InterviewFlughafen-Geschäftsführer Georg Fundel „Ein Bundesland zweiter Klasse“

Von Jörg Nauke 

Flughafen-Geschäftsführer Georg Fundel wird seinen im Jahr 2017 auslaufenden Vertrag nicht verlängern. Im Interview kritisiert er Verkehrsminister Alexander Dobrindt scharf und fordert im Herzen des Flughafens mehr Platz.

Am Flughafen Stuttgart werden in diesem Jahr  mehr als zehn Millionen Passagiere erwartet. Foto: Flughafen, Lichtgut/Achim Zweygarth
Am Flughafen Stuttgart werden in diesem Jahr mehr als zehn Millionen Passagiere erwartet.Foto: Flughafen, Lichtgut/Achim Zweygarth
Stuttgart - Von Mitte Januar nächsten Jahres an gibt es wohl keinen Direktflug mehr von Stuttgart nach Abu Dhabi. Für den Flughafenchef Georg Fundel beschränkt der Bund im Luftverkehr den Wettbewerb zum Nachteil der hiesigen Kunden und zu Gunsten der Flughäfen Frankfurt und München sowie der Lufthansa. Dass die Airline ihre Station in Stuttgart schließen wird, sieht er als Vorteil. Das starke Wachstum macht den Bau eines neuen Terminals notwendig. Andere Planungen würden durch S 21 behindert.
Herr Fundel, die Neun-Monats-Bilanz des Flughafens mit einem Plus von 8,5 Prozent bei den Passagieren deutet auf einen neuen Jahresrekord hin. Wie sehen Sie die Lage?
Das Wachstum entspricht der wirtschaftlichen Entwicklung von Baden-Württemberg. Und wir sind ein Spiegelbild der starken Nachfrage. Zudem machen wir den Fluggästen ein gutes Angebot. Die Aussichten sind erfreulich, wir wachsen nun auch im Winter so stark wie im Sommer und planen für 2016 mit einem Plus von drei Prozent.
Lange war es so, dass Sie bei den Passagieren zulegten, die Zahl der Starts und Landungen aber zurückging, was auch die Anwohner freuen konnte.
Dieser Trend dauerte sieben Jahre an, ist jetzt aber vorbei. Passagierwachstum und Flugbewegungen steigen etwa im Verhältnis 1:1, denn es ist kaum mehr möglich, noch größere Maschinen einzusetzen. Die kleinen Flugzeuge mit weniger als 100 Sitzplätzen sind fast verschwunden. Die durchschnittliche Belegung in Stuttgart liegt bei 104 Personen.
Sie sind stolz, einen Direktflug nach Abu Dhabi anzubieten, auch wenn er wegen der auf drei Flughäfen in Deutschland beschränkten Landerechte in Deutschland nur über eine Kooperation von Etihad Airlines mit Air Berlin stattfindet. Nun will Verkehrsminister Alexander Dobrindt (CSU) die Verbindung Mitte Januar aber kappen. Das muss Sie doch ärgern.
Der Bund hätte kein Problem, wenn es nur darum ginge, dass Menschen nach Abu Dhabi fliegen. Aber weil sie dort umsteigen und weiterfliegen, tritt die Airline in Konkurrenz zur Lufthansa. Für uns wäre das Aus traurig, weil die Verbindung mit etwa ­70 000 Fluggästen im Jahr gut angenommen wird. Ohne sie sind wir in Richtung Mittlerer Osten und weiter nach Australien, Indien und China nicht mehr gut angebunden. Wir sind dann kein Standort erster Wahl mehr, weil halt zuerst ein Zubringerflug nach Frankfurt oder München erfolgen muss. Und Baden-Württemberg wird zum Bundesland zweiter Klasse. Das sage übrigens nicht nur ich, das ist auch die Meinung vieler Wirtschaftsvertreter. Wir verkaufen unsere Waren in aller Herren Länder, aber wir müssen über Umwege dorthin.
Ob er nun in Abu Dhabi nach Bangkok umsteigt oder in München oder Frankfurt, dürfte einem Manager oder Urlauber egal sein.
Mündigen Bürgern würden wir diese Entscheidung gerne selbst überlassen.
Wie beurteilen Sie den Umstand, dass Dobrindt die Schotten dicht macht und damit, so lautet ja Ihr Vorwurf, die Standorte München und Frankfurt sowie die Lufthansa vor der arabischen Konkurrenz schützt, die massiv von ihren Regierungen unterstützt wird?
Die Lufthansa hat das – aus ihrer Sicht nachvollziehbare – Interesse, auch mit Hilfe der Politik, Wettbewerber aus dem Gebiet zwischen Frankfurt, München und Zürich fernzuhalten. Genau dort liegt Stuttgart. Dabei war sie in der Vergangenheit erfolgreich. Ich erinnere an den Star-Alliance-Partner United Airlines, den sie mit so günstigen Angeboten nach New York über die drei genannten Flughäfen unterboten hat, dass er den Stuttgart-Flug mangels Rendite eingestellt hat.
Vermuten Sie, dass es der CSU-Minister als Auftrag versteht, den Standort Bayern gegen die schwäbische Konkurrenz zu verteidigen?
Dank der Direktverbindung nach Abu Dhabi haben wir in diesem Sommer viele Araber in Baden-Württemberg gesehen, vor allem in Hotels, aber auch in Krankenhäusern, Zahnarztpraxen oder beim Einkaufen – zum Beispiel beim Breuninger. Was Stuttgart nützt, könnte München schaden. Ein Schelm, der Böses dabei denkt. Denn in Bayern und Hessen dürfen die ausländischen Fluggesellschaften ihre Kontingente weiter aufstocken, während wir davon nichts abbekommen. Emirates Airline möchte seit 2006 eine Verbindung zwischen Stuttgart und Dubai, und bekommt sie nicht.
Die Hoffnung, dass sich im Falle Etihad bis Mitte Januar was einrenkt, haben Sie nicht mehr?
Allein, dass man ein solches Datum mitten in der Flugplanperiode angekündigt hat, sehe ich als bedrohliche Situation. Die Chance, dass es noch Verhandlungen gibt, die auch erfolgreich sind, ist sehr klein. Die Bedingungen, die bisher in den bilateralen Verhandlungen eine Rolle spielten, werden die Vereinigten Arabischen Emirate nicht erfüllen können.
Buchungen werden also nur noch bis zu diesem Fristende angenommen?
Die Airline bucht schon über diesen Termin hinaus. Sie trägt nun aber das Risiko, dass sie Flüge absagen, umbuchen oder stornieren muss.
Was würden Sie dem Bundesverkehrsminister gerne persönlich sagen?
Dass der Luftverkehr in der Zuständigkeit der Länder liegt. Es ist traurig, dass der Bund über Länderinteressen hinweg entscheiden kann. Das sage ich deshalb, weil unser Ministerpräsident und viele aus anderen Bundesländern die klare Meinung haben, dass die momentane Arbeitsteilung nicht in Ordnung ist.
Wenn also nicht mehr nach Abu Dhabi, dann wenigstens irgendwann von Stuttgart nach Dubai mit dem sechstgrößten Flughafen?
Laut Vertrag zwischen den Vereinigten Arabischen Emiraten und Deutschland darf Emirates vier Flughäfen beliebig oft anfliegen. An eine Ausweitung ist seitens der Bundesregierung nicht gedacht, jetzt soll sogar die Zahl der Bewegungen gedeckelt werden. Deshalb werden die Verhandlungen scheitern. Dann fliegen die Araber eben öfter nach Frankfurt und München, aber eben ohne Vorteil für Baden-Württemberg.
Dann wird es mit Ihrem zweiten Wunschziel, einer Verbindung nach China, wohl auch nichts werden, denn dafür gelten dieselben Einschränkungen.
Wir wollen an die großen Flughäfen dieser Welt angebunden sein, damit unsere Passagiere mit möglichst nur einmaligem Umsteigen ans Ziel kommen. Deshalb die klare Ansage: China ist ein Wunschziel. Dabei haben wir die volle Unterstützung der Landesregierung, aber auch von Daimler, Porsche, Bosch oder Hugo Boss. In China gibt es für uns zwei starke Märkte – Peking und Shanghai – sowie vier große Airlines. Es ist ein Unding, dass wir in China Flugzeuge verkaufen und gleichzeitig ein Schild dabeihaben, auf dem steht: Fliegt aber bitte nicht nach Deutschland. Chinesische Flugverbindungen wären auch deshalb wünschenswert, weil es dann Wettbewerb gäbe. Wenn nur ein Unternehmen fliegt, bezahlt der Passagier unverhältnismäßig viel Geld.
Wenn das richtig ist, warum lässt Ihnen die Konkurrenz die Verbindung mit Delta nach Atlanta, dem größten Flughafen der Welt?
Wenn es eine Chance gäbe, uns diese Verbindung zu kappen, wäre sie längst gekappt. Aber sie hat bei uns den höchsten Sitzladefaktor aller Gesellschaften im Linienverkehr. Ich sehe eher die Chance, dass wir noch größeres Fluggerät bekommen oder eine zweite Verbindung, womöglich sogar zum Flughafen New York.