entsetzen spontan nachvollziehen können. Denn, wie Rachid einmal rhetorisch fragt: „Sind wir nicht alle ein bisschen rassistisch?“

In Frankreich zählt die Multikultikomödie bereits zu den erfolgreichsten Kinofilmen der Geschichte überhaupt. Gleichzeitig zog die rechtspopulistische Front National bei der Europawahl als stärkste französische Kraft ins Europäische Parlament ein. Das muss kein Widerspruch sein. Die jüngere Migrantengeneration, die in Paris studiert hat, wird im Film letztlich als offen und weltbürgerlich gezeigt. Und auch im wirklichen Leben entsteht eine neue französische Mittelschicht aus Ärzten und Anwälten mit Einwanderernamen. Frankreich weist zudem die höchste europäische Rate an Ehen zwischen Alteingesessenen und Menschen mit Migrationshintergrund auf.

In bürgerlichen Kreisen angesiedelte Sozialkomödien boomen derzeit. „Monsieur Claude und seine Töchter“ besitzt ähnliches Potenzial wie der französische Kinohit „Ziemlich beste Freunde“. Spielte diese Komödie noch mit Bildungsniveaus und körperlicher Behinderung, so geht es hier jetzt um das Aufeinanderprallen von Kulturen. Dabei fällt es in diesem sehenswerten Film leicht, sich mit den Figuren zu identifizieren. Chauveron hebt aufs Lachen der Vernunft über die Unvernunft ab – und aufs Lachen über uns selbst.

Monsieur Claude und seine Töchter. Frankreich 2014. Regie: Philippe de Chauveron. Mit Christian Clavier, Chantal Lauby, Ary Abittan, Medi Sadoun. 97 Minuten. Ohne Altersbeschränkung.