Forschung Das Märchen vom Gehirnschmalz

Alexander Mäder, 22.11.2012 09:15 Uhr

Stuttgart - Wenn Wissenschaftler mit Laien sprechen, greifen sie gerne auf Metaphern zurück. Das kann sich rächen. Im Science-Fiction-Film „Prometheus“ wird zum Beispiel ein DNA-Strang gezeigt, der – wie man es aus Berichten zur Genetik kennt – aussieht wie eine verdrehte Strickleiter. Doch dann kommen die Aliens – und der Strang färbt sich schwarz! Als naturwissenschaftlich interessierter Zuschauer schüttelt man den Kopf: In der Welt der Moleküle gibt es keine Farben, die dienen nur der Illustration. Ach, würden die Menschen doch nur ihr Gehirn einschalten!

Apropos Gehirn: auch Hirnforscher verzweifeln daran, immer wieder angeblich wissenschaftlich fundierte Theorien widerlegen zu müssen, die gar nichts Wissenschaftliches an sich haben. Die Behauptung, dass Menschen im Durchschnitt nur zehn Prozent ihres Gehirns benutzen würden, gehört dazu. Manche Forscher fragen spöttisch zurück, ob zehn Prozent der Hirnzellen aktiv seien oder alle Hirnzellen zu zehn Prozent? Andere erklären geduldig, dass immer alle Hirnareale mehr oder weniger aktiv sind – selbst wenn man seine Gedanken bloß schweifen lässt. Doch das will offenbar manchen Laien nicht in den Kopf. Sanne Dekker von der Universität Amsterdam hat mit britischen Kollegen Lehrer in beiden Ländern gefragt, ob sie an solche falschen Theorien glauben. Fast die Hälfte tut es – und es sind vor allem die Lehrer überzeugt, die sich stärker für die Hirnforschung interessieren und sich darin auch besser auskennen. Auch andere Thesen, die sich um das fragwürdige Gehirnjogging ranken, sind beliebt.

Um gegenzusteuern schlagen Dekker und ihre Kollegen im Fachmagazin „Frontiers in Psychology“ vor, „die Kommunikation zwischen Wissenschaftlern und Praktikern zu verbessern“. Doch der Psychologe Cedar Riener, der an einem Privatcollege im US-Bundesstaat Virginia arbeitet, geht in seinem Internetblog einen anderen Weg: Er glaubt nicht daran, dass man Laien mit wissenschaftlicher Autorität dazu bewegen kann, ihre lieb gewonnenen Theorien aufzugeben. Dazu sind sie durch Alltagserfahrungen zu gut belegt: Denn wer beobachtet nicht gelegentlich Menschen, die ein wenig mehr aus ihrem Gehirn machen könnten? Wer darauf hinweise, habe im Grunde Recht.