Fliegende Artistin Die Frau, die 150 PS schluckt
Anja Tröster, 21.07.2010 09:59 Uhr
Wenn ihre Bewunderer sie fragen, wie es sich anfühlt, mit dem Wind am Körper zu fliegen, dann lächelt Peggy Krainz und antwortet knapp: "Toll." Foto: Frank Herzog
Wenn ihre Bewunderer sie fragen, wie es sich anfühlt, mit dem Wind am Körper zu fliegen, dann lächelt Peggy Krainz und antwortet knapp: "Toll." Foto: Frank Herzog
""Das ist ja einfach. Aber wie komme ich jetzt wieder zurück an Bord?""
Peggy Krainz Gedanken bei ihrem ersten Wingwalk

Stuttgart - Frieder Walentien hebt mit der Boeing Stearman vom Boden ab und legt den Doppeldecker sofort in die Kurve. Von nun an muss jeder Handgriff sitzen. Walentien nimmt das Gas zurück und dreht in Richtung Publikum. Nun tut Peggy Krainz etwas, das Menschen, die bei klarem Verstand sind, sonst unter gar keinen Umständen tun: Sie schnallt ihren Sicherheitsgurt ab, stellt sich im offenen Cockpit auf den vorderen Sitz, schnallt den Gurt penibel wieder hinter sich zu, hält sich an den Handgriffen am Rand des Cockpits fest, und beginnt, aus dem Flugzeug hinauszuklettern.

Gesichert ist Peggy Krainz nur mit einer zweieinhalb Meter langen Leine. Ein Fallschirm, wie er im Cockpit vorgeschrieben ist, würde sie beim Klettern in der Strömung behindern, sagt sie. Stattdessen hält sie sich an die alte Regel aller Akrobaten der Lüfte: Immer mit drei Gliedmaßen gleichzeitig am Flugzeug bleiben. So setzt sie erst den einen Fuß auf das Trittbrett auf der linken Tragfläche, dann den anderen, greift vom Griff an der oberen Tragfläche nach den Drahtseilen, mit denen die Flügelpaare verspannt sind, und stellt sich auf jene wenige Zentimeter schmale Linie, unter der sich der Holm der Tragfläche verbirgt - die einzige Stelle, an der sie nicht durch die hauchdünne Schicht lackierten Stoffs brechen würde. Wenn sie an der Querverbindung der gespannten Drähte angekommen ist, dann klemmt sie sich mit Armen und Beinen an der Stange fest. Und winkt.

Mit 200 Stundenkilometern unterwegs


Bei durchschnittlich 200 Stundenkilometern, mit denen die Boeing Stearman unterwegs ist, kosten die Bewegungen so viel Kraft, dass Peggy Krainz höchstens eine 15-minütige Show am Tag fliegt: "Danach bin ich fertig", sagt sie - obwohl sie sich mit Pilates und Laufen fit hält.

Die Wingwalkerin Peggy Krainz und ihr Pilot Frieder Walentien loten die Grenzen der Fliegerei aus. Solange die zierliche Frau zwischen den Tragflächen turnt, schluckt sie gut 150 PS der Motorleistung. Wenn sie quer zur Strömung liegt, ist es für Walentien fast unmöglich, eine Kurve zu fliegen. Und falls Peggy Krainz beim Flirt mit den Zuschauern am Boden einmal vergisst, Augenkontakt zum Piloten zu halten, wird das zu einem ernsthaften Problem - denn die beiden haben nur ihre Hände, um sich zu verständigen: Kein Funkgerät der Welt hält dem Tosen der Luft stand.

Einmal hat Peggy Krainz vor Euphorie die Kommunikation mit ihrem Piloten tatsächlich vergessen: beim Oldtimertreffen auf der Kirchheimer Hahnweide, als fast 40.000 Zuschauer zu ihr heraufblickten. Frieder Walentien flog besonders langsam, und Peggy Krainz stand aufrecht dort oben, sah nach unten und winkte und winkte und winkte... "Danach ging es mir fast an den Kragen", sagt sie und grinst. Sie liebe es nun einmal, die eigene Begeisterung im Publikum gespiegelt zu sehen.

Eine halsbrecherische Disziplin


Das Abenteuer, ein Flugzeug in der Luft zu verlassen, ist fast so alt wie die Fliegerei selbst. Erfunden wurde diese halsbrecherische Disziplin kurz nach dem Ersten Weltkrieg. Viele Piloten suchten damals nach einer Möglichkeit, im zivilen Alltag von ihrer Fliegerei zu leben. Gleichzeitig verkaufte die US Army ihre Schulungsdoppeldecker des Typs CurtissJN4, Jennys genannt, zu Spottpreisen. Dieser Doppeldecker flog deutlich langsamer als jedes Flugzeug, das heutzutage vom Boden abhebt.

Es war die Geburtsstunde der fliegenden Zirkusse und jener Artisten, die sich mit waghalsigen Kunststückchen zu überbieten versuchten. Flugpioniere wie Orville Wright oder Charles Lindbergh haben sich zeitweise als sogenannte Daredevil Pilots, Draufgängerpiloten, versucht. In den Geschichten von Richard Bach, dem Autor der "Möwe Jonathan", lebt diese Zeit noch heute fort. Weil viele Piloten und Artisten bei missglückten Kunststücken ums Leben kamen, setzte die amerikanische Flugsicherheitsbehörde dem Tragflächenturnen in den 30er Jahren ein Ende, indem sie die Mindesthöhe dafür so erhöhte, dass das Publikum das Interesse daran verlor.

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