Gegen Barcelona Der VfB setzt auf den Knalleffekt
Thomas Haid, Fotos: AP und dpa, vom 23.02.2010 06:42 Uhr
Stuttgart - Den 18. Dezember 2009 wird keiner beim VfB so schnell vergessen. Zunächst wurde dem Club an diesem Tag mit dem Titelverteidiger FC Barcelona der wohl schwerste aller möglichen Gegner für das Achtelfinale in der Champions League zugelost - und dann mussten die Verantwortlichen auf dem Wasen auch noch den Spott des FC Bayern ertragen.
"Wichtig ist, dass sich der VfB ehrenvoll verabschiedet", sagte der Münchner Vorstandschef Karl-Heinz Rummenigge. Der Sportdirektor Christian Nerlinger fügte hinzu: "Ich hoffe, dass der VfB bis dahin sein Stadion im Griff hat. Das ähnelt ja momentan eher dem Zentralfriedhof in Chicago."
Was den FC Bayern zu diesen Sticheleien getrieben hat, ist nach wie vor unklar. Fest steht für den VfB nur, dass keine tiefer gehende Abneigung dahintersteckt. War es stattdessen Hochmut oder Übermut oder einfach mal so dahergewitzelt? Oder war es so, dass die Zitate aus dem Zusammenhang gerissen worden sind, wie Rummenigge und Nerlinger inzwischen behaupten? Telefonisch haben sie sich entschuldigt. Der VfB hat es akzeptiert, aber in Vergessenheit geraten sind die Provokationen deshalb nicht. "Wir haben jetzt einen gut bei denen in München", sagt der VfB-Manager Horst Heldt.
Das wurde vereinbart. Es dürfte in der Tat ja auch einmalig in der langen Geschichte des Europapokals sein, dass sich ein Verein derart lustig über einen Rivalen macht. Sehr befremdlich sei das gewesen, "was wir den Bayern auch zu verstehen gegeben haben", sagt Heldt. Weitere verbale Konter verkneift er sich fürs Erste. Interessant könnte dagegen sein, was Rummenigge und Nerlinger zu sagen haben, wenn der VfB heute gegen Barcelona gewinnt und die Katalanen im Rückspiel in drei Wochen sogar aus der Königsklasse wirft. Das wäre sicher etwas peinlich für den FC Bayern, der sich im Vorjahr gegen die Spanier blamierte - 0:4, 1:1. Damals hat sich der Rekordmeister nicht ehrenvoll verabschiedet, was laut Rummenigge für den VfB das Höchste der Gefühle ist.
Für Heldt sieht das Ziel anders aus. "Wir haben keine Chance, aber die wollen wir nutzen", sagt er. Er traut der VfB-Elf also eine jener Überraschungen zu, die nach den Gruppenspielen zuletzt immer wieder zu notieren waren. Acht Beispiele aus acht Jahren.
Im April 2002 bekam es Leverkusen mit dem FC Liverpool zu tun. Nach dem 0:1 im Hinspiel, für das der heutige Bayer-Profi Sami Hyypiä sorgte, gelang ein 4:2. Bis sechs Minuten vor Schluss war Leverkusen draußen - bis zum Tor von Lucio. Den nächsten Paukenschlag lieferte Bayer bereits im Halbfinale gegen Manchester United. Nach einem 2:2 auswärts reichte das 1:1 zum Einzug ins Endspiel. Erst da wurde das Team von Real Madrid gestoppt.
Ein Jahr später blieb der FC Barcelona im Viertelfinale trotz eines 1:1 im Hinspiel bei Juventus Turin auf der Strecke. In Spanien triumphierten die Italiener mit 2:1 nach Verlängerung - dank Marcelo Zalayeta, der in der 114. Minute erfolgreich war. Das war im Achtelfinale 2004 auch der FC Porto, der Manchester United in die Knie zwang. Die Entscheidung fiel in der letzten Sekunde des Rückspiels in England, als Costinha das 1:1 erzielte. Ähnlich dramatisch ging es danach im Halbfinale zu. AS Monaco schockte den FC Chelsea, der sich nach einer frühen 2:0-Führung im Rückspiel zu sicher fühlte. Hugo Ibarra und Fernando Morientes glichen aus.
Im Viertelfinale 2006 musste Inter Mailand gegen Villarreal die Segel streichen, nach einem 0:1 in Spanien. Das Achtelfinale 2007 überstand der FC Arsenal mit den aktuellen VfB-Spielern Jens Lehmann und Alexander Hleb gegen Eindhoven nicht. Die Holländer gewannen zu Hause mit 1:0 und erreichten auswärts ein 1:1. Alex unterlief ein Eigentor (58.), ehe er den PSV rettete (83.). Für Real Madrid war 2008 auch im Achtelfinale alles vorbei - zweimal 1:2 gegen den AS Rom.
Noch größer als in diesen Fällen wäre der Knalleffekt aber, wenn sich der VfB gegen Barcelona durchsetzt. Sechs Titel holten die Spanier in der vergangenen Saison - und schütteten dafür eine Prämie von 50 Millionen Euro an die Spieler aus. Das entspricht etwa dem halben VfB-Jahresumsatz. Heldt sagt: "Alleine daran erkennt man, wie die Kräfte verteilt sind" - ungleich eben. Womöglich muss der VfB seinen Traum also begraben. Den geeigneten Platz dafür hat Nerlinger ja schon mal vorgeschlagen.