Stuttgart - Nur wenige wissen vermutlich, was die junge Frau dazu bewogen hat, an jenem 19. Februar 2011 demonstrieren zu gehen. In den Wochen zuvor war viel geschehen: Menschen haben bei den Protesten ihr Leben gelassen, Regierungschef Ben Ali ist geflohen. Doch auch gegen die islamisch geprägte Übergangsregierung unter Mohamed al-Ghannouchi wird demonstriert, die junge Frau hat sich den Protestierenden angeschlossen. Sie ruft Parolen, reißt die Arme nach oben, schwenkt eine tunesische Flagge. Auf ihrem T-Shirt steht „Tunesien gehört mir und dir und allen.“
Auch der Fotograf Hamideddine Bouali ist vor Ort. Im richtigen Moment drückt er auf den Auslöser – seine Aufnahme der jungen Frau hat er „Sieg Tunesiens“ genannt, sie ist heute ein Symbol für die Revolution.
Eigentlich wollte Bouali ein „netter Fotograf“ sein. Er hatte den ersten Fotoclub von Tunis gegründet, Fotografie gelehrt. Er bildet hauptsächlich das Leben auf den Straßen mit allen Facetten seines Heimatlandes ab. Mit Beginn der Revolution ließ Bouali andere Bilder sprechen. In seinem Foto-Weblog zeigte er Fotos von Rauchwolken, bewaffneten Sicherheitskräften, Stacheldraht, Särgen, jubelnden Demonstranten.
Diese Arbeit war gefährlich. Im Januar wurde der deutsch-französische Fotograf Lucas Mebrouk Dolega von einer Tränengasgranate getroffen und tödlich verletzt. Auch Hamideddine Bouali hat buchstäblich in den Lauf eines Tränengasgewehrs fotografiert. Doch er ließ sich nicht abhalten. In Interviews hat er seine Arbeit mit der eines Chirurgen verglichen – beide könnten es sich nicht leisten, von Emotionen überwältigt zu werden.
Ist es noch Frühling oder sogar schon Winter?
Seine Bilder haben den 50-jährigen weltweit bekannt gemacht: Auf Betreiben des Goethe-Instituts wurden sie erst in Tunesien, dann in London, Washington und Berlin ausgestellt. Die Medien berichteten über ihn. Von Freitag an machen der Fotograf und seine Bilder Station in Stuttgart. Organisiert wird die Ausstellung vom Verein der tunesischen Akademiker in Stuttgart (VTAS). Houssem Ben Abderrahman vom VTAS erklärt: „Aus dem Rathaus hat uns Frederic Stephan von der Abteilung Außenbeziehungen gefragt, ob wir das nicht übernehmen möchten.“ Ben Abderrahman sieht die Ausstellung auch als Zwischenfazit: „Demnächst jährt sich der Rücktritt und die Flucht von Ben Ali. Diese Phase der Revolution ist vorüber.“
Nun stünde Tunesien vor neuen Herausforderungen: Die mannigfachen politischen Richtungen müssten sich zusammenraufen, um eine neue Verfassung auszuarbeiten. Auch die weiteren Staaten des „arabischen Frühlings“ befänden sich im Umbruch. „Manchmal ist nicht klar“, sagt Ben Abderrahman, „ob es noch ein Frühling ist oder sogar schon Winter.“
Vernissage Die Ausstellung Revolution auf Tunesisch“ wird am Freitag, 13. Januar, um 18.30 Uhr im Foyer des dritten Obergeschosses im Stuttgarter Rathaus eröffnet. Der Fotograf Hamideddine Bouali wird zur Vernissage persönlich anwesend sein. Boualis Bilder sind bis zum 3. Februar montags bis freitags von 8 bis 18 Uhr zu besichtigen.

Vereinswegweiser der