Fotowettbewerb Die neue Freiheit im Umgang mit dem Knast

Von Georg Linsenmann 

Die Preisvergabe zum JVA-Fotowettbewerb des Bürgervereins Stammheim stieß auf große Resonanz. Ganz und gar unumstritten war Siegerfoto von Sylvia Friedt.

Der Bürgervereinsvorsitzende Martin Hechinger bei der Preisvergabe in  der Stadtteilbücherei. Foto: Linsenmann
Der Bürgervereinsvorsitzende Martin Hechinger bei der Preisvergabe in der Stadtteilbücherei.Foto: Linsenmann

Stammheim - Eilig hatten es die Besucher der Preisvergabe in der Stadtbücherei nicht. Und selbst wenn sie es eilig gehabt hätten an diesem Abend, wären sie beim Aufstieg ins Obergeschoss unwillkürlich irgendwo im Treppenhaus hängen geblieben. Denn allzu augenfällig ist die Anziehungskraft der Fotos, die der vom Bürgerverein ausgelobte Wettbewerb „Die JVA im Ortsbild von Stuttgart-Stammheim“ gezeitigt hat.

Mal lagert die gesamte Anlage wie eine geschlossene Zitadelle am Rande von Stadtteil und Gemarkung, mal lässt der Gebäudekomplex den Ort im Vordergrund wieder zum Dorf schrumpfen oder gönnt ihm fast eine identische Traufhöhe. Mal erscheint er gar kleiner als ein hochgestapelter Anhänger mit Stroh oder wird von der elegant von Horizont zu Horizont sich schaukelnden Solitude-Allee lässig links liegen gelassen. Dazu dramatische strukturelle Verdichtungen oder faszinierende atmosphärische Momentaufnahmen, bei Sonne und Schnee, bei Tag und Nacht und Nebel. Nichts, was nicht originell und interessant erschiene. Alles eben eine Frage des Standortes und des Standpunktes in Sachen „Stammheim und Knast“. Ganz offensichtlich ein Thema, das nicht kalt lässt. Ja, ein übermächtiges Thema, an dem weder Selbst- noch Fremdwahrnehmung vorbeizukommen scheinen.

150 Arbeiten eingereicht

Eine Standortbestimmung betrieb auch gleich Martin Hechinger, Vorsitzender des Bürgervereins, bei Einführung und Begrüßung. Ein „sperriges Thema“ nannte er die Wettbewerbsaufgabe in seiner so launigen wie inspirierend-kenntnisreichen Ausführungen. Begeistert war er nicht nur vom spürbaren Interesse des zahlreichen Vernissagenpublikums mit viel amtlicher, gar ministerialer Beteiligung, sondern auch von den Ergebnissen des Wettbewerbes: „Es zeigt, dass wir mit dem Thema selbstbewusst umgehen. Und mit Humor. Es zeigt aber auch, dass wir in Stammheim wahrnehmen, was hier geschieht – und dass wir uns einmischen.“ Bis hin zur aktuellen Debatte um die bauliche Transformation der „Justizvollzugsanstalt“. So stellte Hechinger fest: „Das ist nicht nur Beton und gebauter Stein, das ist Geschichte.“

Mit Spannung wurde dann die Bekanntgabe der Siegerfotos erwartet. 42 Akteure hatten insgesamt 150 Arbeiten eingereicht, sieben davon wurden mit Preisen belohnt. Jury-Mitglied Boris Miklantsch oblag es, die prämierten Fotos vorzustellen und mit knapper Bildanalyse die Auswahl transparent zu machen. Knapp das „Thema verfehlt“ hatten zwar Thomas Hoffmann und Helge Fischer. Dennoch wurden ihre Bilder als „herausragend“ bewertet und mit Sonderpreisen versehen. Zwei fünfte Preise gingen an Antonin Kafka und Stefan Kettner, der vierte Platz an Ulrich Behrend, der dritte an Uta Ostertag. Den zweiten Platz errang Viola Hilbing für eine Gegenlichtaufnahme entlang der Solitude-Allee.

Was mit JVA, RAF und Knast an Stammheim klebt

Als ganz und gar unumstritten dürfte das Siegerfoto von Sylvia Friedt gelten. Eine räumlich hoch verdichtete Aufnahme im sonst nur noch zweimal genutzten Hochformat. Im Vordergrund links ist ein Geschossbau zu sehen, rechts ein wenig Rasen, Baumbestand und angrenzende Siedlung. Alles im Schatten. Und im oberen Bildviertel zeigt sich der Zentralbau im warmen Abendlicht. Was wie ein lastender, symbolträchtiger Gegensatz wirken könnte, wie Licht und Schatten eben, findet in dieser Arbeit aber zu einer überraschenden Synthese. Etwa im Zusammenklang delikater Ockertöne.

Zwischendurch hatte Klaus Jan Philipp, Architekturgeschichtler von der Uni Stuttgart, eine Geschichte der „Architektur der Strafe“ skizziert, ein abendfüllendes Thema für sich. Evident ist hier die Parallelität zur allgemeinen Baugeschichte. Auf offene Ohren stieß seine Empfehlung, entspannt anzunehmen, „was mit JVA, RAF und Knast an Stammheim klebt“. Sein Schluss: „Andere Städte kennt man gar nicht. Stammheim aber ist Teil der BRD-Geschichte.“ Da war er ganz bei Martin Hechinger und der neuen Freiheit im Umgang mit dem „Stammheim-Komplex“ und der „Knast“-Etikette: Ernst und höhere Bedeutung, gepaart mit Witz und Ironie: „Hier sitzen Sie gut.“ So dürfte auch beim Abgang durchs Treppenhaus ein Hechinger-Satz zur Ausbeute des Wettbewerbes nachgeklungen haben: „Davon werden wir noch lange etwas haben.“

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