First Guggen Band Stuttgart Toller Tag in Feuerbach
Alexander Günzler, 16.02.2010 11:29 Uhr
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Auch wenn es schneit, spulen die Guggenmusiker ihr Freiluftprogramm routiniert runter. Foto: Stollberg
Auch wenn es schneit, spulen die Guggenmusiker ihr Freiluftprogramm routiniert runter. Foto: Stollberg
""Wir sind ein super-verrückter Haufen, aber im Grund eine große Familie.""
Die Trompeterin Sabine Furtner über ihre Band

Feuerbach - Der Mann mit dem Sousafon stapft einsam durch den Schnee. Wie eine reife Beere sticht sein rotes Kostüm heraus aus dem krisseligen Weiß, das die Wolken unablässig zu Boden treiben. Es ist einer dieser Tage, an denen vieles in Zeitlupe abzulaufen scheint. Ein Tag, an dem man selbst einen Hund nur mit Mäntelchen vor die Türe lässt. Der Mann mit dem Sousafon steht wie eine Eiche vor der Eingangstür der Hattenbühl Grundschule in Feuerbach und wartet. Es ist viertel vor zehn. Sein Instrument schlingt sich um seinen massigen Körper wie eine mattgoldene Schlange. "Ich hab ein Spinnennetz aus Wolle über den Trichter gemacht, dass niemand Konfetti oder so was reinwirft", sagt er. Der Wind seufzt, sonst ist es still. Es ist die Ruhe vor dem Schulsturm.

Schräg - wie es sich gehört


Die Kollegen biegen um die Ecke, 15 Musiker in roter Robe: Saxofone, Pauken, Trompeten, Posaunen sowie Schlagzeuge auf Rädern. Die First Guggen Band Stuttgart, kurz Figubas, nimmt Aufstellung. "Einige haben heute nur nen halben Tag frei bekommen und stoßen später zu uns", sagt Sabine Furtner, Trompeterin, Kassiererin, Ehefrau von Präsident Stefan Furtner und nach eigener Auskunft zudem "Mädchen für alles". Da Bandleader Frank auch noch nicht da sei, gebe sie nun eben die Einsätze. "Wir starten mit Tuxedo, Babylon, dann mal sehen", ruft sie. Der Schulgong ertönt, große Pause. Der Mann mit dem Sousafon stopft sich Pfropfen in die Ohren.

Während die Bläser losschmettern wagen sich die ersten Kinder heraus. Sie sind als Cowboys, Vampire, Gangster oder Feen verkleidet. Eine als Kuh verkleidete Lehrerin führt die Polonaise an. Die Lieder der Guggen klingen leicht schräg – also so, wie es sich gehört. Mitten in "Rock around the Clock" platzt der Schulgong. Die Kinder strömen wieder ins Warme.

Zwischenstopp in der Stammkneipe


"Das hat jetzt echt Spaß gemacht", sagt Sabine Furtner und steckt sich eine Zigarette an. Weiter geht’s, zu Fuß in den Feuerbacher Triebweg. Wirt Tufo Taranis wartet schon auf die Musiker. In der Keglerklause trifft sich die Band seit mittlerweile 15 Jahren regelmäßig, um zu proben oder zu feiern. "Wenn wir einen Gönner haben, dann ist es Tufo. Der kocht auch noch nachts um zwölf für uns", sagt Furtner.

Tufo serviert seinen Guggen Jägerschnitzel, Leber mit Bratkartoffeln, Cola oder Weizenbier. Im Hintergrund läuft auf einer Leinwand Skispringen. "Klar trinken wir auch Alkohol, es ist ja Fasching", sagt Sabine Furtner. Doch die Mitglieder hätten sich im Griff, Auftritt sei Auftritt, und den gelte es anständig zu absolvieren.

Die Familie Furtner ist komplett vertreten. Neben Mutter Sabine (42) Vater Stefan (49) sind auch die Töchter Ann-Katrin (22), Wiepke (20) und Marusha (14) bei den Guggen mit dabei. Alle haben sich Wangen oder Stirn individuell bemalt. "Zwischen 11.11. und Aschermittwoch spielen wir geschminkt", erklärt Sabine Furtner, die im ungeschminkten Leben in der Altenpflege bei der Diakonie arbeitet. Im November habe es kein freies Wochenende gegeben und seit dem 5. Januar, dem Tag des "Häs-Erweckens", ebenfalls nicht.

Sie sind traurig, wenn die närrischen Tage vorbei sind


Wirt Tufo bringt ein Hefeweizen. 1995 wurde die Guggen Band von einem gebürtigen Schweizer gegründet. Die Furtners sind im zehnten Jahr dabei. Rund 35 Musiker im Alter zwischen acht und 69 Jahren umfasst die Gruppe aktuell. Spät am Faschingsdienstag würden sie alle meistens weinen, da sie traurig seien, dass die närrischen Tage vorüber sind, sagt Sabine Furtner. Dann frage man sich am Wochenende schon manchmal, was man eigentlich tun solle. Noch ein Glas Sekt inklusive Trinkspruch auf Trompeter Sebastian, der gerade 23 Jahre alt geworden ist, dann machen sich die Guggen fertig zum nächsten Auftritt. "Figubas!" schallt es durch den Schankraum.

Draußen flockt es weiterhin kräftig vom Himmel. Für die Musiker steht ein sozialer Termin an. Die Gäste einer Tagespflegeeinrichtung für Senioren warten auf sie. Die Alten bleiben wegen des Wetters im Haus, während die Guggen auf der anderen Straßenseite in Position gehen. Bandleader Frank, Allgemeinmediziner im Ruhestand, übernimmt jetzt das musikalische Kommando: "Eins, zwo, drei, vier!" Im Wintergarten wird ein Rollstuhl an die Glasfront gefahren. Herr Stramel jubelt "Narri Narro!", wippt hin und her.

Die First Guggen Band muss weiter. Vor dem Marsch zum Rathaus wärmt sie sich im Café Pikant auf. Espresso, Latte Macchiato, Gesang. Draußen wartet ein Dutzend anderer Narren auf den Startschuss – Waschweiber, Schaffle, Wolfskehlen. Tenorhornistin Doris erzählt von Instrumentproblemen: "Vorhin musste ich schon meine Ventile föhnen, die waren eingefroren." In Pforzheim habe sie mal bei minus 20 Grad Schnaps über die Mechanik gießen müssen: "Der gefriert nicht."

Übergabe der nahezu leeren "Stadtkasse"


16 Uhr, Feuerbacher Rathaussturm. Oben auf dem Wilhelm-Geiger-Platz trotzen knapp 50 Faschingsfreunde dem Dauerschnee, unten an den Gleisen warten etwa 150 Pendler auf die Stadtbahn. Nach kurzem Geschacher rückt die Bezirksvorsteherin den symbolischen Schlüssel zum Gebäude heraus, wenig später wird die nahezu leere "Stadtkasse" übergeben. Die Narren haben einen Pavillon aufgebaut, es gibt Glühwein, Bier, Gebäck. Nach dem üblichen Prozedere spielt die Guggen Band wieder auf, ein paar Narren und das Rathausteam wagen ein Tänzchen. Schalalalala.

"War ganz okay soweit", sagt Sabine Furtner und nimmt einen kräftigen Schluck aus der Bierflasche. Bis zum nächsten Termin bleibt noch eine Stunde. Der Mann mit dem Sousafon wärmt sich im Bürgerbüro auf, die Tenorhornistin Doris vertreibt sich die Zeit in einer nahen Kneipe. Als sie zurückkommt sind die Ventile ihres Instruments wieder eingefroren. "Hätte ich das Ding mal lieber in die Boiz mitgenommen", sagt sie. Auch der Tenorsaxofonist jammert: "Alles verzogen, die ganze Mechanik. Das wird jetzt richtig schräge Guggenmusik!"

Der Umzug geht in Richtung Stadtkirche. Fünfzig Narren und zwei Polizisten sind mit dabei – Feuerbach ist halt nicht Köln –, während langsam die Dunkelheit hereinbricht. Der Mann mit dem Sousafon hat orangefarbene Lichter in seinem Spinnennetz angebracht. Ein Schwaikheimer Sumpfgeist sprüht Sabine Furtner mit einem Zerstäuber Asbach Cola in den Mund. Nach dem Ständchen auf dem Kirchplatz macht sich bei einigen Guggen Erschöpfung breit. "Ich kann nimmer", sagt das Geburtstagskind Sebastian und lehnt sich an eine Steinmauer. Doris isst ein Brötchen und hadert wieder mit ihren Ventilen.

Drinnen tobt die Musik, draußen der Schnee


Doch es bleibt keine Zeit: der "Kneipendapp" steht an. Im Jägerhaus fallen die Musiker zuerst ein, die Gäste drücken sich in die Ecken. Sebastian trompetet im Sitzen, Doris bläst die Backen auf: "Oh Susanna". Kurze Verschnaufpause. Die Posaune wird in einer Yucca-Palme geparkt, Sabine Furtner bestellt elf Bier und ein paar Cola. Manche geben am Tresen Gas, andere hängen auf den Sitzbänken rum.

Gläser geleert, Mützen wieder auf – ab in die Weinstube Mögle. Die Band zwängt sich in die beiden engen Gasträume. Drinnen tobt die Musik, draußen der Schnee. Die Gäste klatschen mit. "Danke schön!" ruft Bandleader Frank. Raus. Vor der Tür ist noch der Applaus zu hören. Doch die Band muss sich sputen: der letzte Termin des Tages steht an, in Bad Cannstatt.

Auf dem Weg zur Stadtbahn erzählt Trompeter Sebastian, dass sie nun eigentlich alle müde seien. "Aber man überspielt es halt." Am menschenleeren Wilhelm-Geiger-Platz wuchten die Trommler ihre Wagen die Treppen hinunter. In der Bahn will Wiepke die Kollegen zum Spielen animieren, doch nur wenige machen mit. "Buuh, ihr seid voll langweilig", ruft sie.

"Feuerbach ist halt Feuerbach"


Wilhelmsplatz Bad Cannstatt, 21.30 Uhr. Die Narren steigen aus. Manch einem drückt die Blase: "I muss scho wieder bronsa." Die Siegerehrung des Kübelesrennens ist gerade vorbei, rund um den Festplatz wird für Stuttgarter Faschingsverhältnisse noch ordentlich gefeiert. Im "Biersims" tanzt ein Transenpolizist auf dem Tisch, die Musiker arbeiten sich spielend durch die Menge vor auf den hell erleuchteten Marktplatz. Jubelrufe, Klatschen. Die First Guggen Band gibt noch mal alles: "By the Rivers of Babylon", "Que sera", "It’s a Holi-Holiday". Dann haben sie ihr Tagwerk vollbracht. "Ich bin sehr zufrieden", sagt Sabine Furtner. Feuerbach sei wie immer ein wenig zäh gewesen. "Aber Feuerbach ist halt Feuerbach."

Das Tagwerk ist vollbracht. Der Mann mit dem Sousafon steigt in die U-Bahn. Am Wilhelm-Geiger-Platz nimmt er die Rolltreppe nach oben. Flocken fallen vom Himmel, am Boden welken ein paar Konfettischnipsel. Müde sei er, ja, sagt der Mann mit dem Sousafon. Morgen müsse er wieder fit sein, da beginne der letzte Auftritt ja erst kurz vor Mitternacht. Das Rathaus liegt still im Dunkel. Der Mann mit dem Sousafon stapft einsam durch den Schnee.
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