Flüchtlinge in Stuttgart In fünf Turnhallen ziehen Flüchtlinge ein

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Bis Ende Oktober muss Stuttgart nochmals zusätzlich 670 Plätze in Notquartieren schaffen und greift nun auf Schulturnhallen zurück, um Flüchtlinge unterzubringen. Die nächsten Engpässe zeichnen sich aber bereits ab.

270 Flüchtlinge sollen in der Sporthalle des Weilimdorfer Solitude-Gymnasiums unterkommen. Foto: Lichtgut/Leif Piechowski
270 Flüchtlinge sollen in der Sporthalle des Weilimdorfer Solitude-Gymnasiums unterkommen. Foto: Lichtgut/Leif Piechowski

Stuttgart - Was die Stadt bei der Unterbringung von Flüchtlingen bisher vermieden hat, tritt jetzt ein. Weil die Zahl der Asylbewerber aktuell so hoch ist, werden nun auch fünf Turnhallen im Stadtgebiet als Notunterkünfte genutzt. Für diesen Zweck ausgewählt hat die Verwaltung die Turn- und Versammlungshallen in Hedelfingen und in Obertürkheim (je 100 Plätze), die Sporthalle der Realschule Raichberg im Osten (120 Plätze) sowie die Alfred-Wais-Halle in Birkach (80 Plätze). Dazu kommt die Sporthalle des Solitude-Gymnasiums in Weilimdorf, in der 270 Flüchtlinge untergebracht werden sollen. In den Objekten, die für den Schulsport, aber auch von Vereinen genutzt werden, entstehen insgesamt 670 Plätze.

Bis zum Jahresende könnten 2200 Plätze fehlen

Der Erste Bürgermeister Michael Föll (CDU) und Sozialbürgermeisterin Isabel Fezer (FDP) erläuterten bei einer eilens am Donnerstag Abend einberufenen Pressekonferenz die Brisanz der Lage. Der Stadtkämmerer sprach von einer „enormen Dynamik“, die das Thema Flüchtlingsunterbringung bekommen habe. Bis vor kurzem war man noch davon ausgegangen, pro Monat Quartiere für rund 600 Menschen zur Verfügung zu stellen. Nun wird das Land der Stadt im Oktober 1250 Flüchtlinge zuweisen. Sollte sich daran nichts ändern, werde man bis Jahresende – abzüglich der 670 – zusätzlich weitere 1500 Plätze benötigen, sagte Föll. Deshalb könne man nicht mehr auf die Belegung von Sporthallen verzichten. Parallel prüft die Stadt außerdem die Unterbringung in Hallen in Leichtbauweise, kündigte Föll an. Und von Dezember an können 350 Flüchtlinge des städtischen Kontingents in der Halle 2 im Neckarpark unterkommen. Dort hat das Land von einer Nutzung der Liegenschaft als Erstaufnahmestelle Abstand genommen.

Bei der Auswahl der fünf benannten Turnhallen sei wichtig gewesen, dass sie beheizbar sind, ausreichend Toiletten und Duschen haben und gut an den öffentlichen Nahverkehr angeschlossen sind. Turn- und Versammlungshallen hätten eine bessere sanitäre Ausstattung als reine Sporthallen, sagte der Kämmerer, dazu meist noch eine kleine Küche. Dabei sei der Stadt bewusst, „dass es durch die Hallenbelegungen zu Beeinträchtigungen bei Schulen, Vereinen und Veranstaltungen kommt“, so Föll. Man werde versuchen, den Betroffenen an anderer Stelle Ausgleichsangebote zu machen. „Wir können aber nicht in Aussicht stellen, dass es in jedem Fall eine Kompensation gibt“, erklärte der Bürgermeister.

Bei der Verteilung habe die Stadt darauf geachtet, Standorte in Stadtteilen zu finden, „die bislang vergleichsweise wenige Flüchtlinge aufgenommen haben“, erklärte Föll. Gleichzeitig sollten die Neuankömmlinge möglichst gleichmäßig über die Stadt verteilt werden. Am kommenden Dienstag sollen die ersten Asylbewerber in die Unterkünfte einziehen. Wie lange, lässt sich derzeit nicht sagen. Und der Finanzbürgermeister will nicht ausschließen, dass man in nächster Zeit weitere Sporthallen mit Flüchtlingen belegen muss.

Sportvereine betonen ihre Solidarität

Sozialbürgermeisterin Isabel Fezer (FDP) appellierte an die Offenheit der Stuttgarter. Sie sprach von einer „neuen Stufe in der Debatte. Das ist keine Dramatisierung, sondern eine Beschreibung der Realität.“ Sie sei aber zuversichtlich: „Wer, wenn nicht die Stuttgarter, können es schaffen, diese Aufgabe zu bewältigen?“ Man sei sich aber bewusst, dass die Unterbringung in Sporthallen, in denen Stockbetten mit Stellwänden aufgestellt werden, gewisse „Konfliktpotenziale“ mit sich bringe. Deshalb werde man dort die soziale Betreuung der Flüchtlinge „intensivieren“.

Es sei „bedauerlich“, dass die Stadt für die Unterbringung von Flüchtlingen nun auch auf Sporthallen zurückgreifen müsse, sagte der Vorsitzende des Sportkreises Stuttgart, Fred-Jürgen Stradinger. Der Sport erkenne die schwierige Situation der Stadt aber an, sagte er. „Die Not ist eben so groß, da ist auch der Sport im Geiste der Fairness bereit, seinen Beitrag zu leisten.“ Dem Sportkreis gehören 300 Sportvereine mit 170 000 Mitgliedern an.

Zurzeit sind in der Landeshauptstadt 4853 Flüchtlinge in 82 Unterkünften einquartiert. Bis zum Ende des Jahres werden es voraussichtlich weit mehr als 6000 sein.