Berlin - Tom Tykwer erinnert sich noch ziemlich genau: Irgendwann im Jahr 1992 drohte ihm der Gerichtsvollzieher. Der Jungfilmer hatte Schulden gemacht: für sein damaliges Traumprojekt, den vierminütigen Kurzfilm „Epilog“. Sein Gläubiger: das Filmstudio Babelsberg. 2000 Mark wollten die Herrschaften aus Potsdam haben. Es fiel Tykwer nicht leicht, aber er zahlte. Und wer weiß, wofür es gut war: Gerade eben jedenfalls hat der Regisseur hier im Süden Berlins seinen Film „Wolkenatlas“ abgedreht. Das Epos mit Tom Hanks und Halle Berry ist mit geschätzten 100 Millionen Euro Kosten das teuerste deutsche Filmprojekt aller Zeiten. Das ist ein schöner Rekord in einer Branche, in der Bombast als harte Währung gehandelt wird, und er könnte zu keinem besseren Zeitpunkt kommen: denn am 12. Februar feiert das älteste Filmstudio Europas seinen hundertsten Geburtstag.
Es gab Zeiten, da hätte den Ateliers, die vor hundert Jahren auf dem Gelände einer ehemaligen Kunstblumenfabrik entstanden, niemand einen solchen Wiederaufstieg zugetraut. Der Name Babelsberg steht in der Welt des Films für den Mythos des Anfangs. Aber hier war auch der Ort, an dem Joseph Goebbels die politische Wirkung der Massenmedien erprobte und nutzte, und an dem sich Filmschaffende mit Blick auf die eigene Karriere für die NS-Propaganda instrumentalisieren ließen. Hier drehte die Defa streng SED-kontrolliertes Material. Und nach der Wende glaubte niemand daran, dass hier einige Jahre später Filme wie „The Pianist“, „Inglourious Basterds“, „The Ghost“ oder „Anonymous“ gedreht werden würden.
Schuld an der ganzen Geschichte war eigentlich die Berliner Feuerwehr. Die fand die Arbeit in den Stummfilmateliers in irgendwelchen Dachgeschossen mit ihren knallheißen Scheinwerfern und zundertrockenen Kulissen zu gefährlich. Und so suchte der Kameramann Guido Seeber nach einem netten Ausweichquartier – und fand die alte Babelsberger Fabrik, gut angebunden an die Hauptstadt mit der Eisenbahn, weit weg von jeder Wohnbebauung und mit viel natürlichem Licht.
Das war im Herbst 1911 – und wenig später, am 12. Februar 1912, fiel die erste Klappe für den Stummfilm „Totentanz“ mit Asta Nielsen. Mit wirrem Haar und pandabärenhaft geschminkten Augen schrieb die Diva Filmgeschichte. Über Babelsberg schrieb sie in ihren Notizen wenig Schmeichelhaftes: sie arbeite nun in einem „Atelier, das vielleicht eine Stunde vor der Stadt liegt“, mit einer „Garderobe, die so beschaffen ist, dass das anspruchsvolle Dienstmädchen damit nicht zufrieden wäre“.
Perlen der Erinnerung
Solche Perlen der Erinnerung haben jetzt die beiden Filmemacher Daniel Finkernagel und Alexander Lück für ihre Dokumentation „Unser Hollywood – Kino aus Babelsberg“ zusammengetragen. In dem Film, der am 7. Februar im RBB zu sehen ist, berichten namhafte Regisseure – wie Tykwer in obiger Episode – von ihren Erinnerungen an die Filmstudios. Quentin Tarantino etwa schwärmt von jener Aura der Vergangenheit, die ihn in ihren Bann gezogen habe. Und Vergangenheit, das hat die Traumfabrik am Rande Berlins: Hier wurden die großen Werke der zwanziger Jahre gedreht, allen voran Fritz Langs monumentales und finanziell desaströses Werk „Metropolis“. Hier arbeiteten Marlene Dietrich, Ernst Lubitsch, Emil Jannings – und Alfred Hitchcock, als Regieassistent.
Und von Anbeginn war Babelsberg eine „Projektionsfläche für die Fantasie“ (Tykwer), welche die Welt draußen sehr weit weg erscheinen ließ: „Keiner von uns schenkte den umwälzenden Ereignissen viel Aufmerksamkeit“, zitieren die Filmemacher die Schauspielerin Pola Negri, die 1918 mitten in der Revolution Ernst Lubitschs „Carmen“ spielte.
Die Universum Film AG (Ufa), die 1927 von dem deutschnational gesinnten Unternehmer Alfred Hugenberg gekauft wurde, wurde wenige Jahre später zum Instrument der Nazis – unzählige Filme entstanden im Dritten Reich in Babelsberg, darunter Propagandafilme wie „Jud Süß“ und Unterhaltung wie die „Feuerzangenbowle“. Es gab Filmschaffende, die Berlin in Richtung Amerika verließen, so wie Marlene Dietrich und Ernst Lubitsch. Zarah Leander, von Goebbels verehrt, feierte dagegen hier Erfolge, genau wie Heinz Rühmann. Babelsberg unterhielt ein eigenes Zwangsarbeiterlager mit sechshundert Internierten. Gedreht wurde bis kurz vor dem „Endsieg“, auch wenn die Studios inzwischen sehr schalldicht sein mussten.
Nach dem Krieg gründete sich auf dem zerstörten Areal die deutsch-sowjetische Defa – die Deutsche Film AG, ein „Gegenentwurf zur Ufa“, wie der Regisseur Wolfgang Kohlhaase sagt. Erster Film war Wolfgang Staudtes „Die Mörder sind unter uns“, in dem Hildegard Knef mit himmelhellen Augen staunend ob so viel Unrecht in die Kamera blickt. Mehr als 1200 Spiel- und Fernsehfilme entstehen in der DDR in den Studios der Defa, darunter Werke wie der dann verbotene Arbeiterfilm „Spur der Steine“ mit Manfred Krug oder „Die Legende von Paul und Paula“. Die Babelsberger Spezialität des Kulissenbaus wird über all die Jahrzehnte weitergepflegt. Michael Gwisdek erinnert sich in der Dokumentation ans Filmemachen bei der Defa: „Das Wort Geld gab es gar nicht.“
Gar nicht mehr gedreht wurde nach dem Fall der Mauer, bis 1992 die Treuhand die Studios an Vivendi Universal verkaufte. Zwanzig Jahre, einen Besitzerwechsel und einen Börsengang später ist vom alten Babelsberg vor allem eins erhalten: der Mythos. Und der ist nicht unwichtig. Carl Woebken, einer der beiden Investoren, die 2004 einstiegen, sagte kürzlich: „Wir sind damals mit dem Credo angetreten, wieder großes Kino zu machen.“ Das hat geklappt.


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