G8 in Stuttgart Vor der Schule geht’s ins Schwimmbad

Von Lisa Wazulin 

Bei G8 bleibt kaum Zeit für andere Dinge, oder? Ein Tag im Leben eines Schülers und Sportlers – mit überraschenden Erkenntnissen.

Stuttgart - Wie gewinnt man die Liebe einer Angebeteten? Erobern, anbaggern oder doch gleich heiraten – die Übersetzungsvorschläge für das lateinische Wörtchen „exorare“ sind an diesem frühen Mittwochmorgen abenteuerlich. Während sich viele in der Lateinklasse noch verschlafen die Augen reiben, meldet sich einer freiwillig. Breite Schultern, blonder Lockenkopf und dicke Brillengläser – auf den ersten Blick könnte manch einer Felix Grünwald leicht als Streber abstempeln, der es liebt, sich frühmorgens durch die Verse der Liebeskunst des römischen Dichters Ovid zu quälen. Hinter dem vermeintlichen Strebertum aber steckt etwas anderes – eine eiserne Disziplin. Die braucht der G8-Schüler nämlich, um sich trotz der Paukerei Zeit freizuschaufeln für sein intensives Hobby: das Leistungsschwimmen.

Die letzet G8-Klasse

Der 15-Jährige bildet mit siebzehn Altersgenossen die letzte G8-Klasse des Zeppelin-Gymnasiums, das im Stuttgarter Osten liegt. Die offene Ganztagsschule mit englischsprachigem bilingualem G8-Zug ist eines von drei Stuttgarter Gymnasien, die auch am G9-Modellversuch teilnehmen. Der ist allerdings so beliebt, dass es für jüngere Schüler keine G8-Klasse mehr gibt. „Ich habe G8 gewählt, um mit meinen Freunden in die Klasse zu kommen. Ein Jahr mehr oder weniger macht für mich keinen Unterschied“, erklärt der Zehntklässler, der zu den besten Schülern seiner Klasse gehört. Sein Stundenplan ist voll gepackt, die Tage sind lang. Am bilingualen Unterricht nimmt Felix nicht teil, trotzdem ist bei ihm dreimal in der Woche Nachmittagsunterricht angesagt. Die letzte Schulstunde endet dann pünktlich mit dem Gong um 15.45 Uhr.

Für Felix beginnt dann der spannendste Teil seines Tages: das Schwimmtraining in der ersten Wettkampfmanschaft des SV Region Stuttgart. Acht bis zehn Einheiten absolviert er pro Woche im Inselbad in Untertürkheim und schwimmt so im Schnitt 40 bis 60 Kilometer weit. „Das ist meine Leidenschaft. Manchmal gibt es Phasen, die sehr anstrengend sind. Belastet fühle ich mich aber nicht“, sagt der 15-Jährige, der auch Klassensprecher ist. An manchen Tagen zieht es ihn schon vor Schulbeginn ins Wasser, während sich seine Mitschüler um 6 Uhr morgens noch einmal im Bett umdrehen. Und wenn dann die erste Schulstunde beginnt, hat Felix bereits eineinhalb Stunden im Schwimmbecken verbracht.

Wer krank ist oder fehlt, verpasst viel

An diesem Mittwochmorgen aber hat Felix ausnahmsweise auf seine morgendliche Schwimmrunde verzichtet. Nach 90 Minuten Lateinunterricht und einer kurzen Verschnaufpause folgt nun die nächste Doppelstunde: Mathematik. Lehrer Martin Halbherr lockert seine Klasse mit einem „Warm up“ zu Ableitungen von Funktionen auf.

Um kurz vor 10 Uhr sind dadurch auch die letzten Morgenmuffel aufgewacht. Der Lehrer weiß nur zu genau: Wer im G8-Zug nicht aufpasst oder krank ist, verpasst viel und am Ende vielleicht sogar den Abschluss. Im Lehrplan sei jede Matheeinheit schon durchgeplant. „Jede Stunde muss ich neuen Stoff machen, da bleibt kaum Zeit zum Wiederholen“, sagt der Mathelehrer. Auch sei es im G8-Zug schwer, das Lerntempo bis zum Abitur durchzuhalten. Die letzte G8-Klasse am Zeppelin-Gymnasium aber schlage sich ziemlich gut.

Hoch konzentriert analysieren die Zehntklässler Funktionen im Koordinatensystem, errechnen Ableitungen und bestimmen Hoch- und Tiefpunkte. Selbst als der Gong die Doppelstunde beendet, lauschen alle den letzten Tipps von Halbherr, der den Stoff für die nächste Klausur nennt.

Die letzte Doppelstunde

„Doppelstunden sind schon zäh, aber das muss einfach sein“, gibt Felix in der Pause auf dem Schulhof zu. In seiner Klasse hat fast die Hälfte der Jugendlichen zusätzlich den bilingualen Zug gewählt: Darin werden die Fächer Biologie, Geschichte und Erdkunde in englischer Sprache unterrichtet. Felix Grünwalds Klassenlehrer Hilfenhaus betreut den G8-Zug und schätzt die geringe Schüleranzahl: „Das tut der Lernatmosphäre gut, und jeder Einzelne macht mehr mit.“

Nach sechs Stunden Pauken im Laufschritt, eine Englisch- und Deutschstunde später, bricht endlich die letzte Doppelstunde des Tages an: Chemieunterricht. Der Raum mit seinen Abwasserbecken und dem Periodensystem an der Wand bietet mit seiner naturwissenschaftlichen Atmosphäre einen willkommenen Tapetenwechsel zum eintönigen Klassenzimmer. Mittlerweile ist es 15 Uhr, und Felix Grünwald kämpft sich durch Reaktionsgleichungen von Alkanen mit Halogenen. Höhepunkt ist ein heikles Experiment mit den Stoffen Brom und Heptal.

Am liebsten im Wasser

Draußen auf dem Parkplatz wartet schon Felix’ Mutter, die ihren Sohn dreimal in der Woche nach dem Unterricht zum Schwimmtraining fährt. „Ohne ihren Fahrdienst würde ich nie rechtzeitig ankommen“, erklärt der junge Leistungsschwimmer dankbar. Gerade einmal 15 Minuten bleiben ihm, um von seiner Schule im Stuttgarter Osten zum Inselbad in Untertürkheim zu gelangen.

Aber wo bleibt bei all dem Sport und Nachmittagsunterricht die Zeit für Hausaufgaben? „Ich brauche dafür jeden Tag maximal eine halbe Stunde, da muss man einfach diszipliniert sein“, erklärt der G8-Schüler, der eigentlich lieber seine Zeit im Wasser verbringt statt mit raffiniertem Pauken.