Gaza-Streifen Warten auf die nächste Konfrontation

Von geg 

Unter den Palästinensern in Gaza steigt der Spannungspegel seit dem Entführungsdrama in der Westbank, bei dem drei israelische Jugendliche gekidnappt wurden. Die Hamas will es nicht gewesen sein, Extremisten heizen die Stimmung an.

Protestaktion mit  Kindern in Gaza: Sie unterstützen hungerstreikende Palästinenser, die in israelischen Gefängnissen einsitzen. Foto: AP, Getty, Inge Günther
Protestaktion mit Kindern in Gaza: Sie unterstützen hungerstreikende Palästinenser, die in israelischen Gefängnissen einsitzen.Foto: AP, Getty, Inge Günther

Gaza-City - Wafa al-Biss ist eine Frau, die keine Skrupel kennt. Auf den ersten Blick allerdings fällt ihr schönes, hochmütiges Gesicht auf. Erst beim zweiten Eindruck beschleichen einen böse Ahnungen. Sechs Jahre hat Wafa al-Biss hinter israelischen Gittern verbracht, die Hälfte der Haftstrafe, zu der sie verurteilt worden war. Dass sie vorzeitig frei kam, hat die Dreißigjährige einem Geiseldeal zwischen der Hamas und Israel zu verdanken. Al-Biss gehörte zu den über tausend palästinensischen Gefangenen, die im Herbst 2011 gegen den nach Gaza verschleppten israelischen Soldaten Gilad Schalit ausgetauscht wurden. Sie sieht sich selbst als lebenden Beweis, dass sich Entführungen lohnen.

Daran möchte sie erinnern bei ihrem kurzen Gastspiel an diesem Morgen im Solidaritätszelt, das verschiedene PLO-Gruppen in Gaza-City zur Unterstützung hungerstreikender Häftlinge errichtet haben. Das Kidnapping dreier israelischer Teenager im Westjordanland nennt sie unverhohlen „eine gute Nachricht“. Sie jedenfalls hoffe, dass dadurch weitere Gefangene freigepresst würden, verkündet sie mit blitzenden Augen. Ähnliche Gedanken hegen offen oder auch insgeheim viele Familien, deren Angehörige in Israel einsitzen und die nichts sehnlicher herbeiwünschen als ihre Heimkehr in Freiheit.

Aber was Wafa al-Biss sonst noch von sich gibt, lässt selbst palästinensische Besucher unter den blauen Plastikplanen des Solidaritätszelts erschauern. Gehüllt in einen schwarzen, bodenlangen Mantel inszeniert sie sich als gescheiterter Todesengel, noch immer stolz auf ihre „Heldentat“. Der Sprengstoffgürtel, den sie – damals gerade 21 Jahre jung – umgeschnallt habe, verkündet sie, habe sich noch besser angefühlt als das Hochzeitskleid nach ihrer Entlassung. Es war ein diabolischer Plan. Der Bombensatz hätte in einem israelischen Krankenhaus explodieren sollen, wo sie als Patientin wegen schlimmer Brandwunden behandelt wurde. Zum Glück wurde er entdeckt, als Wafa al-Biss ihn durch den Grenzübergang Eres zu schmuggeln versuchte.

Die Fatah-Anhänger in Gaza sind zum Nichtstun verdammt

Als ehemalige Gefangene erhält sie noch heute eine monatliche Rente von den Autonomiebehörden in Ramallah – genauso wie bislang die Fatah-Angestellten in Gaza, die nach der Machtübernahme der Hamas im Zwangsruhestand gelandet waren. Palästinenser-Präsident Mahmud Abbas wollte sich so die Loyalität seiner Anhänger erhalten. Eine Investition, die sich nur sehr bedingt ausgezahlt hat. Al-Biss, die Ikone des Terrors, verherrlicht all das, was Abbas vehement ablehnt. Und seine wahren Getreuen sind nach wie vor weitgehend zur Untätigkeit in Gaza verdammt.

Sieben Jahre lang hat Samir Abu Oun ohne feste Arbeit zu Hause verbracht. Seinem Vorgarten in Beit Lahia im nördlichen Gazastreifen ist es gut bekommen, dass der 55-Jährige so viel Zeit hatte. „Meine Ehefrau und die Kinder haben schon eher darunter gelitten, dass ich dauernd daheim rumsitze“, erzählt Abu Oun mit bitterem Schmunzeln. „Natürlich“, fügt er hinzu, würde er liebend gerne wieder auf seine alte Stelle als Sergeant zurückkehren. Aber bislang ist es bei der Ankündigung in den Medien geblieben, 3000 Männer aus den Reihen der Fatah würden in die bislang von der Hamas dominierten Polizeibehörden in Gaza integriert. „Niemand hat mich einbestellt“, sagt Abu Oun. Und ehrlich gesagt, könne er sich auch schwerlich vorstellen, mit Hamas-Kollegen zusammen zu arbeiten. So sehr er selbst für nationale Einheit und innerpalästinensische Versöhnung sei.

Nicht nur sein Schnauzbart unterscheidet ihn von den meist vollbärtigen Hamas-Anhängern. Auch Abu Ouns Ansichten und die der Radikalislamisten driften weit auseinander. Als eingeschworener Gefolgsmann von Präsident Abbas hat Abu Oun kein Problem damit, dass dessen Truppen im Westjordanland sich an der Suche nach den drei gekidnappten israelischen Religionsstudenten beteiligen. Auch auf ihn wäre bei solchem Einsatz Verlass.

Derartige Bekenntnisse sind derzeit nicht eben populär unter den Palästinensern. Je länger die Fahndung dauert, umso mehr schwappt Unmut hoch über Abbas, der mit den Israelis kollaboriere und in manchen Reden mehr Mitgefühl für entführte jüdische Siedler an den Tag lege als für sein eigenes bedrängtes Volk.