Flüchtlinge in Stuttgart Tägliches Elend am Gleis 16

Von Wenke Böhm 

Mehr als 1500 Asylsuchende seit Jahresbeginn: die Helfer der Bahnhofsmission in Stuttgart haben alle Hände voll zu tun. Ihre Hilfe ist für die Notleidenden ein Lichtblick zwischen den vielen Strapazen.

Helferinnen in der Not: Hildegard Zedelmayer (links) Sarah Heinrich Foto: Lg/Max Kovalenko
Helferinnen in der Not: Hildegard Zedelmayer (links) Sarah Heinrich Foto: Lg/Max Kovalenko

Stuttgart - Als Hildegard Zedelmayer am Donnerstag um 6.30 Uhr zur Bahnhofsmission kommt, wird sie bereits erwartet. Die ersten 35 Flüchtlinge stehen schon vor der Tür. Bundespolizisten haben sie in der Nacht aus dem Zug geholt. Ein kleines syrisches Mädchen erobert an diesem Tag das Herz der 57-jährigen Missionsmitarbeiterin im Sturm. Die Kleine gehört zu den fünf Kindern einer syrischen Großfamilie. Insgesamt sind sie zu zwölft. „Sie hat immer Küsschen in die Luft gemacht – zum Dank“, sagt Zedelmayer schmunzelnd.

In dem zweigeschossigen blauen Container neben Gleis 16 geht es derzeit oft zu wie in einem Taubenschlag. Seit der Strom der Asylsuchenden immer weiter wächst, ist die Einrichtung nicht selten zu klein. So auch am Dienstag, als mehr als 100 Asylsuchende aus Budapest ankommen. Aber es gibt auch Stunden, in denen alles ruhig bleibt. „Wenn wir zur Arbeit gehen, wissen wir nie, was uns erwartet“, sagt Sarah Heinrich, stellvertretende Leiterin der Stuttgarter Bahnhofsmission.

Heftige Wellen im Sommer

Eines jedoch ist sicher: Seit 2014 wird der Ansturm von Flüchtlingen spürbar größer. Die erste heftige Welle kam im Juli und August 2014, und die zweite rollt gerade über die Anlaufstelle hinweg. „Allein im August waren es mehr als 500 Menschen“, so die 32-Jährige. Im Schnitt seien es etwa 20 pro Tag, rechnet sie.

Die Flüchtlinge kommen aus Syrien, Pakistan, Irak, Afghanistan, Indien, Albanien, Mazedonien, Gambia. Eritrea und vielen weiteren Ländern. Die meisten, die da sind, reisten über den Landweg. Was hinter ihnen liege, sei ganz verschieden, sagt Heinrich. „Stunden, Tage, Wochen, Monate“ dauere ihr Odyssee. „Oft haben sie nicht mehr, als das, was sie auf dem Leib tragen.“ Traurige Geschichten gehören zum Alltag in der Mission. Heinrich erzählt von einer Mutter, die auf der Flucht drei ihrer fünf Kinder verloren hat. „Ich habe nicht weiter nachgefragt, wie sie gestorben sind. So tief steigen wir nicht ein.“ Für psychologische Gespräche fehlten Zeit und Sprachkenntnisse. Meist könnten sie nur ein Taschentuch reichen und den Menschen gut zureden. Einfache Verständigung gelinge immer – notfalls mit Händen und Füßen. Oft würden die Flüchtlinge von der Bundespolizei in Zügen aufgegriffen und zu ihnen gebracht. Manchmal kämen sie aber auch von sich aus. Sobald Ihre persönlichen Daten von den Beamten erfasst wurden und sie eine Bescheinigung für eine Erstaufnahmestelle haben, suchen die Mitarbeiter der Mission einen passenden Zug heraus, besorgen ihnen Fahrkarten und begleiten sie zur Bahn. Meist heißt das Ziel Karlsruhe. Bevor die Hilfesuchenden jedoch wieder auf die Reise gehen, werden sie in der Mission noch mit dem Wichtigsten versorgt. Das können Nahrungsmittel und Getränke sein, Windeln oder Tampons, auch mal ein sauberes T-Shirt oder eine Decke fürs Baby. Und Strom fürs Handy. „Das ist ganz wichtig“, machte die 32-Jährige deutlich. Sie hätten eine große Steckdosenleiste. „Die Sicherung ist bislang noch nicht rausgeflogen“, scherzt sie.

Formalien kosten viel Zeit

Zum Schluss gibt es noch ein kleines Lunchpaket und einen Saft für die weitere Fahrt. Der Reiseproviant wird vom städtischen Eigenbetrieb „Leben und Wohnen“ zur Verfügung gestellt, und aktuell müssen die Mitarbeiter ziemlich oft nachbestellen. „Das Paket ist nicht nur für die Asylsuchenden wichtig, sondern auch für die Mitarbeiter. Es gibt uns das Gefühl, wenigstens etwas tun zu können.“ Die Kooperation mit dem Eigenbetrieb geht zurück auf einen Notfallplan, der bereits im Sommer 2014 entwickelt wurde. Seitdem gab es keinen Grund dafür, dauerhaft aufzuatmen. Im Gegenteil: „Wir sind an dem Punkt, wo die Grenze erreicht ist“, sagt Heinrich. Ärgerlich seien vor allen die ganzen Formalien, die erfüllt werden müssten, bevor sie das vorgestreckte Fahrgeld von der Erstaufnahmestelle erstattet bekämen. „Da muss sich etwas ändern. Wir wollen schließlich in erster Linie für die Menschen da sein.“ Es gebe deswegen Gespräche mit dem Ministerium für Integration, der Polizei und der Stadt Stuttgart.

Finanziell und personell an der Grenze

Finanziell kämen sie mit den vorgestreckten Reisekosten bisweilen auch an ihre Leistungsgrenze, und personell ebenfalls. „Wenn der Andrang groß ist, dann kommen andere Hilfesuchende manchmal zu kurz“, macht Heinrich deutlich. Vom 7. September an will die Bahnhofsmission ihre Öffnungszeiten um zwei Stunden verlängern – auf dann 6.30 Uhr bis 24 Uhr. Deshalb, und wegen der zahlreichen Aufgaben, könne das Team noch mehr ehrenamtliche Unterstützung gebrauchen. „Viele Menschen wissen gar nicht, wie sehr wir in der Flüchtlingsarbeit engagiert sind.“ Sprachkenntnisse seien immer gut. Größeren Bedarf gebe es bei Arabisch, Albanisch, Rumänisch und Bulgarisch – auch für die anderen Aufgaben der Mission.

Selbst wenn das Leid im blauen Container derzeit oft überwiege, gebe auch es viele schöne Momente, sagt Heinrich. Neulich sei ein Mann extra aus Karlsruhe nach Stuttgart gereist, um dem Team für die Hilfe zu danken. „Man bekommt viel zurück.“