Gayers Wochenend-Kolumne Drei Masten der Zukunft

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Wie leicht man über seinen Tellerrand blicken kann, zeigt die CDU in Cannstatt. Und es gibt – trotz allen Unbills auf der Welt – noch andere Beispiele.

  Foto: Lichtgut
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Stuttgart - Im Verlauf des biologischen Fortschritts haben die meisten Menschen inzwischen aufgehört, ihr Revier mit körpereigener Flüssigkeit zu markieren. Stattdessen kommen technische Errungenschaften zum Einsatz: Stacheldraht, Selbstschussanlagen oder, demnächst in den USA wieder zu bewundern, Mauern. Die können als Schutzwall gegen alles mögliche dienen – Kapitalisten von außen, Flüchtlinge von innen – und sind zudem ein probates Mittel zur Wirtschaftsförderung eines sich isolierenden Gebildes. Wer wüsste das besser als wir Deutschen?

Wie weitblickend ist dagegen die CDU aus Bad Cannstatt. Ihren traditionellen Rundgang über das auf ihrem Hoheitsgebiet stattfindende Frühlingsfest haben die Christdemokraten „bei sonnigem Aprilwetter mit einer Fahrt im Riesenrad“ begonnen, „um sich einen Blick über das Gelände und weit darüber hinaus zu verschaffen“. Was sie dabei gesehen haben (unter anderem „die Konturen des neu zu bebauenden Neckarparks“), hat die Konservativen derart entzückt, dass die „Teilnehmer der Jungen Union“ danach „besonderen Spaß beim Autoscooter“ hatten, „während andere beim Hotshot ihre Treffsicherheit auf die Probe stellten“. Alle zusammen kehrten „kurz bevor der Regen kam“ in der Schwarzwaldstube ein, wo sie den Rest des Abends „bei guten Speisen und Getränken und angenehmer Wärme genießen konnten, während es draußen immer kälter und ungemütlicher wurde“. Besonders bemerkenswert: In all der Harmonie gab es keine einzige Spitze gegen die ungeliebten Stuttgarter. Gemessen an weltpolitischen Maßstäben haben die Lokalpatrioten damit einen echten Meilenstein gesetzt.

Die Baden-Fahne weht am Dreieck Leonberg

Auch in den nächsten Wochen werden wir manch Erfreuliches übers menschliches Miteinander hören. Preisend mit viel schönen Reden grüßen wir das Badnerland und feiern die Eiserne Hochzeit von Baden und Württemberg. Wie weit die Toleranz nach 65 gemeinsamen Jahren wirklich gediehen ist, zeigen die Kleinigkeiten am Wegesrand. Mitten im württembergischen Kernland, auf einem mobilen Kabäuschen an der Großbaustelle beim Autobahndreieck Leonberg, baumelt seit Wochen eine Flagge des Großherzogtums Baden. Nur kurz war sie auf Halbmast gesetzt: als der KSC beim VfB verloren hatte. Nun wedelt sie wieder unbekümmert vom schwäbischen Frühlingsfrost vor sich hin – und keiner käme auf die Idee, darin einen Akt der territorialen Anmaßung zu wittern. Warum auch? Wir sind eins.

Ein besonders eindrucksvolles Zeichen der Völkerverständigung ist übrigens auf den Schlachtfeldern des Ersten Weltkriegs bei Verdun zu sehen. Dort ist die Zukunft an drei Masten geknüpft. Über der Festung von Douaumont haben sie sich wie liebe Nachbarn versammelt: die Flaggen von Frankreich, Deutschland, Europa. „Ob auch nach der Präsidentschaftswahl noch alle drei Fahnen dort wehen“, fragte dieser Tage ein Schwabe, der mit einer Delegation seiner Heimatstadt Lauffen am Neckar dorthin gereist war. „Wollen wir es hoffen“, antwortete sein Freund aus der französischen Partnerstadt La Ferté-Bernard.