Freiburg schafft bekannte Straßennamen ab Im Dickicht der Straßennamen

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In Zukunft wird es ohne Hindenburg und Heidegger gehen müssen: Freiburg schafft ein paar belastete Namengeber für Plätze und Wege ab und hatte deswegen eine Historikerkommission beschäftigt. Über deren methodische Ansätze freilich lässt sich auch ein wenig streiten.

Mit Martin Heidegger ist kein Straßennamenstaat mehr zu machen Foto: ullstein bild
Mit Martin Heidegger ist kein Straßennamenstaat mehr zu machenFoto: ullstein bild

Stuttgart - Eine Heinrich-Heine-Straße finde ich wirklich ganz überflüssig, weil sinnlos in Meßkirch“, schreibt der Philosoph Martin Heidegger am 31. Juli 1945 – als ob es gerade nicht Dringlicheres gäbe – an den fünf Jahre jüngeren Bruder Fritz, Bankkaufmann und zudem Martins lebenslanger Transkribent und Korrektor. Das Verhältnis der Brüder zueinander konnte man – bevor die „Schwarzen Hefte“ und jetzt gerade die Briefe aus dem Nachlass erschienen sind („Heidegger und der Antisemitismus“, Herder Verlag Freiburg) – interessant finden: auf der einen Seite der kleine, praktische Daseinserklärer (Fritz), auf der anderen der große, nebulöse Seinsdeuter (Martin).

Tatsächlich aber hat Martin Heidegger, wie man nun endgültig weiß, über die Behaglichkeitskorrespondenz hinaus nie aufgehört, den gegenüber den Faschisten lange resistenten Bruder zu agitieren. Martin Heidegger wetterte auf unterstem Niveau gegen den Bolschewismus, die Juden und den Amerikanismus auch dann noch, als er 1934 nicht mehr Freiburger Universitätsrektor war, wo er „Größe und Herrlichkeit“ Adolf Hitlers sehr gerne hatte Gestalt annehmen sehen. Parteimitglied (Eintritt 1933) blieb Heidegger bis Kriegsende. Teils rehabilitiert wurde er als Emeritus erst 1957.

Würdigung vor der Haustüre

Im Jahr 1981, fünf Jahre waren nach Martin Heideggers Tod vergangen, wollte der damalige Freiburger Oberbürgermeister Dr. Gerhard Graf trotz alledem wenigstens ein Wegle nach Heidegger benennen. Eine Würdigung vor der Haustüre im Rötebuckweg hatte dessen Witwe, Elfride, geborene Petri (eine noch glühendere Nazisse), abgelehnt. So wurde es ein kleiner Pfad in Freiburg-Zähringen, der bis heute nach dem Philosophen heißt.

Nun aber steht, wie berichtet, dieser Name zur Disposition. Der Freiburger Stadtrat wird wohl der Empfehlung einer Historikerkommission unter dem Vorsitz von Bernd Martin (ehemals Direktor des Historischen Seminars) entsprechen. Die Kommission hat 1300 Straßennamen in Freiburg geprüft, legte „historische, politische und ethische Maßstäbe“ an und schlägt Umbenennungen vor. Das ist so ungewöhnlich nicht. Auch andere Städte plagen sich mit ihren, pars pro toto, Hindenburgstraßen.

Bei Heidegger argumentiert die Kommission freilich ein bisschen merkwürdig. Im fast 100-seitigen Abschlussbericht heißt es, dass der Straßenname vergeben worden sei (1981, siehe oben), als eine „kritische Auseinandersetzung“ wegen der „gesperrten Akten im Universitätsarchiv noch nicht begonnen“ hatte. Dass Heidegger als Rektor den Anspruch entwickelte, „den Führer geistig führen“ zu wollen, wusste man freilich auch ohne Akten und „Schwarze Hefte“. Es hatte sich, vereinfachend gesagt, das Bild des von vielen angebeteten Orakels Heidegger vor die Wirklichkeit geschoben. Aus der Theorie wurde Praxis: das Seiende war – in der ontologischen Differenz – nicht das Sein beziehungsweise sollte es nicht sein.

Was nun schlägt die Kommission vor? Sie plädiert für die Umbenennung des Martin-Heidegger-Wegs in: Philosophenweg. Mittels eines Zusatzschildes könne, heißt es, dann sowohl auf Heidegger wie auch auf seinen Kollegen Edmund Husserl und dessen Assistenten Jonas Cohn (1869-1947) verwiesen werden, der, obwohl der jüdischen Religion als Neukantianer denkbar fernstehend, von Heidegger eiskalt vorzeitig in den Ruhestand versetzt wurde. Rubriziert als Philosophen kämen sie so noch einmal zusammen. Will man das?

Hilflos anmutende Lösung

Die ein wenig hilflos anmutende Lösung hat nicht zuletzt damit zu tun, dass die Kommission zwar versucht hat, Kategorien für eine historisch angemessene Bewertung ehemals vergebener Namen zu finden, am Ende jedoch bei der jeweiligen Einzelfallbewertung angekommen ist. Manchmal tut man sich da leicht. Die Umwidmung der Rennerstraße (Johann Jakob Renner, Hexenjäger) in Friedrich-von Spee-Straße (Spee schrieb, als entschiedener Verbrennungsgegner, die „Cautio criminalis“) liegt auf der Hand. Sepp Allgaier, Leni Riefenstahls Kameramann bei „Triumph des Willens“, muss ebenso nicht mehr sein wie Ludwig Aschoff, der völkisch-rassistisch gestrickte Pathologe. An Ersatz, zumeist sind es die Geschädigten der Geschichte, mangelt es nicht, und es ist allemal das Recht einer demokratisch organsierten Kommune, nur Straßennamen ehrenhalber aufrecht zu erhalten, zu denen sich noch ein sinnvoller Bezug herstellen lässt.

Die bisher bundesweit minutiöseste Untersuchung offenbart aber auch etliche Zwickmühlen des Verfahrens, das im Zweifelsfall im Dickicht der Straßennamen mit längeren Verweisen auf Zusatztafeln arbeiten will. Demnach wäre Johann Gottlieb Fichte, der in der Kurzbiografie der Freiburger Kommission sich „als Philosoph mit der Wissenschaftslehre“ auseinandergesetzt hat – in Wahrheit hat er sie, „Versuch einer Darstellung der Wissenschaftslehre“, ein epochales Buch, 1797/98 geschrieben – ein „Nationalistischer Philosoph und erklärter Gegner Frankreichs“. Wirklich? Was für eine Philosophie man wähle, hänge, dachte Fichte, davon ab, was man für ein Mensch sei. Auf dem Straßennamenetikett (oder auf der Smartphone-App) jedenfalls schnurrt der problematische Mensch und Denker Fichte zusammen auf eine pejorative Wendung: Nationalist. Welschenfeind obendrein. Was also soll uns noch Fichte, könnte man fragen?

Fichtes Gedanken markieren, könnte man fahrlässig knapp antworten, immer noch den Beginn des deutschen Idealismus, in dem das absolute Ich allmählich die Selbstbezogenheit hinter sich lässt, um der Freiheit des göttlichen Seins teilhaftig zu werden. Das freilich passt so leicht nicht auf eine Ergänzungstafel. Jede Verkürzung birgt halt auch immer ein halbes neues Missverständnis in sich.

Demokratische Streitkultur

Eine Diskussion über den Bericht, „und sei sie noch so heftig“, gehöre zur „demokratischen Streitkultur“ in Freiburg. In diesem Sinne verbleibt die Kommission, und sie weiß, wovon sie redet. Betroffene Anlieger pflegen Umbenennungen in der Regel vehement zu widersprechen, was dazu führt, dass beispielsweise in Münster erst die ganze Stadt abstimmen musste, bis es gelang, den Namen Hindenburg loszuwerden. Andererseits: reden wir ruhig über Menschen, deren Vorbildcharakter einst unumstritten schien, heute aber mindestens zweifelhaft geworden ist. Wir erfahren derart mehr über unser aller (Gemein-)Wesen. Wäre einem, statt Jacob Burckhardt (Historiker, tendenziell antisemitisch) David Bowie (Sänger, mit Tendenz zum Oberflächen-Recycling faschistischer Symbolik) lieber? Andererseits: Was werden unsere Enkel dazu sagen?