Fußball-EM 2012 Neue Situation: Dänen unter Druck

dapd, 16.06.2012 09:09 Uhr

Lwiw - Sie sind bisher sehr gut gefahren mit ihrer Rolle in der Europameisterschaftsgruppe B. Seit der Auslosung vergangenen Dezember in Kiew war klar: Dänemark ist Außenseiter neben den Mannschaften aus Deutschland, den Niederlanden und Portugal. Zum viel zitierten Leitspruch des Trainers Morten Olsen wurde seither „Die anderen müssen, wir wollen.“ Das nahm jeden Druck. Doch damit ist es jetzt vorbei. Wenn Dänemark morgen in Lwiw auf die deutsche Nationalmannschaft trifft, dann müssen auch die Skandinavier punkten. Am besten dreifach, denn nur in diesem Fall sind sie sicher für das Viertelfinale qualifiziert.

Es sei das „vielleicht schwerste Spiel“, und doch versicherte Olsen, dass sie sich „alle nach wie vor freuen.“ Nach dem überraschenden und etwas glücklichen 1:0 im Auftakt gegen die Niederlande fehlten vergangenen Mittwoch gegen Portugal (2:3) nur drei Minuten. Drei Minuten, die aus einem Punkt keinen gemacht haben, als Silvestre Varela in der 87. Minute die Niederlage für Dänemark besiegelte. „Vor dem Turnier hatten wir auf drei Punkte aus den ersten beiden Spielen gehofft. Vier wären ein Traum gewesen“, sagte Olsen. Mit diesem vierten Punkt aus dem Spiel gegen Portugal hätte den Dänen gegen Deutschland in jedem Fall ein Unentschieden gereicht.

Von Druck oder Anspannung ist zwei Tage vor dem Spiel in Kolberg seltsamerweise immer noch nichts zu spüren. Die mediale Hektik anderer Mannschaften sucht man in dem kleinen und verschlafenen Luftkurort nahe der polnischen Ostseeküste vergeblich. Es gibt keine offiziellen Pressekonferenzen, die Atmosphäre ist locker, sämtliche Spieler und der Trainerstab stehen jeden Tag den wenigen Journalisten ausführlich Rede und Antwort.

„Wir können auch Deutschland schlagen“

Es wird gelacht, es werden Hände geschüttelt. Im Hintergrund kreischen die Möwen, die vom nur wenige Flügelschläge entfernen Hafen Kolbergs einen Abstecher in das kleine Stadion machen, in dem die Dänen seit EM-Beginn trainieren. „Wir sehen jeden Tag das Meer. Das ist wichtig für uns Dänen“, hatte Olsen vor einigen Tagen augenzwinkernd die Entscheidung des Fußballverbandes DBU begründet, das Quartier so weit abseits aller Spielstätten oder anderer Mannschaften zu beziehen.

Schon einmal hatte diese unbekümmerte Art das Team weit getragen. Sehr weit sogar. Vor genau 20 Jahren gewann „Danish Dynamite“ quasi aus dem Urlaub heraus sensationell den Europameistertitel in Schweden, nachdem die Mannschaft ganz kurzfristig für die disqualifizierten Jugoslawen nachnominiert worden war. Im Finale schlugen Brian Laudrup und Co. den amtierenden Weltmeister Deutschland dann mit 2:0. Die Geschichte von damals kenne jedes Kind im Land, versichern dänische Journalisten, und die Älteren, die dabei waren, beten die elf Namen aus dem Finale inklusive der Torschützen nach wie vor auswendig herunter.

Nach dem Auftaktsieg 2012 erhielt der Traum vom zweiten Wunder neue Nahrung. „Wir wussten von Anfang an, dass wir hier für Überraschungen sorgen müssen“, sagte der Stürmer Nicklas Bendtner, „und wir können auch Deutschland schlagen.“ Es sind eher Olsens Spieler, die für den ein oder anderen selbstbewussten Spruch zuständig sind. Dass die Mannschaft nach den Spielen gegen den Vizeweltmeister Niederlande und Portugal überhaupt noch Chancen aufs Weiterkommen hat, hätten die wenigsten Experten erwartet.

Doch der Respekt vor der DFB-Elf ist weiterhin groß

Dennoch ist der Respekt vor der DFB-Elf nach wie vor sehr groß. „Sie sind einer der großen Favoriten hier, das haben sie eindrucksvoll bewiesen“, sagte Olsen. Immer wieder fallen die Namen Schweinsteiger, Podolski, Gomez, Özil und Neuer. Die Deutschen hätten kaum Schwächen, aber viele Stärken, sie seien technisch stark und verfügten in der Offensive über sehr schnelle Spieler.

Diese Sprüche kennen die Dänen inzwischen, nur die Namen werden ausgetauscht. Vor knapp einer Woche war nur von Sneijder, van Persie und Robben die Rede. Kurz danach Ronaldo und Nani. Es gibt nur einen Unterschied, der den Dänen nun etwas zu schaffen macht: Jetzt müssen auch sie – wollen alleine reicht nicht mehr. Und wie sagte der Nationalspieler Christian Poulsen gestern: „Wenn wir in dieser Gruppe weiterkommen wollen, brauchen wir schon ein kleines Wunder.“