Gedenken an tödlich verunglückten Radfahrer in Stuttgart-Weilimdorf Geisterfahrt für einen Verunglückten

Von und Martin Braun 

Zum Andenken an einen tödlich verunglückten Radfahrer haben Teilnehmer von Critical Mass am Unfallort in Stuttgart-Weilimdorf ein Ghost Bike aufgestellt.

Das Velo  am Kreisverkehr Landauer-/Deidesheimer Straße erinnert an den 80-jährigen Radler, der dort bei einem Unfall schwer verletzt wurde und am 22. Juni seinen Verletzungen erlag. Foto: Bernd Zeyer
Das Velo am Kreisverkehr Landauer-/Deidesheimer Straße erinnert an den 80-jährigen Radler, der dort bei einem Unfall schwer verletzt wurde und am 22. Juni seinen Verletzungen erlag. Foto: Bernd Zeyer

Weilimdorf - Rund 40 Radfahrer haben sich am Freitagabend gemeinsam auf den Weg nach Weilimdorf gemacht. Gestartet sind sie am Feuersee im Stuttgarter Westen, ihr Ziel war der Kreisverkehr Landauer-/Deidesheimer Straße. Dort haben sie ein komplett weiß lackiertes Fahrrad, ein sogenanntes Ghost Bike, aufgestellt, um des Radfahrers zu gedenken, der an dieser Stelle Mitte Juni bei einem Verkehrsunfall tödlich verletzt wurde.

Veranstalter der Aktion war die Radfahrer-Initiative Critical Mass, die regelmäßig Fahrraddemos in Stuttgart organisiert. Die gemeinsame Ausfahrt zum Gedenken an einen Verkehrstoten – der „Ghost Bike Ride“ – wird auch verstanden als Erinnerung daran, dass Radfahrer gleichberechtigte Verkehrsteilnehmer sind. Wird dies nicht beherzigt, kann das tragische Folgen haben. So gedachten die Teilnehmer der Trauerfahrt nach Weilimdorf eines 80 Jahre alten Pedelec-Fahrers, der am 22. Juni dieses Jahres in einem Stuttgarter Krankenhaus an den Folgen eines Verkehrsunfalls gestorben ist. Der Radfahrer war in Weilimdorf in einem Kreisverkehr von einem Auto erfasst worden. Dessen Fahrerin hatte den von links kommenden, im Kreisverkehr auf dem Pedelec fahrenden Mann übersehen. Bei dem Sturz hatte sich der 80-Jährige trotz Fahrradhelms schwerste Kopfverletzungen zugezogen.

Recherche nach Toten

Das weiß lackierte Fahrrad soll als Erinnerung an den Toten und als Mahnung für die Lebenden dienen, erklärt Bertram Wohlfahrt, einer der Organisatoren der Trauerfahrt: „Wir veranstalten jedes Jahr einen Gedenktag. Dieses Mal wollten wir zu einem Ghost Ride einladen.“ Er hat im Vorfeld bei der Polizei nachgehakt und sich nach der Unfallstatistik erkundigt. „Fahrradtote gibt es in Stuttgart Gott sei Dank relativ wenige. In der Umgebung von Stuttgart sind es schon mehr. Der 80-jährige Mann war der Erste seit Jahren, der durch fremdes Verschulden ums Leben gekommen ist“, sagt Wohlfahrt.

Den Leuten von Critical Mass geht es jedoch weniger darum, auf die Gefährlichkeit einer bestimmten Stelle hinzuweisen als vielmehr darum, das Bewusstsein für Fahrradfahrer zu schärfen – sowohl bei anderen Verkehrsteilnehmern als auch bei denjenigen, die Radwege und Straßen planen. Bei Critical Mass schließen sich regelmäßig Fahrradfahrer zu einer Gruppe zusammen, die dann als imposante Menge durch die Stadt radelt und zwangsläufig eigenen Platz im Straßenverkehr beansprucht. „Man kann diese Aktionsform getrost als Gegenbewegung zur alltäglichen Blechlawine auf Stuttgarts Straßen begreifen – und als Feier für das Verkehrsmittel Fahrrad“, so die Initiative auf ihrer Homepage. Ziel ist es, den Verkehrsraum für Radfahrer zurückzugewinnen.

Der Ghost Ride am Freitag war gleichsam eine Form, auf der Straße Präsenz zu zeigen. Die Idee, ein weiß getünchtes Rad am Unfallort zur Mahnung aufzustellen, stammt ursprünglich aus den USA. Angelehnt ist der relativ junge Ritus, der wohl erstmals im Jahr 2003 in St. Louis (Missouri) praktiziert worden ist, an die Tradition, an Unfallorten der Toten mit Kreuzen und Blumen zu gedenken. In Deutschland wurden die ersten Ghost Bikes 2009 in Berlin aufgestellt. Laut Bertram Wohlfahrt ist das Rad, das Critical Mass am vergangenen Freitagabend aufgestellt hat, das erste seiner Art in Stuttgart.

Ein neues Ritual

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