Stuttgart - Dass es ihr eine Ehre sei, die Geschichte von Nero und Poppea zu erzählen, sagt die Tänzerin Marianne Illig eingangs auf Französisch. Wie sie dabei auf die am linken Bühnenrand aufgereihten Tänzer zeigt und in knappen Sätzen Handlung und Personen erklärt, bringt das nicht gerade souverän Ordnung in die Narration. Die Erzählerin versucht sich Gehör zu verschaffen, wird mal hinausgetragen, dann wieder Teil der Szene und verliert zunehmend den Überblick über das verwickelte Geschehen. Und so ergeht es auch dem Zuschauer.
Aber mit welchen Mitteln Poppea die Hochzeit mit Kaiser Nero erreichen will, und mit welchen Intrigen wiederum die noch amtierende Kaiserin Ottavia, der in Poppea verliebte Ottone und die ihrerseits Ottone liebende Drusilla sowie der Philosoph Seneca die Krönung der Geliebten Neros verhindern wollen, das ist letztlich nicht entscheidend in Christian Spucks "Poppea/Poppea". Der Choreograf hat das jetzt im Stuttgarter Theaterhaus uraufgeführte Tanzstück von der Erzählstruktur her bewusst als Verwirrspiel angelegt, besieht Liebe, Erotik, Machtgier, Verführung, Moral und Eigennutz - die den Menschen immer wieder umtreibenden Themen und Leidenschaften - philosophisch grundiert von einer Metaebene aus.
Monteverdis Vorlage bleibt erhalten
Das hört sich nun komplizierter und unzugänglicher an, als es auf der Bühne tatsächlich erscheint. Denn Christian Spuck erzählt zwar einerseits intellektuell-abstrakt, macht jedoch zugleich Geschichte und allgemeine Inhalte über die Szene anschaulich. Da sind zeichenhafte Symbole, wie das purpurrote Kleid, das zuerst Ottavia (Isabelle Pollet-Villard) trägt und das zum Schluss Poppea (Garazi Perez Oloriz) von Nero bekommt. Oder Neros goldener Lorbeerkranz auf dem Tisch, den Poppea begehrlichen Blicks umkreist. Und da sind natürlich die betörend schönen, sinnlichen Bilder, wie man sie schon aus früheren Balletten Spucks kennt und schätzt.
Die zwischen Purismus und Opulenz changierende Ästhetik der Inszenierung prägt Emma Ryotts Ausstattung wesentlich mit. Die Britin hat bereits häufig mit Spuck zusammengearbeitet. Ryott lässt die schwarze Bühne bis auf ein paar Tische und Stühle leer; auf einem Schwarzweiß-Foto recken sich à la Mapplethorpe erotisch die Blütenstengel einer Blume; die vorne offenen Reifröcke über den kurzen Pants der Damen, die Mieder und Pluderhosen zitieren Renaissance und Barock.