Fluglärm in Frankfurt Mit Maßanzug und Trillerpfeife
Stefan Geiger, 01.02.2012 09:01 Uhr
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Anschwellender Widerstand: montägliche Demo im Terminal 1 des Flughafens Foto: dpa
Anschwellender Widerstand: montägliche Demo im Terminal 1 des Flughafens Foto: dpa
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Frankfurt a. M. - Das Schlesische Viertel ist der Killesberg von Mainz. Dort wohnen - wie in dem Stuttgarter Viertel - die besseren Stände, Akademiker, Universitätsangehörige. Die ältesten Einfamilienhäuser aus den 30er Jahren sind in großzügigen Grundstücken noch verhältnismäßig klein, die späteren größer. Bis Ende Oktober 2011 war es hier sehr, sehr ruhig. Im Schlesischen Viertel werden trotz der neuesten Entwicklung noch die zweithöchsten Immobilienpreise der Stadt gezahlt.

Zwischen den alten Gebäuden stehen inzwischen Designerhäuser oder -anbauten - so wie bei Jochen Schraut. Er ist Architekt und hat hinter der voll verglasten Fassade auch sein Büro. Aber Jochen Schraut hat keine reine Freude mehr an seinem Schmuckstück. Er ist am 21. Oktober "aus dem Bett gefallen", als das erste Flugzeug über sein Grundstück hinweg die neue Landebahn Nordwest des Frankfurter Flughafens angesteuert hat: "Wir wussten nicht, was kommt."

Protestzug durch den "First Class Check-In"

Danach hat Schraut mit anderen die "Initiative gegen Fluglärm Mainz Oberstadt" gegründet. Sie hat heute mehr als 1500 Mitglieder. Und das ist nur eine von rund 70 Initiativen, die sich zum Bündnis gegen den Flughafenausbau zusammengeschlossen haben. Am Montag haben sie wieder einmal, wie jeden Montag, im Frankfurter Flughafen protestiert. Tausende sind gekommen, 2400 nach Angaben der Polizei, mehr als 4000 nach Schätzungen der Veranstalter.

Da wird es eng und laut in der sonst so weitläufigen Abflughalle B des Terminal 1. Und der Protestzug auch durch den "First Class Check-In" der Lufthansa dauert lange. Die Veranstaltung verläuft, wie stets, friedlich. Dass dort überhaupt demonstriert werden darf, verdanken sie dem Bundesverfassungsgericht. Bis zum vergangenen Jahr glaubte der Flughafen irrtümlich, dort das uneingeschränkte Hausrecht zu haben. Jetzt sei, sagt Ingrid Kopp, die Pressesprecherin des Bündnisses, die Zusammenarbeit mit der Polizei problemlos.

Die Veranstalter verkünden immer zu Beginn die Auflage des Ordnungsamtes, keine Vuvuzelas oder andere Lärminstrumente zu nutzen. Das ist ihre Pflicht. Und die Masse antwortet mit einem lauten Konzert aus Trillerpfeifen, Trommeln und selbstgebauten Instrumenten. Die Verantwortlichen des "Fraport", die sich ganz im Hintergrund halten, und die Politiker, die gar nicht da sind, würden das alles wohl dennoch als eine etwas lästige Form der Brauchtumspflege abbuchen, würden sich hier nur die üblichen Verdächtigen versammeln.

Die Frankfurter Wutbürger

Unter den Demonstranten sind aber auffällig viele elegant gekleidete Teilnehmer, denen man ansieht, dass zu ihren frühzeitig eingeübten Sozialkompetenzen nicht das Anfertigen von Protestplakaten, die Nutzung von Trillerpfeifen und das Skandieren schlichter Parolen zählte: "Fraport weg". Viele Rechtsanwälte, Ärzte, Selbstständige sind mit dabei. Hier tragen sie umgestülpte Eimerchen auf dem Kopf und halten Transparente, auf denen der Fluglärm meist mit "Terror" oder der "Hölle" gleichgesetzt wird.

Es sind einzelne einfallsreiche Plakate darunter, beispielsweise eine gelungene Imitation von Munchs "Schrei", und einzelne unsägliche, beispielsweise eine Analogie des "Tiefflugterrors" mit "Kinderschändung". Es gibt ein neues Schlagwort für diese Demonstranten: "Wutbürger". Diese Wutbürger beispielsweise aus dem Frankfurter Stadtteil Sachsenhausen haben bisher der CDU in Hessen zu ihrer Mehrheit verholfen.

Heute halten sie alle Politiker für Verräter. Nur deshalb sind Hessens Ministerpräsident Volker Bouffier und seine Mannen so nervös und in der Fluglärmfrage beweglich geworden. Im März steht die Oberbürgermeisterwahl in Frankfurt an. Rund um Frankfurt geht es nicht um den Juchtenkäfer, sondern um Lärm, der, wenn sie nicht wegziehen, überschlägig 800.000 Menschen tendenziell bis zu ihrem Lebensende stören wird. Wobei alles im Leben relativ ist.

Kommentare (12)
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FEB
02
GBorn, 23:33 Uhr

Ein paar Korrekturen/Anmerkungen

Zitat "Ist kein anderes Störgeräusch vorhanden, wirkt die plötzliche Stille schreiend. In diesem Augenblick begreift man, was vorher war." Sorry, aber mehr Zynismus geht wohl nicht. Ich habe jedenfalls noch niemals eine "schreiende Stille" wahrgenommen, sondern diese als "wohltuende Stille" (endlich Ruhe) wahrgenommen. Und bezüglich "Ein Lastwagen verursacht bis zu 90 Dezibel. Ab einer Dauerbelastung von mehr als 60 Dezibel gibt der Flughafen in den am stärksten vom Lärm betroffenen Gemeinden einen - gestaffelten - Zuschuss zum Einbau von Lärmschutzfenstern." Der Lastwagen verursacht ein EINZELSCHALL-Ereignis. Die "Dauerbelastung" von mehr als 60 Dezibel sind ein gemittelter Wert. Von daher nicht vergleichbar! Einzelschallereignisse von Flugzeugen können durchaus 75, 80 und mehr dBA annehmen. Zitat: "Aber die Aktivisten wissen natürlich, dass den Menschen, die 500 Meter rechts oder links vom Lärm wohnen, das ganze Thema ziemlich gleichgültig ist, ..." Auch hier empfehle ich etwas mehr Recherche und ggf. einen Blick in ein Physikbuch. Ich wohne weit abseits des Flughafens - und je nach Windlage höre ich Maschinen, die 3-4 km abseits in 2 km Höhe starten durchaus deutlich (mit bis zu 72 dBA). Im Übrigen empfehle ich einfach einen Blick in die Flugspurkarten des privat initiierten Deutscher Fluglärmdienst (www.dfld.de). Da lässt sich erkennen, das abseits der direkten Anfluggrundlinien (wohl vom Reporter als "abseits vom Lärm" interpretiert) weite Teile des Rhein-Main-Gebiets - von Bad Kreuznach bis weit ins Main-Kinzig-Tal verlärmt werden. Und da wird nicht "schienengleich" geflogen, sondern es werden riesige Gebiete ("abseits vom Lärm") verlärmt. Bezüglich "so wie es vielen einst gleichgültig war, die jetzt rebellieren, bevor es bei ihnen laut geworden ist. Deshalb ist ein Bürgerentscheid auch kein Thema." Mit "Gleichgültigkeit" stimme ich zu - die Initiativen haben sich im Raumordnungs- und Planfeststellungsverfahren die Hacken abgelaufen - immerhin sind über 100.000 Einwendungen eingegangen - die politisch aber alle vom Tisch gewischt wurden. Beispiele: Ausbau-induzierte Umweltbelastungen (NOx, SOx, Feinstäube)wurden negiert, weil strengere Auflagen bei Verkehr, Industrie und Hausbrand diese Belastungen kompensiere. Lärmberechnungen im Planfeststellungsverfahren wurden getürkt und sind durch Abweichungen der real geflogenen Höhen/Routen Makulatur. Die Wartungshalle für den A380 wurde mit einer bestimmten Größe planfestgestellt und per Gericht bestätigt - obwohl Umweltverbände Alternativen vorschlugen. Als der Bannwald gerodet war (ca. 6 Monate nach dem Gerichtsentscheid) kam Lufthansa zum Schluss, dass die Halle leider nur halb so groß gebaut werden muss (mehr braucht man auf absehbare Zeit nicht). Die Liste von Lug und Trug ließe sich beliebig fortsetzen. Angesichts dieser Sachverhalte: Wieso soll ein Bürger im fernen Nordhessen im Rahmen eines "Bürgerentscheids" eine Entscheidung über die Wohnqualität im Rhein-Main-Gebiet fällen dürfen? Gibt immer noch so etwas wie den Schutz von Minderheiten. Für jede Industrieansiedlung in Nähe von Wohngegenden müssen bzgl. Lärm die Vorgaben der TA-Lärm eingehalten werden. In der Luftfahrt gilt das alles nicht. In diesem Zusammenhang einfach noch eine kleine Zahlenspielerei: Bei der hess. Landtagswahl 2009 lag die Wahlbeteiligung bei 61% (tiefster Wert seit Kriegsende). Fast 40% der "Betroffenen" (nämlich der Wähler) hat die Landtagswahl also nicht interessiert. Und noch eine kleine Rechnung: Die regierende CDU erhielt 37,2% der Stimmen - umgerechnet auf die Gesamtzahl der Wahlberechtigten besitzt die CDU also ein Wählervotum von ca. 22,7%. Wenn ich mir nun ins Gedächtnis rufe, dass da Leute Woche für Woche (vom Kinzigtal über Mainz/Wiesbaden bis nach Rheinland-Pfalz und Rheinhessen) zur Montagsdemo am Flughafen Frankfurt marschieren, dann ist das schon ganz ordentlich. Keiner von denen wird das aus schierer Langeweile tun. Im Gegenteil, ich interpretiere dies als "da ist wohl die Hütte bei denen am brennen".

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FEB
02
Karl Heinz Siber, 08:23 Uhr

@ Blup Blup

Welcher Eisenbahnlärm? Sie fahren wohl nie Zug, oder?

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FEB
01
Kafka, 17:04 Uhr

Endlich passiert etwas - viele gehen auf die Straße! Es lässt sich nicht länger jeder Murks verwirklichen! Unsere Lebensqualität ist viel wichtiger!

Und nicht nur für die 2 oder 3 Wochen, die wir in Urlaub wohin fahren, wo es dann schön ist. Für unsere Lebensqualität brauchen wir unser Umfeld und das Grün der Bäume, auch und gerade der im mittleren Schlossgarten!

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