Gastarbeiter in Fellbach Drei Ratten auf dem Tisch des Sozialamts

Von Ingrid Sachsenmaier 

Zeitzeugen erzählen bei einer Podiumsdiskussion im Fellbacher Rathaus über die Ankunft der ersten Gastarbeiter im Südwesten.

Gastarbeiter bei der Arbeit am Band Foto: Domid/Rudel
Gastarbeiter bei der Arbeit am Band Foto: Domid/Rudel

Fellbach - Der Arbeit wegen sind sie in den 1960er Jahren nach Deutschland gekommen, meistens ohne Frauen und Familien. Tony Mazzaro hat sie über 40 Jahre lang jeden Abend um 18.50 Uhr über den Süddeutschen Rundfunk mit Nachrichten aus der Heimat und wichtigen Meldungen aus Deutschland versorgt. Ein Bindeglied war der Fußball. 107 italienische Fußballmannschaften habe es damals im Ländle gegeben, erzählt der Moderator. Er hat am Montagabend die Ergebnisse der Spiele seiner Landsleute am Wochenende abgefragt und dann in der Sendung darüber informiert, genauso wie über die Tore in der Bundesliga. Mazzaro war „die Stimme der Italiener“. Vor vier Jahren ging er in Ruhestand, die Sendung wurde eingestellt.

Im Publikum saßen viele Jugendliche, ein Großteil aus Bisceglie

Wenn seine Sendung lief, dann wurde es „mucksmäuschenstill in den Unterkünften meiner Landsleute“, erinnerte er sich bei der Podiumsdiskussion am Mittwochabend im Fellbacher Rathaus. Sie war vom Stadtmuseum in den großen Saal verlegt worden, weil das Publikumsinteresse das Platzangebot im Fachwerkhaus sprengte. Im Publikum saßen viele Jugendliche, ein Großteil aus Bisceglie. Das Städtchen in Apulien pflegt eine Schulpartnerschaft mit dem Königin-Katharina-Stift in Stuttgart. Es ist das einzige Gymnasium im Land, an dem das bilinguale Abitur in Deutsch und Italienisch abgelegt werden kann.

Sprache sei ein wichtiges Bindeglied und Integrationsinstrument, war die einhellige Meinung der fünf Diskussionsteilnehmer. Den jungen Leuten geschuldet, wurden ihre Statements immer wieder spontan ins Italienische übersetzt. Hans-Jörg Eckardt hat als Arbeitsvermittler vor rund 60 Jahren die ersten Italiener am Hauptbahnhof in Stuttgart abgeholt, sieben Mal in der Woche. Um 11.05 Uhr sei auf Gleis 4 der Zug von Neapel angekommen, erinnert er sich noch heute. Tränen treten ihm in die Augen, wenn er an griechische Frauen denkt, die vor allem von der Elektroindustrie – Siemens und AEG - angeworben wurden. Sie seien zunächst, wie auch die Italiener, ohne Familien gekommen. Für Tony Mazzaro war „Fellbach die lebendigste Stadt für Italiener in Württemberg“. Dazu hätten viele beigetragen, auch Winfried Bauer und der ehemalige Oberbürgermeister Friedrich-Wilhelm Kiel. Er überzeugte den Gemeinderat vor über 40 Jahren von der Notwendigkeit eines Ausländerbeirats, gab damals Wahlergebnisse im Stadtanzeiger in den jeweiligen Muttersprachen bekannt und sorgte dafür, dass ausländische Vereine einen Clubraum erhielten. Und: Er kümmerte sich um Wohnraum für die Neuankömmlinge – auch wenn es mitunter dauerte. Als Alfonso Fazio 1967 mit zehn Jahren aus Cariati in Kalabrien nach Fellbach kam, habe er zunächst in einer Baracke an den Bahngleisen beim Fellbacher Bahnhof gewohnt, „zusammen mit Ratten“. Drei dieser Tiere hat er, nachdem er schon quasi zwei Jahre hier war, in eine Tüte gepackt und im Fellbacher Sozialamt auf den Tisch gelegt. Danach bekam die Familie eine Wohnung.

Ob man sie nun Gastarbeiter, Ausländer oder Menschen mit Migrationshintergrund nenne, das sei egal

Heute ist Fazio Stadtrat in Waiblingen und Kreisrat und hat seit 1992 einen deutschen Pass. Er ist angekommen. Die Sprache sei wichtig, befürwortet er die staatlich organisierten Sprachkurse für die jetzt ankommenden Flüchtlinge. Sein Landsmann Mario Capezzuto schwäbelt wie Fazio, spricht ein perfektes Deutsch und war der erste Landtagsabgeordnete mit italienischen Wurzeln im Land. „Integration muss von denen gewollt sein, die integriert werden sollen“, ist seine Meinung. Dann werde ein Zusammenleben möglich. Seit 28 Jahren ist der Neapolitaner Stadtrat in Lorch, seit 1974 hat er die deutsche Staatsangehörigkeit. Auch er möchte nicht zurück, ist aber wie Fazio gerne und oft in Italien – die Heimat sei hier, den Urlaub verbringen sie in Italien. Beide saßen gut gebräunt auf dem Podium und sind sich einig: „Die Würde der Menschen ist unantastbar.“ Ob man sie nun Gastarbeiter, Ausländer oder Menschen mit Migrationshintergrund nenne, das sei egal. Neben der Politik und dem Sport spielte auch die katholische Mission eine wichtige Rolle. Oft gingen die Italiener mit amtlichen Briefen zum Pfarrer, um sie von ihm übersetzen zu lassen.

Friedrich-Wilhelm Kiel freute sich über die vielen jungen Leute im Saal. Sie hätten die Zukunft in der Hand. Für Ursula Teutrine, Leiterin des Stadtmuseums, war die Ausstellung „In der Fremde zuhaus. . .“ eine ganz besondere Erfahrung. Sie wird wehmütig, wenn sie daran denkt, dass sie am Sonntag zu Ende geht.