Gabby Young in Stuttgart Die Prinzessin tanzt am Krater des Vulkans

Von Michael Werner 

Die Londoner Band Gabby Young & other Animals hat im Stuttgarter Theaterhaus begeistert. Und der StZ-Kritiker Michael Werner jubelt über den Auftritt der feuerrot umwallten Traumprinzessin: So klingt die zirzensische Zukunft des Pop!

Gabby Young & other Animals entfachen eine fiebrige Opulenz Foto: Veranstalter
Gabby Young & other Animals entfachen eine fiebrige OpulenzFoto: Veranstalter

Stuttgart - Was ist das denn? Die ganze Band gesellt sich zum Trommler mit der Leopardenmütze und drischt gemeinsam auf sein Schlagzeugset ein. Später tragen die sechs Männer Tiermasken, nur Gabby Young selbst darf jene Märchengestalt bleiben, die sie anderthalb Stunden lang lodernd verkörpert: die feuerrot umwallte Traumprinzessin in verspielter Flohmarktrobe, die sich einen Spaß daraus macht, Normalsterbliche zu verzücken – auch mit ihrer Stimme.

Gabby Young (28), die sensationelle Sängerin der spektakulären Londoner Pop-und-Swing-und-Folk-und-Indie-und-noch-viel-mehr-Band Gabby Young & other Animals, wurde im zarten Alter von zwölf als jüngstes Mitglied aller Zeiten an der National Youth Opera aufgenommen. Mit Anfang zwanzig musste die Songwriterin den Schilddrüsenkrebs niederringen, und jetzt im Theaterhaus empfiehlt sie sich mit knisternden Kapriolen und kaleidoskopischen Koloraturen als nichts weniger als die zirzensische Zukunft des Pop.

Walzertrunkene gute Laune

Mit dem Überschwang der frisch Gekrönten singt Gabby Young von der Überwindung der Paranoia („In your Head“), sie schwelgt in verwegenen Fluchtplänen („Walk away“), und sie lotet die Tiefen brüchiger Zweisamkeit aus („Honey“). Ihre Band pflegt dazu jene sympathische Avantgarde-Variante, die sich keck an das Beste von allem handgemachtem Alten erinnert und verblüffend Neues daraus schafft: Stephen Ellis, der kongeniale Arrangeur von Gabby Youngs schrillen Träumen, steckt mit seiner abgewetzten Westerngitarre die musikalische Manege ab, in der pausenlos Aberwitziges geschieht.

Da schmiegt sich eine sämig gestrichene Geige an die dumpf blökende Tuba, da verschmelzen eine Posaune und ein Akkordeon zu einer unwirklich schönen Klangskulptur, da stolpert der Kontrabass lustvoll in Löcher, die das Schlagzeug aufreißt. Und urplötzlich verdichtet sich die unaufdringliche Virtuosität von einem halben Dutzend Wundermusikanten zu einer unwiderstehlichen, fiebrigen Opulenz. Dann wieder klingt es so, als stürze sich dieses Wahnsinnsorchester vom wild betanzten Kraterrand aus ins innere des Vulkans, tauche durch glühende Lava, ringe der Lebensfeindlichkeit letzte, kostbare Töne ab. Die walzertrunkene, punkverschmorte gute Laune von Gabby Young & the other Ani­mals ist stets eine klug reflektierte. Diese Band ist mit dem Pathos verbündet – und mit der Ironie. Sie entfacht ein Lächeln, das kein schlechtes Gewissen nach sich zieht.

Die Welt wird schon warten

Wie man nach solch einem Ereignis in die Welt zurückkehrt? Einfach als Verlängerung das starke neue Album hören, „The Band called out for more“. Es sagt uns auch, dass die Welt schon warten wird.

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