Finanzskandal in Lichtenwald Kämmerer steht unter Betrugsverdacht

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Ein 61-Jähriger soll vom Krankenpflegeverein und von der Gemeinde 375 000 Euro abgezweigt haben. Die Staatsanwaltschaft prüft nun die Vorwürfe.

Ein Finanzskandal erschüttert das Rathaus von Lichtenwald. Die Mitarbeiter und der Bürgermeister sind menschlich enttäuscht. Foto: Horst Rudel/Archiv
Ein Finanzskandal erschüttert das Rathaus von Lichtenwald. Die Mitarbeiter und der Bürgermeister sind menschlich enttäuscht. Foto: Horst Rudel/Archiv

Lichtenwald - Die Vorwürfe wiegen schwer. Die Gemeinde Lichtenwald wirft ihrem Kämmerer gravierende finanzielle Unregelmäßigkeiten vor. Der Beamte wurde am vergangenen Donnerstag vom Dienst suspendiert, und die Gemeinde erstattete Strafanzeige. Der Grund: nach einer ersten Prüfung von Zahlungsströmen besteht der Verdacht, dass bei zwei sogenannten Baugebietskonten 274 000 Euro fehlen. Zudem soll der Kämmerer beim örtlichen Krankenpflegeverein, bei dem er ehrenamtlich als Schatzmeister tätig war, knapp 100 000 Euro abgezweigt haben.

Bank des Pflegevereins erkennt auffällige Kontobewegungen

Darauf aufmerksam geworden, dass mit den Finanzen etwas nicht stimmt, ist der Bürgermeister Ferdinand Rentschler durch die Bank des Krankenpflegevereins. Rentschler, der auch stellvertretender Vorsitzender des Vereins ist, wurde am Mittwoch von der Bank über auffällige Kontobewegungen informiert. Demnach hatte der Kämmerer 97 000 Euro von dem Konto, das der Finanzierung des Baugebiets Pfandäcker dient, an den Krankenpflegeverein überwiesen. Das Geld floss dann mit dem Hinweis „laut Absprache Geldanlage KPV“ scheibchenweise auf das Privatkonto des Kämmerers, so die Bankrecherchen.

Der so aufgeschreckte Bürgermeister forschte nun nach und nahm weitere Konten unter die Lupe. Fündig wurde Rentschler beim Konto für das Baugebiet Thomashardt Ost. Er stieß auf sechs auffällige Buchungsvorgänge mit einem Gesamtbetrag von mehr als 177 000 Euro. Die Auszahlung, so der Lichtenwalder Bürgermeister, habe der Kämmerer selbst freigegeben. Dazu sei der Herr der Zahlen in der Lage gewesen, da er für die Baugebietskonten einzelvertretungsberechtigt gewesen sei. Bei Gemeinden von der Größe Lichtenwalds – dort leben rund 2500 Menschen – sei dies möglich und durchaus keine Ausnahme. Über Baugebietskonten werden die Planung und Erschließung von Baugebieten abgewickelt.

Bürgermeister: Verträge sind gefälscht worden

Was Ferdinand Rentschler weiter fand, waren notarielle Kaufverträge für Grundstücke – augenscheinlich mit seinen Unterschriften. Doch Rentschler zufolge ist die Gemeinde weder im Besitz dieser Grundstücke, noch seien seine Unterschriften echt. Laut dem Bürgermeister handelt es sich bei den Verträgen um Fälschungen. Damit nicht genug der Unregelmäßigkeiten. Es seien zudem Überweisungen an Baufirmen ans Licht gekommen, die für das jeweilige Gebiet nie beauftragt oder tätig gewesen seien. Weiter seien fingierte Unterlagen mit nachgemachten Stempeln und Unterschriften eines Weilheimer Ingenieurbüros aufgetaucht, mit dem Lichtenwald öfters zusammenarbeitet.

Unter dem Strich, so Ferdinand Rentschler, belaufe sich der Schaden für die Gemeinde und den Krankenpflegeverein auf rund 374 000 Euro. Die Überweisungen und Abbuchungen erstreckten sich über einen Zeitraum von mehreren Jahren. Besonders hart hat es den Pflegeverein in den vergangenen zwei Jahren getroffen. Habe der Verein Ende 2015 noch einen Kontostand von rund 107 000 Euro gehabt, so ist er mit aktuell 6000 Euro fast schon pleite. Verantwortlich für die Verluste ist nach Überzeugung von Rentschler der Kämmerer. Besonders pikant: die Unregelmäßigkeiten reichen laut dem Bürgermeister nach jetzigem Kenntnisstand bis ins Jahr 2007 zurück. Vier Jahre später kandidierte der Kämmerer für das Amt des Bürgermeisters, unterlag jedoch dem Mitkonkurrenten Ferdinand Rentschler. Die Vorwürfe gegen den Kämmerer werden nun von der Staatsanwaltschaft geprüft, und auch die Gemeindeprüfungsanstalt soll sich mit den Vorgängen befassen.

Ähnlicher Fall wurde mit dreieinhalb Jahren Haft geahndet

Eine erste Konsequenz hat das Lichtenwalder Rathaus schon gezogen: Mitarbeiter werden künftig nicht mehr selbstständig Geldüberweisungen veranlassen können. Noch gilt die Unschuldsvermutung für den Kämmerer, der seit 37 Jahren im Rathaus arbeitet und gestern nicht zu erreichen war. Doch in der Gemeinde ist die Erschütterung groß. „Auf menschlicher Ebene sind alle im Rathaus tief enttäuscht", erklärt Rentschler, der alles dafür tun will, um auf zivilrechtlichem Weg das Geld erstattet zu bekommen.

Vergleichbare Fälle sind selten, aber es gibt sie. Wegen Untreue wurde der Kämmerer von Löchgau (Kreis Ludwigsburg) vor zehn Jahren zu einer Haftstrafe von dreieinhalb Jahren verurteilt. Ein Gericht sah es als erwiesen an, dass er 380 000 Euro aus der Gemeindekasse abgezwackt hatte. Im Jahr 2000 war eine Vielzahl von Kommunen einem betrügerischen Finanzmakler aufgesessen, darunter auch Böblingen. das den Verlust aber ersetzt bekam.