Filmkritik „Sauacker“ Wie kommen wir da heraus?

Das Leben auf dem Land sei langweilig? Das behauptet auch nur der, der keine Ahnung davon hat. Der exzellente Dokumentarfilm „Sauacker“ erzählt vom Versuch einer schwäbischen Bauernfamilie, ihren kleinen, nicht mehr konkurrenzfähigen Hof zu retten.

Philipp und Konrad Kienle wollen ihren Hof retten. Foto: Teichoskop
Philipp und Konrad Kienle wollen ihren Hof retten.Foto: Teichoskop

Stuttgart - Es herrscht dicke Luft bei den Kienles, und das nicht, weil ein Wind aus der falschen Richtung den Misthaufengeruch in die Wohnstube trüge. Der Vater Konrad Kienle führt einen kleinen Bauernhof durch, wie er das sagt, ein arg tiefes Tal. Der Sohn Philipp aber, der diesen Betrieb einmal übernehmen soll und will, sieht kein Tal, sondern einen Abgrund. Wann, schimpft er verzweifelt, sollen wir da je wieder herauskommen?

Schon jetzt existiert der Hof nur, weil Philipp in der Stadt Fabrikarbeit angenommen hat und nach Feierabend noch einen Zweitjob als Hausmeister versieht. Und wenn er den hinter sich hat, dann wartet immer noch täglich jede Menge Maloche auf dem Hof.

Eine Kamera kann auch hilfreich sein

Der 1979 geborene Regisseur Tobias Müller, der aus Sigmaringen stammt, ist mit der Kamera mitten drin im Zerfall einer bäuerlichen Lebensform, der hier leicht auch der Zerfall einer Familie werden könnte. Aber „Sauacker“ ist kein Film, der sich am Stress weidet, der seine Figuren vorantreiben möchte in immer heftigere Konfrontationen. Er ist in jeder Einstellung durchdrungen von Sympathie für die Figuren, von Solidarität mit ihrem Anliegen: diesen Hof zu retten.

Manchmal gewinnt man sogar den Eindruck, die Anwesenheit der Kamera sei hilfreich, hindere die Protagonisten daran, frustriert auseinanderzulaufen, weil es gilt, hier und jetzt im Blickwinkel zu bleiben, also auch: das Gespräch miteinander nicht abreißen zu lassen, zu einer Lösung zu finden.

Philipp will endlich den Hof übernehmen dürfen und Reformen durchziehen. Konrad Kienle aber hat den Hof selbst vor drei Jahrzehnten dem eigenen Vater abgerungen. Er fühlt sich noch immer wie einer, der übernommen hat, nicht wie einer, der nun abgeben sollte.

Frei von Besserwisserei

Wie die Filme von Wiltrud Baier und Sigrun Köhler, die als Böller und Brot von Stuttgart aus arbeiten, wie „How Time flies“ und „Schotter wie Heu“, enthält auch „Sauacker“ keine Spur von Mokanz, kein Jota Anmaßung von Medienmenschen, die glauben, den beobachteten Ländlern voraus und überlegen zu sein. Wenn „Sauacker“ erzählt, wie die Freundin Manuela sich von Philipp Kienle trennt, weil sie dessen Sichverrennen in den Betrieb nicht mehr aushält, dann ist da weder Schadenfreude noch Besserwisserei noch der Drang, irgendetwas sezieren zu müssen. „Sauacker“ ist ein sehr humaner Film, der mitfühlend zuschaut, wie das Ökonomische durchschlägt bis in die intimsten Bereiche.

Ob Philipps Pläne wirklich tragfähig sind, wird nicht ausdiskutiert, ob Ökobauerntum die Alternative wäre, nicht durchanalysiert. Müller bleibt an den Menschen dran, und es ist unwichtig, welche Einstellung wir zu diversen Betriebsformen haben: er bringt uns die Kienles und ihre Nöte nahe.

Sauacker. Deutschland 2013. Regie: Tobias Müller. Dokumentarfilm. 81 Minuten. Ohne Altersbeschränkung.