Fellbach
 
Frauen hängen wieder an der Nadel
"Fellbach und Rems-Murr-Kreis", 28.09.2011 02:46 Uhr
Oeffingen. Von wegen Großmütterchen hinterm Ofen - Stricken und Häkeln erleben ein Revival bei jungen Frauen. Von Brigitte Hess

Selbstgestrickt - bei diesem Begriff scheiden sich die Geister. Während die eine leuchtende Augen bekommt, denkt die andere an Fleißarbeit und altbackene Schlabberpullis mit kleinen Fehlern. Mit dem Stricken und Häkeln ist es wie mit vielem anderen : Mal ist es total "in", mal blüht es nur noch im Verborgenen.

Die letzte Glanzzeit erlebte das Nadelgeklapper in den 80er Jahren. Studenten in der Vorlesung und sogar grüne Abgeordnete im Bundestag ließen fleißig die Nadeln sausen, während der Kopf frei blieb fürs konzentrierte Zuhören. Selbstgestrickte Schals und Pullis gehörten zum persönlichen Kleidungsstil.

Über zwanzig Jahre lang wirkte die strickende Fraktion dann eher im Stillen. Doch die Handarbeit blieb eine Leidenschaft von Frauen: "Ich habe immer gestrickt und Handarbeiten gemacht - man schafft was individuelles", sagt Angelika Tabery, die mit ihrer Freundin Julia Djuga das neu eröffnete Oeffinger Wollcafé inspiziert. Dort hat sich Susanne Gehling nach 25-jähriger hektischer Arbeit im Messegeschäft einen Traum verwirklicht. Die 50-Jährige bekam in der Schule von Nonnen das Handarbeiten beigebracht. Das hat sie, wie sie sagt, voller "Angst und Schrecken" und belohnt mit Note Fünf in Erinnerung. Trotzdem blieb sie an der Nadel hängen. Auch sie gehörte zu den strickenden Studentinnen der 80er Jahre und entdeckte vor einigen Jahren ihre Woll-Lust wieder. "Aber gut sortierte Wollfachgeschäfte sind eine Seltenheit geworden", so begründet sie ihren Entschluss, dies zumindest in Oeffingen zu ändern.

Stricken liegt nicht nur in Oeffingen, sondern weltweit wieder im Trend. Seit etwa drei Jahren haben Strickerinnen auch das Internet erobert und präsentieren ihre Erfahrungen in mehreren Foren. "Das ist aus den USA rübergeschwappt, und seither kommt auch bei jüngeren Frauen wieder die Lust aufs Stricken auf", sagt Susanne Gehling. In den USA wird stricken als das "neue Yoga" gehandelt, es baue Stress ab und wirke Blutdruck senkend, fanden Forscher der Harvard Medical School nach eigenen Angaben heraus. Die Wissenschaftler meinen, das liege am rhythmischen Klappern der Nadeln, das einem beruhigenden Mantra ähnle. Während der Verstand sich auf die Arbeit konzentriere, könnten die Gedanken zur Ruhe kommen. Zudem seien Handarbeiter glücklicher, empfänden ihr Leben als sinnerfüllt und gingen Aufgaben zielstrebiger an.

"So ein Quatsch. Stricken macht einfach Spaß, und bevor man die nötige Routine hat, regt es vielleicht sogar eher auf", sagt Julia Djuga, die im Stuttgarter Stricktreff organisiert ist und auch für wohltätige Zwecke mit den Nadeln klappert.

Birgit Läpple-Held von der Fellbacher Freiwilligenagentur Baff erlebte, wie gerne gestrickt wird, als sie zur wollenen Mini-Söckchen-Produktion zugunsten der Bürgerstiftung aufrief: "Uns wurde die Wolle förmlich aus den Händen gerissen". Auch viele Fellbacherinnen stricken und filzen regelmäßig für gute Zwecke, beispielsweise für Basarveranstaltungen wie die Fröhlichen Gemeindenachmittage, wo die Socken, Filzschuhe und Spieltiere zugunsten des Evangelischen Vereins verkauft werden.

Susanne Gehling bietet in ihrem Oeffinger Geschäft nicht nur Wolle an mit allem was dazu gehört, sondern lädt die Frauen ein, sich bei Latte Macciato oder Apfelsaft auszutauschen und zu fachsimpeln, eben ein Woll-Café. "Mir ist die soziale Komponente wichtig, Donnerstagabends ist bei mir open-end, da sind oft zehn und mehr Strickerinnen da". Dass Stricken erneut im Trend ist, hat Gabriele Konrad bislang nicht verspürt. Die Korberin bot über die Volkshochschule Unteres Remstal schon zwei Mal Strickkurse an, mit mäßigem Erfolg. "Vielleicht lag es auch daran, dass wir uns in einem tristen Klassenzimmer trafen", überlegte sie. In diesem Herbst bietet sie Strickerfahrungen über die VHS in einem Korber Café an. Ab Oktober finden an jedem zweiten Dienstagabend die Treffen statt. "Ich bin gespannt, wie das diesmal ankommt", sagt Gabriele Konrad.

Alexandra Burkhardt braucht jedenfalls nicht mehr motiviert zu werden: "Ich bin schon immer Strickerin, und seit sieben Jahren häkle ich - zum Beispiel kleine Feuerwehrautos, die ich dann auf Flecken im T-Shirt meines kleinen Sohnes nähe", sagt die Fellbacherin.

Info: Ein internationales Forum für Strickerinnen ist www.ravelry.com.

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