Fliegende Artistin
Die Frau, die 150 PS schluckt
Anja Tröster,
21.07.2010 09:59 Uhr
Wenn ihre Bewunderer sie fragen, wie es sich anfühlt, mit dem Wind am Körper zu fliegen, dann lächelt Peggy Krainz und antwortet knapp: "Toll." Foto: Frank Herzog
""Das ist ja einfach. Aber wie komme ich jetzt wieder zurück an Bord?""
Peggy Krainz Gedanken bei ihrem ersten Wingwalk
Aufgeben oder weitermachen?
Wenn ihre Bewunderer sie fragen, wie es sich anfühlt, kopfüber zu fliegen, mit dem Wind am Körper, dann lächelt sie und antwortet: "Toll." Oder: "Es macht Riesenspaß." Manchmal spricht sie auch von der Anstrengung. Aber in Worte lässt sich ohnehin nicht fassen, was sie während der Flüge fühlt. Peggy Krainz versucht es dennoch immer wieder. Glücklich sei sie, wenn sie fliege. Den Kitzel im Bauch, wenn die Schwerkraft sie beim Kunstflug kurz loslasse, empfinde sie als Geschenk. "Unter mir wird alles kleiner", sagt sie. "Ich stehe über allem, gewinne Abstand zum Alltag."
Fünf Jahre lang flog sie mit dem schwedischen Team. Sie schnallte sich vor dem Start stehend auf die Tragfläche und kletterte nur zur Landung ins Flugzeug. "Das würde ich heute auf keinen Fall mehr machen", sagt sie. "Viel zu gefährlich." Als das Team sich im Jahr 2004 auflöste, stand Peggy Krainz vor der schwierigen Entscheidung: aufgeben oder weitermachen?
Sie entschied sich für Letzteres, weil sie längst davon träumte, während des Flugs nicht an einer Stelle der Tragfläche zu verharren, sondern an der Maschine herumzuklettern. Peggy Krainz kaufte sich eine Boeing Stearman und schrieb die kanadische Wingwalkerin Carol Pilon an, ob sie sie in diesen exotischen Sport einweisen könne. Pilon sagte zu. Zwei Wochen lang übten die beiden Frauen am Boden jeden Handgriff. "Oben", sagt Krainz, "kommt der Wind dazu, dann darfst du nicht anfangen zu überlegen."
In die Luft ging Krainz erst, als ihre Trainerin längst wieder in Kanada war. Sie machte alles so, wie sie es zu zweit geübt hatten. Dann hing sie draußen im Wind auf ihrer Stange. "Das ist ja einfach", war ihr erster Gedanke. "Aber wie komme ich jetzt wieder zurück an Bord?", der nächste. Sie schaffte es, wie seither immer.
Ein Dutzend Wingwalker weltweit
Noch nie in all den Jahren ist sie ins Seil gefallen. Es gab Fehltritte, die sie dank der Dreipunktregel ausgleichen konnte. Einmal gerieten sie in Regen, und die Wassertropfen hinterließen blaue Flecken auf ihrem Körper. Die gefährlichste Situation erlebte sie ganz am Anfang ihrer Karriere, als sie mit einem Piloten flog, der harten Kunstflug gewohnt war. Er flog die Figuren so scharf, dass ihr beinahe die Sinne schwanden. Keine Kontrolle über den Kopf oder ihre Wirbelsäule zu haben wäre das Schlimmste, was ihr passieren könnte - bei den Fliehkräften, die auf sie wirken, weil sie außerhalb des Schwerpunktes steht.
Mittlerweile kann sie von ihrer Leidenschaft leben. Vier Sponsoren unterstützen Peggy Krainz, die jeden Sommer rund zwanzig Shows in ganz Europa und Übersee fliegt. Stets sucht sie nach neuen Herausforderungen, die sie in ihr Programm integriert. So hat sie sich in die exklusive Gesellschaft von weltweit einem Dutzend Wingwalkern hochgearbeitet. Seit diesem Jahr geht sie sogar in den Handstand, um dann von der oberen Tragfläche herab ihrem Piloten kokett die Hand zu schütteln. Damit begeisterte sie im Frühjahr sogar die Neuseeländer bei der legendären Oldtimershow "Warbirds over Wanaka". Fast alle neuseeländischen Zeitungen präsentierten die einzige deutsche Wingwalkerin auf ihren Titelseiten.
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