Gauthier Dance im Theaterhaus
Über Liebe lässt sich nichts sagen
Claudia Gass,
02.07.2010 19:16 Uhr
Sieht so das Glück aus? Haben diese Menschen noch Moral? Werden hier Träume wahr? Von rechts: William Moragas, Isabelle Pollet-Villard (als Ottavia) und Eric Gauthier (als Nero) schwanken gehörig zwischen Emphase und Ratlosigkeit. Foto: dpa
Auch manche der Tableaus, die Spuck entworfen hat, wirken, als würde der Tanz für einen Moment zu einem Barockgemälde erstarren, um sich dann sofort wieder in temporeiche, vielgestaltige, im Tanzduktus modern grundierte Soli, Duette und Ensembles zu wandeln. Nicht einmal die musikalische Vorlage, Monteverdis Oper "L'incoronazione di Poppea", bleibt als Gesamtes erhalten. Immer wieder konterkarieren Martin Donners elektronische Kompositionen disparat und düster grollend den Barockwohlklang, bricht eine Arie ab und setzt neu ein, erklingen Klaviermusik von Schumann oder Rocksongs.
Zeitgenössischer Tanz von Gauthier Dance
Gespiegelt in der Barockmusik und der aus der römischen Antike herrührenden Handlung erzählt Christian Spuck eine Geschichte von heute. Das gilt nicht nur für die zersplitterte Erzählstruktur, sondern auch für die Protagonisten des Stücks. Spucks im Ballett gründender Stil ist nicht per se dazu angetan, allein aus dem Tanz heraus Figuren zu beschreiben. Der Choreograf charakterisiert mehr über die Gesamtszene und hat da wie stets spannende Ideen insbesondere für die Ensembles. Die darstellerisch sehr präsenten und technisch hervorragenden neun Tänzer von Gauthier Dance, mit denen der Hauschoreograf des Stuttgarter Balletts den Abend entwickelt hat, bringen jedoch immer wieder dem zeitgenössischen Tanz nahe, unmittelbar über die Körpersprache sich vermittelnde Ausdrucksformen ein.
Wie etwa die Ottavia von Isabelle Pollet-Villard, besiegt von Poppeas unbedingtem Machtwillen und ihren Verführungskünsten, das rote Herrscherkleid auszieht, berührt den Betrachter ebenso unmittelbar, wie die zwischen Verletzlichkeit und Skrupellosigkeit hin und her gerissene Poppea der Garazi Perez Oloriz selbst. Und Eric Gauthier (auch in der Rolle des Despoten Nero ein wenig der Komödiant), Maria Deller-Takemura (Drusilla), Armando Braswell, Björn Helget, Giuseppe Spota (Ottone) und William Moragas (Seneca) stehen dem in nichts nach.
Spucks von der Ballett-Neoklassik geprägtes Tanzvokabular bekommt so eine frische, zeitgenössische Note. Vom Choreografen bekannten Ingredienzien wie das markante Spiel der Arme, Attitüden, geflexte Füße erscheinen dadurch neu. Nichtsdestotrotz ist "Poppea/Poppea", insbesondere in Bezug auf das aufs Feinste abgestimmte Zusammenwirken der Künste, ein typisches Spuck-Stück.
Harmonie herrscht jedoch nur in Bezug auf die Ästhetik. Die Moral hat ausgedient, spätestens, als im Stück ihr Stellvertreter, der Philosoph Seneca, ermordet worden ist. Es siegt die Liebe, aber diese bleibt den Menschen ein Rätsel, und aufgrund dessen sind sie ihr ausgeliefert. Christian Spuck lässt dazu einen Philosophen jüngerer Zeit zu Wort kommen, Jean Baudrillard, der einen Schlüsselsatz zum Tanzstück beisteuert. Erst Garazi Perez Oloriz, dann Isabelle Pollet-Villard zitieren Baudrillard, auf dem Boden liegend, das Mikrofon in der Hand, während die Kamera ihre Gesichter schutzlos der Großaufnahme auf die Leinwand preisgibt: "Ich weiß nicht, was es über die Liebe zu sagen gäbe, denn man kann Alles und Nichts sagen."
Weitere Aufführungen 3., 4., 20. bis 22. Juli
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