Galerienhaus Stuttgart-West Stuttgart ist genauso cool wie Berlin

Von Emanuel Hege 

Musik und Live-Malerei haben ein Künstler und ein Galerist im Galerienhaus in Stuttgart-West vereinigt. Der Pop-Art-Künstler Jim Avignon malte 24 Stunden lang.

Der Berliner Event-Künstler Jim Avignon ist nach dem 24-Stunden-Mal-Marathon erschöpft aber glücklich. Foto: Emanuel Hege 7 Bilder
Der Berliner Event-Künstler Jim Avignon ist nach dem 24-Stunden-Mal-Marathon erschöpft aber glücklich. Foto: Emanuel Hege

S-West - Jim Avignon kneift seine Augen jedes Mal ein wenig zusammen, wenn er eine seiner präzisen Linien auf der Wand des Galerienhaus zieht. Die Besucher des „24 Hour Arty People“ beobachten den Pop-Art Künstler während er im Minutentakt neue Motive auf die Wand des loftartigen Lagerraums zeichnet; einige bewegen sich zum Klang der Musik. So erschafft der Berliner, der sich selbst schon als den „schnellsten Maler der Welt“ bezeichnet hat, in wenigen Augenblicken aus einer blauen Fläche ein skurriles Gesicht mit einer Pfeife im Mund.

Avignon malte von Samstag 12 Uhr bis Sonntag 12 Uhr auf die Wände des Galerienhaus, während die Gemälde der Ausstellung „Rendezvous der Freunde“ nach und nach abgehängt wurden. Dazu spielten im zwei Stunden Takt zwölf DJs. Es war eine Finissage der besonderen Art. Dieses 24-Stunden-Event hat der Galerist und Veranstalter Marko Schacher ebenfalls getreu nach dem Motto „Rendezvous der Freunde“ geplant: „Jim und ich haben unsere Freunde in einen Topf geworfen und daraus diese Ausstellung entworfen, und so sind wir auch die Finissage angegangen“, sagt Schacher, der befreundete Künstler, Designer und Musiker aufforderte, bei seiner Veranstaltung Musik aufzulegen. „Ich wollte dass meine Freunde bei der Veranstaltung ihre Grenzen überschreiten und etwas Neues ausprobieren.“

Aufmerksamkeit für Kulturideen

Durch die gegenseitige Beeinflussung der Gäste, der DJs und des Künstlers sollte das Event als Experiment dienen; der Spaß an der Kunst und an der Musik stand dabei jedoch an vorderster Stelle. Darüber hinaus sollte Aufmerksamkeit erweckt werden für neue und innovative Kulturideen. „In Stuttgart gibt es in diese Richtung noch nicht viele Angebote“, sagte Schacher. „Am Ende lässt sich sagen, dass wir nicht gedacht hätten, dass es so gut läuft“, resümiert Schacher, der sich während der 24 Stunden über kunstbegeisterte und tanzende Gäste freute.

Marko Schacher und Jim Avignon kennen sich seit 20 Jahren. Der Berliner wirkt bodenständig, er trägt einen Sonnenhut, Shirt und eine ausgefranste Jeans. In den 1990er Jahren hat er sich durch die hohe Geschwindigkeit, mit der er Bilder malt, einen Namen gemacht. Vor allem sein Auftreten 1997 während der Documenta X in Kassel, bei der er jeden Tag ein neues Bild schuf, um es danach gleich wieder zu zerstören, erlangte Aufmerksamkeit.

Für wenig Geld verkaufen oder sogar verschenken

Vom Wesen des Kunstmarktes hält der 48-jährige wenig. Durch Verknappung die Preise für Gemälde hochzutreiben, ist nicht sein Stil. Er malt lieber viel und verkauft seine Werke für wenig Geld; oft verschenkt er sie sogar. Bekannt wurden vor allem sein Beitrag zu der East Side Gallery der Berliner Mauer und das Gemälde anlässlich der Wiedereröffnung des Berliner Olympiastadions, das 2800 Quadratmeter groß war und während der Veranstaltung auf dem Rasen ausgebreitet wurde. Neben seinem Leben als Künstler, betätigt sich Avignon außerdem als Designer und als Musiker. So gestaltete er unter anderem Uhren der Marke Swatch und illustrierte ein Kochbuch; mit seinem Einmann-Projekt „Neoangin“ produziert Avignon Elektropop, mit dem er bereits in Nachtclubs aufgetreten ist. Am Ende war der Künstler erschöpft aber froh, seinen ersten 24 Stunden Mal-Marathon überstanden zu haben: „Es ist auch besser, dass ich jetzt aufhören muss, ich bin schon richtig wacklig auf der Leiter.“

Mit Events wie diesem versucht Schacher Stuttgart etwas von der Berliner Kulturszene einzuhauchen. Mit der „24 Hour Arty People“ Finissage zeigte er am vergangenen Wochenende, wie das aussehen kann. Denn die Schwabenmetropole braucht sich nicht verstecken. „Stuttgart ist genau so cool wie Berlin“, findet Schacher.

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