Finnland Lappland: Arktisches Abenteuer

Claudia Diemar aus Ylläs, 27.01.2013 05:00 Uhr

Ylläs - Schon auf der Gangway springt einen die eisige Luft an. Der erste Atemzug in der Arktis pfeift herein wie eine Droge. „Keine Sorge, wir haben die reinste Luft der Welt, allerdings ist sie extrem trocken. Anders könnte man die Kälte in Finnlands Norden auch gar nicht aushalten“, sagt Guide Leena später. In Windeseile sind Handschuhe, Mütze und Daunenjacke übergestreift. Draußen auf dem Balkon faucht der Frost. Aber am Himmel tanzen Polarlichter in Neongrün und Dunkelviolett. Das Schauspiel der wabernden Illumination dauert nur einige Minuten. Und doch weiß man, dass sich allein dafür der weite Weg hinauf in den Norden gelohnt hat. Aurora Borealis, das nächtliche Licht des Nordens, ist das schönste Geschenk, das die Arktis zu machen hat.

150 Kilometer nördlich des Polarkreises liegt Ylläs, das größte Alpinskigebiet Finnlands. „Close to heaven“ lautet der Slogan der Skiarena mit ihren 29 Liften und 53 Pisten­kilometern. Diese „Himmelsnähe“ mag sich auf das funkelnde Firmament beziehen oder auf das Schauspiel der zuckenden Nordlichter. Mit der tatsächlichen Höhe hat sie nichts zu tun. Der Ylläs ist 718 Meter hoch und ein „Fjäll“, eine fast körperhaft gerundete Kuppe, frei von Fels und Gestein. Weit geht der Blick von der Bergstation der Gondelbahn. Endlos dehnt sich das nordische Land, Wälder und zugefrorene Seen bis zum Horizont. Der Ylläs-Fjäll ragt zwischen zwei Dörfern auf: Yläsjarvi mit dem gleichnamigen See hat rund 250 Einwohner. Äkäslompolo, ebenfalls mit See, kommt auf rund 450 Einwohner und hat sogar eine Schule. Die beiden Dörfer sind durch die Panoramastraße Maisematie zu einem Wintersportgebiet verschmolzen. Aber als Mitteleuropäer kommt man nicht der Pisten wegen nach Lappland. Was den Zauber dieser Landschaft ausmacht, erlebt man am anderen Morgen. Mit Tero Kokki ist eine Schneeschuh-Tour durch den Nationalpark Pallas-Yllästunturi verabredet.

Die Einwohner leben vor allem vom Tourismus

In der Nacht hat es aufgeklart. Der locker-trockene Schnee glitzert so absurd intensiv, dass es fast in den Augen schmerzt. Schilder und Hütten sind weiß bepelzt. Die Bäume wirken wie Skulpturen. Mal erscheint eine Tanne wie ein pummeliger Lausbub mit Schiebermütze, mal präsentiert sich ein Baumriese wie ein Bischof mit Mitra, anderswo wie ein Magier mit flatterndem Mantel. Zu Mittag werden Tee und Rentierfleischsuppe an einer Feuerstelle erhitzt. 200 000 Rentiere gibt es in Lappland und etwa ebenso viele menschliche Einwohner. Und die leben vor allem vom Tourismus, den sie höchst professionell zu inszenieren verstehen. In praktisch jeder Ansiedlung gibt es Unternehmen, die allesamt die Worte Lappland-Safari-Schnee-Spaß in wechselnder Kombination im Namen führen. Mit dem Schneemobil über die Weite zugefrorener Seen brausen? Jederzeit! In Gummianzügen im aufgehackten Eiswasser treiben? Kein Problem! Im „Snow Village“ in Betten aus Schnee und Eis schlafen? Ein Renner, besonders bei Touristen aus Arabien und Fernost.

Mindestens zwei Winter brauche es, berichtet Hannu, um ein Tier daran zu gewöhnen, sich vor einen Schlitten spannen zu lassen. Als Hannu ein Kind war, galt der Rentierschlitten noch als normales winterliches Fortbewegungsmittel. Maximal 60 Kilometer konnte man an einem Tag schaffen. „Heute ist man im Alltag nur noch mit dem Schneemobil unterwegs“, räumt Hannu ein. Die Tiere haben es bei der Tour nicht eilig. Alle paar Meter bleiben sie stehen, lecken Schnee und schauen sich um. Wirklich schnell werden sie nur zum Schluss der Runde, wenn der Snack aus getrockneten Flechten am Ende der Zielgeraden lockt. Anders als die Huskys, die auch in den Alpen für Hundeschlittentouren gebucht werden können, sind Rentiere an ihre nordische Heimat gebunden. Ihre Diät aus einheimischen Gräsern, Rinde von Zwergbirken und Kriechweiden sowie den „Rentierflechten“ Cetraria und Cladonia ist durch nichts zu ersetzen. Am Himmel tanzen wieder die Nordlichter. Aurora Borealis, die lappische Königin der Nacht, lädt zu einem weiteren freigebigen Auftritt ein. Er kostet nichts außer blankem Entzücken. Der Atem dampft dazu.