Gangsta-Rap mit Haftbefehl Zeig deine Eier, du Pussycat

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Im LKA ballern Haftbefehl und diverse Co-Rapper ihren Straßen-Rap zu basslastigen Beats von der Bühne. „Zeig deine Eier, du Pussycat / Eins gegen eins, wer hat Lust auf russisch Roulette?“, heißt es im Song „Saudi Arabi Money Rich“ und immer wieder: „Ihr Hurensöhne!“ Haftbefehl trägt roten Blouson und gibt den Babo: Er stellt seine Kumpels vor, läuft schwerfällig über die Bühne, wischt mit schwarzem Handtuch übers Gesicht. Das Publikum tanzt Pogo.

Thomas Filimonova steht hinter der Theke und schüttelt nur den Kopf. Der Geschäftsführer der Konzerthalle findet, die Musik sei auf „Klosett-Niveau“ – und dass Gangsta-Rapper die Jugend verderben. Er habe es schon erlebt, dass Eltern mit ihren Kindern auf entsprechende Konzerte ins LKA gehen. „Da werden Frauen beschimpft, da geht es um Analsex. Das ist für Kinder nicht gut“, sagt Filimonova. Weil weder die Eltern noch die Konzertveranstalter genau hinsähen und ihm die Hände gebunden sind, will er künftig keine solchen Konzerte mehr ins LKA holen.

„Die Jugend von heute ist halt so, dass Ausdrücke fallen“

Bei Haftbefehl hören keine Kinder zu, sondern vor allem junge Männer aus der Mittelschicht. Zwei davon sind Giovanni und Fabiano, beide 20. „Wir sind Ausländer, können uns mit Haftbefehl identifizieren“, sagen die beiden. Und die vielen Schimpfwörter? „Ich würde nie sagen, dass jede Frau eine Hure ist“, erklärt Giovanni, „aber die Jugend von heute ist halt so, dass Ausdrücke fallen.“ Haftbefehl sei kein Vorbild, aber ein „Rap-Idol“.

„Also das, was ich in meiner Musik sage, soll in ihrem Leben kein Gewicht haben“, sagte Haftbefehl jüngst in einem Interview mit der Zeitschrift „Spex“. Und: „Man soll sich meine Musik nicht unter 16 Jahren anhören.“ Das ist die Antwort vieler Rapper auf die Vorwürfe, die Jugend zu verderben: alles nur Unterhaltung für ein halbwegs reifes Publikum, Beschimpfen gehöre dazu.

Möglich, dass man den Rappern unrecht tut, wenn man sie „interpretiert wie moderne Kunst“, wie Matthias Mettmann findet. Andererseits legen „Hafti“ und Konsorten den Finger in die Wunde. Kürzlich nahm Haftbefehl den Fernsehsender Arte dorthin mit, wo er aufwuchs: ins Offenbacher Migrantenghetto, Plattenbau, Drogen, keine Perspektive. Auch solche Orte gehören zu Deutschland, und Rapper wie Haftbefehl berichten aus dieser Halbwelt. Sie sprechen die Sprache und kennen die Probleme der Menschen, die dort leben.

Haftbefehl hat die LKA-Bühne wieder verlassen. Auch im hellen Saallicht sind keine schweren Jungs zu finden, sondern Leute wie Daniel und Michael: 29, Designer und Pädagoge, auffälligstes Accessoire: schräg sitzende Strickmützen. Wo sind die bösen Buben? „Das frage ich mich auch“, sagt Michael. Daniel nippt am Bier, nicht sein erstes, und ruft: „Ich bin hier zum Partymachen!“ Zu den Schimpfwörtern und dem Machismo im Rap schweigt er. Aber dazu hat der Poptheoretiker Diedrich Diederichsen schon den besten Satz geschrieben: „Bei Hip-Hop funktioniert der Genuss gerade über das Nichtgemeintsein.“