Forschung nach der Schönheit Warum wir manche Dinge mögen – und andere nicht

Von Martin Schäfer 

Wieso empfinden die einen Menschen Mozart als schön, die anderen aber hören lieber Heavy Metal? Wissenschaftler der Max-Planck-Gesellschaft untersuchen die Grundlagen unseres ästhetischen Empfindens.

Was finden Menschen an Musik schön? Und wie äußert sich das? Diesen Fragen gehen die Forscher des Max-Planck-Instituts in Frankfurt nach Foto: dpa
Was finden Menschen an Musik schön? Und wie äußert sich das? Diesen Fragen gehen die Forscher des Max-Planck-Instituts in Frankfurt nach Foto: dpa

Frankfurt - Der Sinn für das Schöne ist zwar streitbar, aber auch messbar. Gut für den Neurolinguisten Matthias Scharinger. Will er doch herausfinden, wer was wann genau schön findet. Und so steht er auf der Bühne und erklärt ­seinem kleinen Publikum, wie es sich verkabeln muss. Denn gleich geben Künstler ein Konzert – und ob das gefällt, soll die Pulsuhr an den Handgelenken der Zuhörer zeigen, ebenso die Elektroden an den Fingern. Sie dienen dazu, die Herzfrequenz und den Hautwiderstand aufzuzeichnen. Denn je nach Gefallen fallen die Kurven steiler oder flacher aus. Obendrein wird das Publikum gefilmt, keine Regung soll verpasst werden.

Es ist ein streitbares Experiment, das die Wissenschaftler im Art-Lab des Max-Planck-Instituts (MPI) für empirische ­Ästhetik in Frankfurt wagen. Gleich treten ein Tenor und eine Pianistin auf die Bühne. Bruck rezitiert zunächst ein Gedicht, dann wird es vertont. Die rund 40 verkabelten Zuhörer müssen während des Stücks auf einem Display ihren Stimmungswert per Fingerzeit dokumentieren. Anschließend wird nach Schulnoten bewertet: War der Text oder der Gesang harmonisch, schön, beruhigend, aufregend oder eher abschreckend? Rund 20 Kategorien haben sich die Forscher ausgedacht.

Das Experiment geht zwei Stunden

Elf Gedichte und Vertonungen aus der Literaturepoche der Romantik trägt der Tenor vor. Dann sind die zwei Stunden, die der Direktor des Instituts, Winfried Menninghaus, für das Experiment veranschlagt wurden, auch schon vorbei. Menninghaus ist einer von drei Direktoren des 2012 in Frankfurt eingerichteten MPI für empirische Ästhetik. Dem Forscher geht es um die Wirkung von Texten. Die Kollegin Melanie Wald-Fuhrmann untersucht, wie Musik wirkt, und MPI-Direktor David Poeppel interessiert sich etwa für die Hirnaktivitäten beim ästhetischen Genuss von Sprache und Musik und wie sich Sprachstrukturen im Gehirn ausbilden.

Der Gedicht- und Liederabend mit romantischen Stücken von Mörike bis Eichendorff soll beispielsweise zeigen, wie sich Text und Musik im Erleben unterscheiden und worauf das zurückzuführen ist. Dabei waren die romantischen Stücke noch einfacher Genuss. Vergangenen November stand Kurt Schwitters „Ursonate“ auf dem Programm. Eine brachiale Mischung aus Urlauten. Ein Sprecher rezitierte die dazu gehörigen „Fümms bö wö tää zää Uu“. Ob das wirklich Gefallen fand?

Zuhörer achten insbesondere auf die Sprachmelodie von Gedichten

„Wir wollten ganz bewusst die semantische Ebene ausschalten; uns also rein auf die Tonebene fokussieren“, sagt der Neurolinguist Matthias Scharinger. Die Forscher vermuten nämlich, dass es in Gedichten nicht nur ästhetische Kriterien wie Versmaß und Reim gibt, sondern auch die Sprachmelodie wie in der Musik eine Rolle spielt. Denn, so Menninghaus, „genau die Gedichte mit ganz spezifischen Eigenschaften der Melodie wurden auch von Komponisten vertont“. Schon Dichter haben also offensichtlich ein Gespür dafür, wie die Organisation der Worte einen Melodie-Effekt ergibt.

Doch das heißt nicht, dass der Mensch bei weniger melodiösen Texten gar nicht reagiert: „Egal, welche Texte wir lesen oder hören – unser Körper schlägt immer aus“, erklärt Menninghaus. In weiteren Teststudien bekommen Probanden daher beispielsweise eine Elektrodenhaube für ein Elektroenzephalogramm (EEG), um Gehirnströme zu messen. Oder es wird mithilfe eines Eye-Tracking-Programms der Blickverlauf beim Lesen oder Filmansehen verfolgt. Bekommen die Probanden beim Hören, Sehen oder Lesen eine Gänsehaut, wird selbst das Aufrichten der Härchen von Mini-Kameras registriert.

Je mehr Tränen fließen, desto größer der ­Genuss

Doch nicht nur die körperlich messbaren Reaktionen sind wichtig. Zu den objektiven Daten gehören auch die subjektiven Erhebungen – meist in Form eines Fragenkatalogs, den die Testpersonen während des Konzert und direkt danach ausfüllen sollen.

Und was hat die Forschung bisher schon ergeben? Eine Fragestellung war, ob sich Freude und Trauer beim Kunstgenuss gegenseitig aufheben. Doch genau das Gegenteil ist der Fall, sagt Menninghaus. Je mehr Tränen fließen, desto größer der ­Genuss. Wesentlich ist das Kriterium des „Bewegtseins“. Ein Kunstkniff, den schon ­antike Rhetoriker kannten – und nutzten.

Interessant war auch das Ergebnis einer Studie zu Trash-Filmen. Beispiel „Sharknado“: Haie fliegen durch die Luft und reißen alles mit sich. Wer schaut sich das an? Die Forschung zeigt: die überdurchschnittlich Gebildeten. Sie waren im Schnitt 35 Jahre alt, gingen ins Theater und in ­Museen. Für sie war „Sharknado“ eine ­gelungene Möglichkeit, sich einen Trashfilm mit ironischer Distanz anzuschauen. Das zeigt: Auch Klischees oder Anspielungen auf bereits Bekanntes und Gesehenes prägen unseren Geschmack. Dieses Vorwissen und Bekannte, auch Familiaritätsprinzip genannt, zählen laut den Forschern zu den wichtigen Einflussfaktoren für den ästhetischen Genuss generell.