Freiluft-Gastronomie Milde Lüfte ziehen Gäste ins Freie
Matthias Ring, 30.04.2010 16:02 Uhr
 Foto: dpa
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Stuttgart - Der bisher wärmste Tag des Jahres hat am Donnerstag wohl bei manchem Wirt ein erleichtertes Aufatmen an frischer Luft ausgelöst. Denn von Amts wegen hat die Open-Air-Saison in der Gastronomie bereits am 1. März begonnen. Allerdings hatten die Wirte wegen des Wetters in den ersten Wochen so gut wie nichts von ihrer Investition. Denn für ihre Plätze unter freiem Himmel müssen sie zahlen. Der Trend zur Außenbewirtung sei aber ungebrochen. "Das Ausgehverhalten hat sich verändert. Man ist südlicher geworden und zeigt sich gerne", sagt Stefan Braun, der Leiter der Gewerbe- und Gaststättenbehörde. In den vergangenen Jahren habe man je rund 500 Außenkonzessionen neu vergeben, nur zwischen 10 und 25 pro Jahr seien abgelehnt worden. Wenn, dann kommen dafür als Gründe Sicherheit, Verkehr und Nachbarschaft infrage. Ein anderes Problem sei, dass manche Wirte ihre Tische und Stühle über die bezahlte Fläche hinausrückten. Braun spricht von Übertretungen bis hin zum Doppelten, für regelmäßigere Kontrollen reiche aber das amtliche Personal nicht aus.

Nichtsdestotrotz erwische man hin und wieder systematische Grenzüberschreiter, was drei Maßnahmen zur Folge haben kann: Bußgelder, Nachberechnungen und als härteste Strafe den Entzug der Straßenbewirtschaftungserlaubnis für Folgejahre, was einem Todesurteil gleichkommen kann. Zumindest sagt der Leiter der Behörde, dass man heutzutage ohne Außenbereich fast nicht überleben könne.

Wirte ohne Freiflächen in der Minderheit


Ist das so? Ein Blick in die Restaurantlisten der Stadt zeigt, dass Wirte ohne Freifläche tatsächlich in der Minderheit sind. Wie berichtet ist das Team aus dem Schwabkeller dieses Jahr in den Golden Adler umgezogen - weil man dort eine Terrasse mit 50 Plätzen anbieten kann. Laue Sommerabende können für Wirtshäuser ohne Außenbereich eben bedeuten, dass der Umsatz mau ist. Im Cube, das in der obersten Etage des Kunstmuseums einen der attraktivsten Standorte der Stadt hat, aber keine Terrasse, will man sich derzeit nicht offiziell äußern. Dabei könnte die O.T.-Bar im Erdgeschoss, die wie das Edelrestaurant ebenfalls zur Rauschenberger Gastronomie gehört, eventuelle Einbußen im Sommer mit ihrem großen Außenbereich ausgleichen.

Auskunftsfreudiger zeigt sich Nina Ruisinger vom Restaurant Tafelberg, in dem an schönen Tagen zwar etwas weniger Betrieb sei, aber man habe sich mit seinen 40 Innenplätzen zwei Sommer gut gehalten. Obwohl man an der B 27 liegt und schon deshalb keine Frischluftplätze anbieten kann, sei es auch eine prinzipielle Frage. Die Leute kämen, um in Ruhe zu genießen, und apropos mediterran gewordene Schwaben: "Südländer sind eigentlich keine Draußenesser", so die Chefin.

Ähnlich sieht das Roberto Zollino, Inhaber eines der besten Italiener der Stadt. Zwar müsse man im La Scala im Sommer von dem leben, was man "im Winter mühsam zusammengekratzt" habe. Man hätte in der Friedrichstraße, wo sich das Ristorante seit 22 Jahren im ersten Stock befindet, sogar die Möglichkeit zur Außenbewirtung. Aber, so Zollino: "Das ist nicht unser Niveau." Längere Laufwege, lauwarmes Essen, Ungeziefer und Verkehrslärm seien die Kehrseite von Außenplätzen. Zudem wolle er sich nicht wie in der Calwer Straße "von jedem Passanten auf den Teller schauen lassen".

Lärmprobleme treten immer wieder mal auf


Im Gasthaus Grünewald unterhalb des Killesbergs habe man sich laut Inhaberin Anne Hannich inzwischen mit dem Winter dank Hüttenzauber und anderen Aktionen gut arrangiert. Aber das Sitzplatzverhältnis an einem der lauschigsten Flecken der Stadt ist nun mal 50 innen gegenüber 120 draußen. Ähnlich ist das Verhältnis im Café Künstlerbund am Schlossplatz: 80 innen, 200 draußen. Hier hat man sogar eine ganzjährige Konzession für Außenbewirtung, die sich laut Geschäftsführerin Simone Kiedaisch auch lohne. "Wenn morgens um 9 Uhr die Sonne scheint, setzen sich die Leute schon raus." Und das am Wochenende bis 3 Uhr morgens, weil es keinen Ärger mit Nachbarn geben kann.

Anders ist dies am Mozartplatz - zumindest nach Ansicht der Stadt. Ein ums andere Mal habe Claudia Kiebele, Inhaberin von Vetter Essen & Trinken, einen Antrag gestellt, die Außengastronomie zu erweitern, sowohl räumlich als auch zeitlich. Doch Freiraum für Fußgänger und potenzielle Probleme mit Anwohnern, die Kiebele so nicht sieht, sprechen dagegen. Ihre 60 Außenplätze kann sie also nur bis 23Uhr bewirten. Problemzonen sind für Stefan Braun vom Ordnungsamt eher die Bereiche Tübinger Straße, Sophienstraße, Eberhardstraße. Denn natürlich hat das Thema Außenbewirtung häufig zwei Seiten: eine angenehme für die Gäste, eine unangenehme für die Anwohner. Allerdings müsse es zu systematischen Ruhestörungen kommen, "damit die geballte Ordnungsmacht auf den Plan tritt". Stefan Braun beschreibt die Problematik so: "Der Beschwerdeführer sieht erst einmal nichts, denn die Maschinerie läuft im Hintergrund" - und das meist ziemlich langsam.


Zonen: Die öffentlichen Flächen sind in vier verschiedene Wertigkeiten eingeteilt: von 2,10 beziehungsweise 2,50 Euro je Quadratmeter und Monat in der günstigsten Kategorie bis hin zu 4,80 beziehungsweise 6,50 Euro in der sogenannten Zone S in der Innenstadt und vergleichbaren Lagen. Das heißt, bei großen Außenbereichen müssen die Wirte pro Saison fünfstellige Summen an die Stadt zahlen.

Zeiten: Die Open-Air-Saison in der Gastronomie beginnt am 1. März und endet am 31. Oktober, dauert also regulär acht Monate. Generell unterscheidet das Amt für öffentliche Ordnung bei den Preisen nur in eine Konzession bis 23 Uhr und in eine nach 23 Uhr. Ob sich die längere und teurere lohnt, müssen die Wirte gut kalkulieren. Rechenbeispiel: 1,70 Euro Aufpreis in der Innenstadt nach 23 Uhr mal 100 Quadratmeter mal acht Monate macht ein Plus an Gebühren von 1380 Euro pro Saison für eine längere Außenbewirtung.
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