Firmenpleite Die Abgründe des Systems Schlecker

Hermann Abmayr, 02.08.2012 14:54 Uhr

Ehingen - Fleischzentrale im Zentrallager von Schlecker in Ehingen bei Ulm. Dienstag, kurz vor zehn Uhr: Erhard Paus (Name geändert) geht ins Büro im ersten Stock, öffnet den Tresor und holt eine Fleischschale heraus. Auf der Platte türmen sich Hunderte von Geldscheinen, Münzen und Lieferscheine. Paus zählt das Geld, packt es in eine Einkaufstüte, geht zum Parkplatz und fährt mit dem Firmenwagen zum wenige Kilometer entfernten Schlecker-Hochhaus. Im ersten Stock des Glasbaus zählt Paus alles noch mal nach – wieder mit der Hand, denn eine Zählmaschine hielt Anton Schlecker, der im obersten Stockwerk des Gebäudes residiert, für überflüssig. Mehr als 20 000 Euro überreicht der Metzger dann dem Mann, der Schleckers Kasse verwaltet. Die Szene stammt aus dem Jahr 2011. Sie spielte sich einmal pro Woche ab – die Summe variierte, der Überbringer des Geldes auch, meist war der Vorgesetzte von Paus der Bote.

„Wenn Sie das System Schlecker verstehen wollen, müssen Sie wissen, dass Anton Schlecker und sein Vater Metzger waren und dass sie ihr Handwerk als Unternehmer in dieser Zeit gelernt haben“, sagt eine ehemalige Angestellte, die ihren Namen nicht in der Zeitung lesen will. 17 Metzgereien und eine Fleischfabrik besaßen die Schleckers, als der junge Anton 1975 in Kirchheim unter Teck den ersten Drogeriemarkt eröffnete und eine sagenhafte Expansion erlebte. Doch das Geschäft mit Fleisch und Wurst wollte der öffentlichkeitsscheue Metzgermeister mit dem rötlichen Haar und Pagenschnitt nie aufgeben.

Paus hat für Schlecker als Metzger gearbeitet. Bis zu 16 Stunden am Tag, denn oft musste Paus noch die Ware im Raum Stuttgart und Heilbronn ausfahren. Korrekt abgerechnet wurde bei den Arbeitszeiten nie. Zu den Kunden zählten laut Paus neben der Gastronomie und Metzgereien auch die  Kantinen des Oberlandesgerichts, des Staatstheaters oder des Gefängnisses in Stuttgart-Stammheim. Außerdem belieferte man die Schlecker-Läden, denen eine eigene Metzgerei angeschlossen war. Gelegentlich sei auch Fleisch verkauft worden, dessen Verfallsdatum kurz bevorstand, erinnert sich Paus. Zum Vorzugspreis.

Lieferungen ohne Rechnung

„Mehr als die Hälfte musste ich bar kassieren“, sagt der Metzger. Und bei etwa 50 Prozent der Quittungen hätten die Kunden mit falschen Namen unterschrieben. Auch ohne Rechnung sei gelegentlich geliefert worden. Der Vorteil für die Kunden: sie müssen die Lieferung nicht versteuern. Bezahlt hätten manche Gastronomen wohl mit Schwarzgeld, vermutet Paus. Vorteil für den oder die Vorgesetzten von Paus: sie konnten die Tageseinnahmen selbst manipulieren. Doch Genaues hat Paus nie mitbekommen.

Manchmal musste der Metzger die Scheine, die er bar kassiert hatte, über Nacht oder übers Wochenende zu Hause aufbewahren, ehe sie in einem Tresor in Ehingen zwischengelagert werden konnten. „Da kamen bis zu 5000 Euro zusammen“, sagt Paus, der bei den hohen Summen immer ein mulmiges Gefühl hatte. Am Folgetag hat er das Geld mit den Lieferscheinen im Büro in Ehingen abgeliefert. Quittiert wurde nichts. Eines Tages im Sommer 2011 erscheinen im Büro der Fleischzentrale Beamte mit einem Durchsuchungsbefehl. Die zehn Männer der Steuerfahnder beschlagnahmen körbeweise Rechnungsbücher und andere Akten. Auch im Glasbau werden sie fündig. Schon kurz darauf wird Schleckers innere Revision aktiv. Fahrer werden zurückgerufen, müssen ihre Ware abladen und nachwiegen lassen. Schleckers Leute kennen die Tricks. Sie vermuten, dass sich Beschäftige bereichert haben.

Ein altes Problem der Drogeriemarktkette des „eingetragenen Kaufmanns“ Anton Schlecker. Um Inventurverluste zu minimieren, waren Bezirks- und Filialleiter immer wieder dazu angehalten worden, die Taschen, Spinde und Privatfahrzeuge der Verkäuferinnen zu überprüfen. „Dass das mittlere und untere Management aber selbst zum Täter werden konnte, spielte keine Rolle“, berichtet Christina Frank, die bei Verdi in der Region Stuttgart für Schlecker zuständig ist.

Manipulationen bei der Inventur waren üblich

Frank hat Aussagen von Verkäuferinnen und Detektiven gesammelt, die belegen, dass Schlecker-Angestellte Waren entwendet und die Inventur manipuliert haben. „Einige Verkäuferinnen hatten dann den Mut, dies an höherer Stelle und bei der Polizei zu melden.“ Doch dann habe sich ihre Vorgesetzte – die Detektive nannten sie „Furie“ – fürchterlich gerächt. „Einmal hat mich meine Chefin sogar gewürgt “, berichtet die Verkäuferin Nuriyel Arslal mit zitternder Stimme. „Ich habe keine Luft mehr bekommen.“ Ein anderes Mal seien sie und ihre Kollegin geschlagen worden. In einem späteren Gerichtsverfahren werten die Richter die Aussagen als glaubwürdig.

„Die beiden Frauen waren traumatisiert und konnten zeitweise nicht mehr arbeiten, da sie unter ständigen Angstzuständen litten und mit Psychopharmaka behandelt werden mussten“, berichtet Christina Frank. Kündigen wollte Schlecker der gewalttätigen Vorgesetzten dennoch nicht. Nicht einmal eine Versetzung war durchsetzbar. Deshalb sah sich der Betriebsrat gezwungen, etwas zu tun, was nur selten vorkommt. Er beantragte beim Arbeitsgericht die Kündigung der Frau. Zwei Jahre dauerte es, bis sich die Interessenvertreter durchgesetzt hatten. Das Urteil des Landesarbeitsgerichts erwähnt auch angeblich „fingierte Bestellungen und unerlaubte Entnahme von Waren“ durch die Filialleiterin. Chris­tina Frank wird deutlicher: „Das war wahrscheinlich Heh­lerei.“ Denn das Diebesgut sei weiterverkauft worden. Der Fall wird wohl nie ganz geklärt werden.