Plieningen - Sie gehört zur Schule wie sie selbst. Die Jugendlichen, die auf Stühlen in der Musikhalle zusammensitzen, machen klar, was mit der Skulptur aus der Hand des Bildhauers Jakob Wilhelm Fehrle auf keinen Fall geschehen darf: Sie darf nicht verschwinden. Dass dies nie zur Debatte stand, ändert nichts an den Ängsten, die eine Diskussion im vergangenen Jahr bei den Schülern der Plieninger Schule ausgelöst hat.
Die Linken-Stadträtin Ulrike Küstler war bei einer Veranstaltung in der Körschtalschule im Juni 2011 unangenehm berührt, als sie die Adlerplastik über dem Eingang der Turnhalle entdeckt hat. Recherchen des BLICK VOM FERNSEHTURM erhärteten den Eindruck der Lokalpolitikerin. Das Symbol des Deutschen Reichs muss aus dem Jahr 1936 stammen, sagte eine Mitarbeiterin des Stadtarchivs. Denn in diesem Jahr wurde das Gebäude errichtet, das heute der Körschtalschule als Turnhalle dient. Der Künstler Jakob Wilhelm Fehrle schuf damals auch im Gebäude eine Brunnenplastik.
Selbst vom NS-Terror bedroht
Fehrle nahm solche Aufträge des NS-Staats an, obwohl er dem Regime ablehnend gegenüberstand. Ein Familienangehöriger nennt die psychische Erkrankung seiner Frau als Grund. Er benötigte Geld für ihre Pflege, weil er sie aus Angst vor dem NS-Massenmord an Kranken und Behinderten nicht in ein Heim geben wollte.
Die Schüler der Körschtalschule verbinden mit der Skulptur allerdings weder das Symbol des untergangenen Dritten Reiches, noch die tragische Lebensgeschichte ihres Erschaffers. „Gerade bei den Siebtklässlern konnten wir feststellen, wie sehr sie an dem Adler hängen“, sagt Schulleiterin Regine Hahn. Gemeinsam mit der Lehrerin Stefanie Lenuzza hat sie am 27. Januar den Reichsadler an der Turnhalle zum Unterrichtsstoff gemacht und mit den Schülern über die Plastik gesprochen. Einige Tage später verbinden manche bei einem Nachgespräch in der Musikhalle die Skulptur mit ihren ausgebreiteten Flügeln mit einem Gefühlt von Freiheit, andere mit Geborgenheit. Die Assoziationen der Körschtalschüler zu der Skulptur an ihrer Turnhalle sind vielfältig, aber stets positiv.
Dass der Reichsadler an einem 27. Januar Teil zum Gegenstand des Unterrichts wurde, war kein Zufall. 1996 machte der Bundestag, den 27. Januar zum Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus. Denn an diesem Tag befreiten die Sowjets das Vernichtungslager Auschwitz. Die Körschtalschule wollte das nationale Erinnern zum Anlass nehmen, sich selbst mit dem in Stein gemeißelten Stück Geschichte am Schulgebäude auseinanderzusetzen.
Keine leichte Aufgabe, nicht nur weil der Reichsadler für die Körschtalschüler ein liebgewonnenes Merkmal ihrer Schule ist. Die Schüler der Plieninger Schule haben zu einem beträchtlichen Teil einen Migrationshintergrund. Das verändere auch den Grad der Betroffenheit, sagt Stefanie Lenuzza. Wenn sie im Unterricht sagt, dass sie sich als Deutsche für die Verbrechen der Nazis schäme, könnten die Schüler das oft nicht verstehen. „Sie sagen dann: ,Sie waren doch gar nicht dabei’.“
Kinder mit Migrationshintergrund gedenken anders
Genau so wenig wie die Vorfahren vieler Schüler der Körschtalschule, deren Familien etwa aus der Türkei eingewandert sind. Das Fehlen von Scham bedeutet aber keine Gleichgültigkeit. Lenuzza: „Sobald Schüler mehr wissen über das Dritte Reich, interessiert es sie sehr.“ Nur drehe sich die Beschäftigung eben weniger um deutsche Schulddebatten. Stattdessen stellen die Schüler Bezüge zu ihrer eigenen Lebenslage her. „Ihnen geht es eher um das Anderssein und was aus ihm erwachsen kann.“
Eine Siebtklässlerin stellt einen solchen Bezug auch für die Diskussion um den Reichsadler her. Sie kann ihr etwas Positives für ihre Gegenwart an der Schule entnehmen. „Ich mag unseren Adler. Aber ich finde es auch sehr spannend, dass ich etwas Neues über ihn erfahre.“


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