Flüchtlingsunterkunft schließt nach 40 Jahren Das Ehepaar aus Vietnam

Von Reiner Ruf 

Sechsunddreißig Stunden trieb Nguyen Van Tinh mit seinen Gefährten auf dem Seelenverkäufer im Südchinesischen Meer, ehe sie am Horizont ein großes Schiff entdeckten, von dem sie nicht wussten, ob es ihnen die Rettung bringen würde oder den Tod. 127 Flüchtlinge kauerten auf dem selbst gebauten Boot, zehn Meter lang und keine drei Meter breit. Sie kamen aus einem Dorf im Delta des Flusses Mekong: Nguyen Van Tinh, seine Frau Pham Thi Ngoc, die Kinder, Verwandte und Freunde – alle auf der Flucht vor dem kommunistischen Regime, das den Katholiken in Vietnam besonders zusetzte.

1975 hatte der Vietcong die südvietnamesische Hauptstadt Saigon erobert. Im Jahr darauf scheiterte ein erster Fluchtversuch Nguyens, er verschwand für drei Jahre im Gefängnis. Als er wieder freikam, musste er sich morgens und abends auf der Polizeiwache melden. Am 12. November 1980 brach er erneut auf zur Fahrt übers Meer – und in ein ungewisses Schicksal. Etwa 250 000 Bootsflüchtlinge sollen auf dem Ozean die Freiheit gesucht und den Tod gefunden haben.

Das Schiff näherte sich langsam. Es war später Nachmittag. In wenigen Stunden, so gegen Mitternacht, erzählt Nguyen, mittlerweile 69 Jahre alt, sollte ein heftiger Sturm aufkommen, den sie auf ihrem Boot kaum überstanden hätten. Aber das wussten sie damals noch nicht, als das Schiff beidrehte. Immerhin führte es nicht die Flagge des kommunistischen Vietnam. Es war ein Frachtschiff, die Cap Anamur, die zwei entschlossene Menschen in Deutschland, Rupert Neudeck und seine Frau Christel, zu einem Hospitalschiff umgerüstet und auf den Weg ins Südchinesische Meer geschickt hatten, um Menschen vor dem Tod zu bewahren. Über Singapur gelangten die Geretteten nach Deutschland und nach Laiz, wo sie 1981 im Gelben Haus als Kontingentflüchtlinge für eine Übergangszeit unterkamen.

Im Jahr darauf wechselte die Familie vom Gelben Haus zum jenseits der Pfarrkirche St. Peter und Paul gelegenen Litschenberg. Es war das Anwesen, das frei geworden war, als Gerlinde Kretschmanns Vater mit seiner Landwirtschaft „aussiedelte“, also vors Dorf zog. Später übernahmen Winfried Kretschmann und seine Frau Gerlinde das Haus, als die Familie von Echterdingen nach Laiz kam. Schnell fand Nguyen Van Tinh eine Beschäftigung als Waldarbeiter. Nach acht Jahren wechselte er in eine Fabrik in Sigmaringendorf. Sechs Kinder zogen er und seine Frau auf, elf Enkel folgten. Er engagierte sich in der Kirchengemeinde, das war ihm wichtig, die Kinder machten bei den Ministranten mit.

„Alle Vietnamesen haben ihren Weg gemacht“, sagt Susanne Spasov, die von 1980 bis 2005 für die Caritas als Sozialarbeiterin in dem Haus arbeitete. Gleich nebenan wohnt der Religionswissenschaftler Johannes Kretschmann. „Die Vietnamesen hatten ihren eigenen Integrationspfad, der lief über die Kirche“, sagt er. Als Kind spielte er mit den jungen Vietnamesen, versah mit ihnen den Ministrantendienst. „Sie legten Wert auf Bildung, sie hatten den Willen zum Aufstieg“, sagt Kretschmann. Das sei entscheidend gewesen. Eine wichtige Rolle habe auch ihr Katholizismus gespielt. „Der war die Brücke in die Gesellschaft.“

„Stimmt“, sagt Dekan Christoph Neubrand im Laizer Pfarramt, wenige weitere Schritte die Römerstraße hinab. „Über das gemeinsam Katholische gab es eine große Offenheit.“ Für jede vietnamesische Familie habe sich eine Patenfamilie gefunden, die den Neuankömmlingen half, sich im Alltag zurechtzufinden, bei Behördengängen oder in der Schule. „Damals fing für Laiz das Thema Migration an.“